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Der UN-Afghanistanbeauftragte Koenigs hat Deutschland zum Durchhalten in dem Land aufgefordert. Jedes Schwächeln eines Staates werde von den Taliban sofort beantwortet, warnte er im Interview mit der ARD nach den Entführungen der beiden Deutschen. Eine "Irakisierung" Afghanistans gebe es aber nicht.
Von Christoph Heinzle, ARD-Hörfunkstudio Südasien
[Bildunterschrift: Der UN-Sonderbauftragte für Afghanistan, Tom Koenigs: "Die Taliban-Kräfte sind sehr politisch engagiert." ]
Tom Koenigs macht sich Sorgen über die Sicherheitslage in Afghanistan. Zum aktuellen Fall der beiden entführten Deutschen will sich der Deutsche in Diensten der Vereinten Nationen zwar nicht äußern. Der UN-Sonderbeauftragte hier in Kabul räumt aber generell eine Zunahme von Anschlägen ein, eine Häufung von Entführungsfällen.
Ob das ein Trend sei, könne er aber nicht einschätzen, sagt Koenigs im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio Südasien: "Der Aufstand richtet sich sowohl gegen die Regierung als auch gegen die internationale Gemeinschaft, die sie unterstützt. Aber eine generelle Ausländerfeindlichkeit, auch im Süden, sehe ich noch nicht." Natürlich seien die leichteren Ziele diejenigen, die am wenigsten verteidigt sind, räumt Koenigs ein. "Und darunter sind dann manchmal Ausländer - Touristen oder Leute, die wirtschaftlich tätig sind. Und das ist zweifellos ein Problem."
[Bildunterschrift: In der Provinz Wardak wurden die zwei Deutschen am Mittwoch entführt. Die Hintergründe sind weiter unklar. ]
Ein Taliban-Sprecher, Kari Jusuf Ahmadi, hatte sich gestern im Namen der Islamisten zur Entführung der Deutschen bekannt. Seine Forderungen: ein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und die Freilassung von Taliban-Häftlingen. Sollten die afghanische oder die deutsche Regierung nicht bis heute Mittag Kontakt mit den Taliban aufnehmen, würden die Entführten getötet, drohte Ahmadi.
Die Bundesregierung äußerte dennoch Zweifel. Sie sieht noch keine belastbaren Hinweise, dass die Deutschen tatsächlich in der Gewalt der Taliban sind. Doch Forderungen und Zielgruppe würden zum Muster früherer Entführungen und Anschläge passen. Da suchten sich die radikalislamischen Kämpfer offenbar sehr bewusst Opfer aus Staaten mit einer intensiven Debatte über den Afghanistaneinsatz aus.
Koenigs merkt an, es habe großen Einfluss auf die Gegenseite, wie beständig etwa Deutschland sei in seiner Meinungsfindung. "Die Taliban sind in den Medien sehr präsent", berichtet er und fügt hinzu, dass jedes Schwanken von diesen als ein Sieg betrachtet werde. "Und natürlich auch ausgenutzt. Natürlich. Jedes Schwächeln irgendeines Staates wird sofort beantwortet. Diese Taliban-Kräfte sind sehr politisch engagiert."
Chat-Protokoll:An Deutschland appelliert der UN-Afghanistanbeauftragte, den Einsatz in Afghanistan trotz aller Diskussionen fortzusetzen - militärisch im Rahmen der Afghanistan-Schutztruppe Isaf und mit Hilfe für den Wiederaufbau. "Der beste Weg, das beste Ergebnis würde sein, wenn die deutsche Debatte zu dem Punkt kommt: 'Wir haben das Richtige gemacht. Wir sollen diesen Kurs fortsetzen, auch wenn es Gegenwind gibt, auch wenn wir mal schwierige Zeiten haben. Aber über die Länge betrachtet sind wir erfolgreich und sind auch erwünscht.'"
[Bildunterschrift: Wie sieht das deutsche Engagement in Afghanistan in Zukunft aus? ]
Den Bundeswehreinsatz im Norden hält Koenigs angesichts von Bedrohungen auch dort für weiterhin nötig, um eine Vernachlässigung wie im Süden zu verhindern. Gleichzeitig wünscht sich der UN-Beauftragte mehr deutsche Entwicklungsprojekte in den unruhigen Südprovinzen. "Ich fand die Entscheidung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit zum Beispiel, auch im Süden Projekte zu machen, sehr hilfreich", sagt er. Diese könnten das teilweise auch in sehr konfliktreichen Gegenden machen und seien dabei erfolgreich. So könne dort deutsches technisches Know-how angewandt werden, was auch eine gewisse Stabilisierung bringe. "Das führt vor allem dazu, dass die Leute sehen: Es lohnt sich, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten", ist Koenigs sicher.
Eine Irakisierung Afghanistans sieht er nicht. Die afghanische Bevölkerung befürworte den internationalen Militäreinsatz und die ausländische Hilfe. Und die Probleme des Landes hätten eine klare Lösungsperspektive, meint der deutsche UN-Diplomat: mit dem Bekenntnis zu Verfassung, Parlament und Regierung in Afghanistan. Und mit wirtschaftlichen Fortschritten, wenngleich nicht im ganzen Land, wie Koenigs einräumt.
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