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[Bildunterschrift: ARD-Korrespondent Patrick Leclercq ]
Der Flughafen bombardiert, der Hafen blockiert, die Autobahn nach Damaskus zerstört - der Libanon ist praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Große Teile der Hisbollah-Infrastruktur wurden ebenfalls durch die israelischen Angriffe zerstört. ARD-Korrespondent Patrick Leclercq schildert im Interview die Lage in Beirut, die Auswirkungen auf Libanons Regierung und erklärt, warum Syrien der erste Gewinner des Konfliktes der Hisbollah mit Israel ist.
tagesschau.de: Herr Leclercq, es war nicht einfach, nach Beirut zu kommen - wie haben Sie es doch geschafft?
Patrick Leclercq: Ich bin vorgestern aus Kairo in Damaskus angekommen und habe dort über unseren Producer einen Fahrer gesucht - vergeblich. Denn es gab ja schon die Drohung der Israelis, außer dem Luftraum und dem Seeweg auch den Landweg zuzumachen - und damit auch die Schnellstraße zwischen Damaskus und Beirut. Ich habe mich dann bis zur Grenze fahren lassen, und den Producer in Beirut beauftragt, hier im Libanon einen Fahrer zu finden. Das war dann einfacher. Die Libanesen haben ja viel Erfahrung in diesen Dingen nach 17 Jahren Bürgerkrieg.
So 20 Kilometer hinter der Grenze hatten dann auch die Israelis schon ihre Bomben abgeworfen. Die Straße war praktisch unpassierbar, richtige Trümmerfelder links und rechts. Wir haben dann ausgerechnet, dass sie etwa drei Minuten vor uns da gewesen sein müssen - sie sind ja sehr schnell.
Wir sind dann trotzdem weitergefahren, weil der Rückweg auch sehr gefährlich gewesen wäre und es seit heute noch risikoreicher ist, zu versuchen, von Damaskus nach Beirut zu kommen. Irgendwann am frühen Morgen sind wir dann wohlbehalten hier in Beirut angekommen. Aber wir waren eines von vielleicht fünf Autos, die ich in dieser Nacht gesehen habe.
tagesschau.de: Da sind wir froh, dass Sie wohlbehalten angekommen sind. Wie sieht es denn in Beirut im Moment aus?
Leclercq: Im Moment haben wir regelmäßig die Kampfbomber über der Stadt. Es gibt dauernd Bombardierungen, auch auf das Terminalgebäude vom Flughafen, das gerade neu gebaut worden war. Es gibt auch Gerüchte, dass die Innenstadt angegriffen werden soll und die großen Brücken zerstört werden sollen. Dann könnte man sich hier nur noch ganz mühsam bewegen.
Und dann gibt es eben die Drohung - auch schriftlich - der Israelis, die südlichen Viertel zu bombardieren, wo die Hisbollah ihren Stützpunkt hat, und wo man auch ihren Anführer Scheich Nasrallah vermutet. Das wäre aber eine mittlere Katastrophe, weil das ein reines Wohngebiet ist. Da wohnen auch viele Familien, die mit der Hisbollah erst mal gar nichts zu tun haben. Das kann dann nicht ohne größere Schäden abgehen.
tagesschau.de: Sie sprachen es gerade schon an: Israel bombardiert gezielt die Infrastruktur - welche Auswirkungen hat das auf die Zivilbevölkerung?
Leclercq: Die Stadt hat überhaupt keinen Strom mehr. Alles läuft über Generatoren. Das ist für Beirut keine ungewohnte Situation, da kommt wieder der Bürgerkrieg ins Spiel, da war das auch viele Jahre so. Aber es ist nicht so, dass jetzt die Vorräte ausgegangen wären oder die Leute die Dinge des täglichen Bedarfs nicht mehr hätten. Soweit ist es noch nicht. Aber wenn der Nachschub über den Hafen - Stichwort Seeblockade - und über Syrien nicht mehr reinkommt, auch an Lebensmitteln und anderen Dingen, die man eben so braucht, dann wird es in ein paar Tagen schon eng werden.
tagesschau.de: Welche Auswirkungen haben die Angriffe auf die politische Situation im Libanon?
Leclercq: Das ist schwer zu sagen. Man kann davon ausgehen, dass politische Gruppierungen, die bisher auf Tauchstation waren, früher oder später wieder auftauchen und Ansprüche geltend machen werden. Es wird zu gegenseitigen Schuldzuweisungen kommen zwischen Christen und Muslimen auf jeden Fall. Das passiert jetzt zum Teil schon nach dem Motto "Ihr habt das angezettelt, so was könnt ihr nicht machen". Und es wird natürlich letztendlich auch die - ohnehin wacklige - Regierung tangieren, die sich aus vielerlei politischen Parteien und Initiativen zusammensetzt.
Ich denke, dass das insgesamt dafür sorgen wird, dass die Unruhe wieder losgeht, und dass man auch möglicherweise wieder Dinge erleben wird, die man auch schon vor 15 Jahren im Bürgerkrieg erlebt hat.
tagesschau.de: Sie sprachen es schon an: Die Straße von Beirut nach Damaskus ist unpassierbar. Welche Rolle spielt Syrien?
Leclercq: Ich würde mal sagen, die Syrer sind sicher schon jetzt die Gewinner in der ganzen Geschichte. Denn wenn Israel - oder jemand anders im Auftrag von Israel - irgendwann verhandeln will, dann braucht man einen Gesprächspartner. Und da gibt es nur zwei, die in Frage kommen und die Einfluss nehmen könnten auf die Hisbollah: Syrien und Iran. Und da ich jetzt mal eher ausschließen würde, dass man mit Iran verhandeln wird in der gegenwärtigen politischen Situation, haben die Syrer da plötzlich wieder den Joker. Wer hätte das gedacht?
tagesschau.de: In Israel spricht man ja schon vom Krieg. Könnte sich der jetzige Konflikt zu einem ernsthaften Krieg ausweiten? Was hieße das dann für die Region?
Leclercq: Ich würde das noch ein bisschen tiefer hängen. Ich glaube, dass wir noch nicht unmittelbar vor einem Krieg stehen, und schon gar nicht vor einem regionalen Konflikt. Ich glaube einfach, dass Israel mal wieder versucht, hier in der Region ein Zeichen zu setzen und zu demonstrieren, dass man mit so genannten Terroristen nicht verhandelt und sich auch nichts gefallen lässt.
Dass es jetzt zu einem regelrechten Krieg kommt, kann ich mir nicht vorstellen, denn das würde erstens voraussetzen, dass der Libanon eine anständige Armee hat - was er nicht hat - und zweitens, dass die Israelis bereit sind, hier einzumarschieren. Und das haben sie schon mal gemacht, wie Sie sich erinnern, das war 1982 die Operation Galiläa. Und damals sind sie eigentlich ziemlich heftig auf die Nase gefallen, wenn man das heute noch mal subsumieren würde.
Der Libanon ist auch kein leichtes Land für kriegsführende Parteien, weil es eben diese Milizionäre gibt, wie im Moment die Hisbollah mit ihren 20.000 Leuten. Aber es gibt auch jede Menge anderer Milizen, und die müsste man nur wieder aktivieren - sowohl auf der christlichen als auch auf der anderen Seite. Ich glaube, dass sich Israel auf so ein Abenteuer nicht wieder einlassen würde. Das große Fragezeichen ist aber sicherlich Syrien. Was passiert, wenn Syrien tatsächlich angegriffen werden sollte? Dann denke ich, haben wir den Krieg und sicher auch den regionalen Krieg.
Die Fragen stellte Kristina Kaul, tagesschau.de
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