Hintergrund

Was geschah in Tschernobyl? Ein Experiment mit dramatischen Folgen

Stand: 25.08.2007 16:56 Uhr

Das zerstörte Atomkraftwerk Tschernobyl kurz nach dem Unfall
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Das zerstörte Atomkraftwerk Tschernobyl kurz nach dem Unfall.

Die Reaktorkatastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl am 26. April 1986 gilt bis heute als folgenschwerster Unfall der Technikgeschichte. Auslöser war ein Experiment am Turbinengenerator des Reaktorblocks 4, das in der Nacht im Rahmen von Wartungsarbeiten durchgeführt wurde. Mit dem Testlauf sollte festgestellt werden, ob der Generator allein durch seine mechanische Tätigkeit kurzzeitig genügend Leistung liefern könnte, um wichtige Systeme zu versorgen, auch wenn er sowohl vom Netz als auch von der Dampfversorgung abgekoppelt wäre.

Zum Zeitpunkt des Unfalls wurde der Reaktor deshalb vorschriftswidrig mit nur sieben Prozent seiner Nennleistung betrieben. Konstruktionsbedingt und durch Bedienungsfehler kam es innerhalb von Sekunden zu einem starken Leistungsanstieg auf offenbar das 100-fache der Nennleistung. Eine manuelle Notabschaltung kam viel zu spät, und der Kern erhitzte sich bis zum Schmelzpunkt des Kernbrennstoffs. Das Graphit im Reaktorinneren geriet in Brand. Der obere Teil des Reaktorgebäudes wurde zerstört, Brennelemente und Teile des Kerns in die Luft geschleudert. Mit dem Großfeuer, das erst Tage später gelöscht werden konnte, wurden große Mengen Radionuklide in die Atmosphäre gesogen. (Chronologie der Ereignisse)

Radioaktiver Fallout verteilt sich über Europa

Bewohner des Dorfes Illyintsy, rund 20 km von Tschernobyl entfernt.
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Bewohner des Dorfes Illyintsy, rund 20 km von Tschernobyl entfernt. Wie Hunderte weitere Menschen wollen sie die Sperrzone trotz der Gesundheitsgefahren nicht verlassen.

Die radioaktiven Emissionen, vor allem Jod 131 und das langlebigere Cäsium 137, verteilte der Wind über ganz Europa. Eine erste Wolke zog über Polen nach Skandinavien, eine zweite über Tschechien nach Deutschland und weiter westwärts, eine dritte verteilte den Fallout über Rumänien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei.

Neben der Nähe zum Unfallort entschieden die Niederschläge über den Grad der Kontamination am Boden. Bestimmte bayerische Gebiete sind bis heute ebenso stark belastet wie als kontaminiert klassifizierte Gebiete in der Ukraine. Insgesamt wurde etwa 200.000 km² Land verseucht. Rund 70 Prozent davon befinden sich in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Ein Gebiet im Umkreis von 30 Kilometer um den Unfallort ist heute Sperrzone. Insgesamt leben rund zwei Millionen Menschen auf kontaminiertem Boden. Sogar in der Sperrzone selbst, in der das Wohnen offiziell nicht gestattet ist, wohnen schätzungsweise noch etwa 800 Menschen.

Hunderttausende verlieren ihr Zuhause

Mehr als 350.000 Menschen verließen ihre Wohnorte aufgrund des Unfalls, teils auf Anordnung, teils freiwillig. Die Evakuierten waren im Extremfall Strahlendosen von 380 Millisievert ausgesetzt, dem 150-Fachen der natürlichen Strahlung. Die mehr als 600.000 Soldaten, Feuerwehrleute und Freiwilligen, die so genannten Liquidatoren, die sich an den Aufräumarbeiten beteiligten, erhielten noch stärkere Dosen - Männer, die an den Lösch- und Aufräumarbeiten der ersten Tage beteiligt waren, bis zu 13 Sievert. Ab etwa sieben Sievert gilt Strahlung als tödlich.

Ungeklärt: Die Zahl der Todesopfer

Menschen zünden für Tschernobyl-Opfer Kerzen an.
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Am Denkmal zu Ehren der Liquidatoren von Tschernobyl in Slawutitsch gedenken Menschen der Helfer, die durch ihren Einsatz am Akw ums Leben kamen. (Aufnahme von 2005)

Die Zahl der Todesopfer gehört zu den umstrittensten Fragen im Zusammenhang mit dem Super-GAU. Genau wird sie wohl niemand je ermitteln können. Von Regierungsseite sprach man lange von 31 Toten. Eine umfassende, jedoch nicht unumstrittene Studie des Tschernobyl-Forums, in dem u.a. die IAEO, die WHO und die UN zusammenarbeiten, stellt 47 Todesfälle unter den Liquidatoren und neun weitere durch Schilddrüsenkrebs bei Kindern in direkten Zusammenhang mit der Katastrophe.

Insgesamt rechnet das Forum mit 4000 Todesfällen, vor allem durch strahlungsbedingten Krebs. Organisationen wie die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges aus den betroffenen Ländern halten diese Annahmen für untertrieben. Sie gehen von mehreren Zehntausend einsatzbedingten Todesfällen unter den Liquidatoren aus und prognostizieren mindestens 50 000 weitere Fälle von Schilddrüsenkrebs. Andere Experten sind noch pessimistischer.

Immer mehr Fälle von Schilddrüsenkrebs

An Krebs erkrankte ukrainische Kinder im Krankenhaus in Kiew (2006)
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An Krebs erkrankte ukrainische Kinder im Krankenhaus in Kiew (2006)

Der Anstieg der Schilddrüsenkrebsrate ist anders als die Zunahme anderer Krebsarten unumstritten, insbesondere bei damals unter 18-Jährigen. Etwa 4000 Fälle sind registriert, Tendenz deutlich steigend. Ursache ist das Jod 131, das die Schilddrüsen der jungen Menschen in der jodarmen Gegend besonders schnell aufgenommen hatten. Einigkeit herrscht auch über die psychische Belastung der Betroffenen. Selbst wer nicht erkrankt ist, lebt oft in der Erwartung von Folgeschäden. Das Allgemeinbefinden ist beeinträchtigt. Fatalismus und mangelndes Vertrauen in die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten sind häufig. Oft ist Armut die Folge. Hinzu kommt, dass viele Umsiedler in ihren neuen Umgebungen nicht Fuß fassen konnten und stigmatisiert sind. Um ihnen zu helfen, bedürfe es umfassender Aufklärung, hochwertiger Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sowie der Beschäftigung, heißt in der Studie des Tschernobyl-Forums.

Gigantischer ökonomischer Schaden

Das ist viel verlangt von den betroffenen Staaten, die durch den Unfall einen immensen ökonomischen Schaden erlitten. Allein der Verlust von 1,4 Millionen Hektar Land- und Forstwirtschaftsflächen verdeutlicht das Ausmaß. Ökonomen schätzen, dass sich er sich bis 2016 auf mindestens 235 Milliarden US-Dollar belaufen wird. Die Kosten für Sozialleistungen und Infrastrukturmaßnahmen verschlingen in der Ukraine und Weißrussland noch heute bis zu sieben Prozent des Staatsbudgets. Klar ist, dass die Region die finanziellen Folgen des Unfalls niemals allein wird tragen können. Die internationale Gemeinschaft wird sich daran noch viele Jahrzehnte beteiligen müssen, in Milliardenhöhe.

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