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[Bildunterschrift: Journalisten besichtigen eine von der israelischen Luftwaffe zerstörten Straße im Süden Beiruts. ]
Süd-Beirut ist ein Zentrum der Hisbollah im Libanon. Deshalb wird der Stadtteil regelmäßig zum Ziel von Angriffen der israelischen Luftwaffe. Die Hisbollah lud Journalisten zum Rundgang durch den zerbombten Stadtteil Haret Hreik in Süd-Beirut, um die Zerstörungen zu zeigen.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkkorrespondent, zurzeit in Beirut
Treffpunkt ist eine zerstörte Brücke, die einst über eine Straße führte und vor kurzem von israelischen Kampfjets zerstört wurde: Vertreter der Hisbollah wollen einer Handvoll Journalisten am Beispiel von Haret Hreik im Süden von Beirut zeigen, was die Luftwaffe ihres größten Feindes angerichtet hat. Das Viertel ist seit Tagen immer wieder Ziel von Bombardements. Und die Angst vor weiteren Angriffen ist groß. Deshalb müssen alle im Schutz des Vorraumes einer Bank, die längst geschlossen hat, die Batterien aus ihren Mobiltelefonen nehmen. Niemand soll die Gruppe auf diese Weise orten können.
Die Gruppe besteht aus knapp zehn Leuten: Journalisten, Mitgliedern von Hisbollah und einer Übersetzerin. Sie setzt sich zügig in Bewegung. Niemand mag derzeit auf breiteren Straßen, die kaum noch befahren sind, auffällig herumlaufen. Das israelische Militär, so heißt es in Beirut, dulde niemanden in Haret Hreik und in großer Höhe sind Kampfjets unterwegs.
[Bildunterschrift: Nächtlicher Angriff auf den Süden Beiruts ]
Am Eingang des Viertels beginnen Hisbollah-Mitglieder mit Hilfe der Übersetzerin ihre Rundführung: „Da wurde ein Café getroffen, dort eine Tankstelle und eine Molkerei.“ Überall liegen Blech, Stahlstangen, Steine und Scherben. Dennoch: Die mehrstöckigen Wohnhäuser sind in der ersten Straße nicht allzu stark zerstört. Menschen indes begegnen wir kaum in diesem Viertel, das noch vor etwas mehr als einer Woche lebhaft und stark bevölkert war. Die Einwohner sind geflohen. Zurückgelassen haben sie eine Deutschland-Flagge. Sie ist quer über die Straße gespannt. Es ist das Relikt eines Fans aus der Zeit, da die völkervereinigende Fußball-WM noch einen gewissen Weltfrieden suggerierte.
Einer unserer Begleiter, Abu Ali, holt uns in die Gegenwart zurück: „Wir sind 18 Familien gewesen in unserem Haus. Und jetzt wohnen alle an unterschiedlichen Plätzen. Manche in Schulen, manche in Parks, bei Freunden oder Verwandten.“
Abu Ali ist ein gedrungener Mann mit einem kurz geschorenen Vollbart. Er hat in der Dhkash gewohnt, einer Seitenstraße. Als wir in dort einbiegen, wird offensichtlich, warum er und die anderen Menschen geflohen sind, kurz nachdem die Israelis mit ihren Bombardements begonnen haben: Dort, wo überhaupt noch Häuser stehen, gleichen sie Totenköpfen und die Fenster leeren Augenhöhlen. Die Wucht der Detonationen hat die Scheiben in allen Stockwerken zerbersten lassen. Der größte Teil indes ist zerstört. Im wahrsten Sinne des Wortes tonnenweise liegen Trümmer dort, wo einst Asphalt zu sehen gewesen sein muss.
[Bildunterschrift: Zerstörter Laden im Süden Beiruts ]
„Das da war einmal eine Kinderklinik. Tausende haben hier einmal gewohnt. Alles Zivilisten. Keine Kämpfer der Hisbollah. Die Toten waren alles Zivilisten", sagt Abu Ali. Das ist die Argumentation der Hisbollah. Die israelischen Militärs gehen jedoch von etwas anderem aus. Sie sagen, die Miliz unterhalte in Wohngebieten mit Leuten, die der "Partei Gottes" nahe stehen, Quartiere, und missbrauche die Viertel für militärische Zwecke.
Abu Ali bleibt bei seiner Feststellung: „Hier hat es keine Bewaffneten gegeben – weder libanesische Soldaten noch Kämpfer der Hisbollah. Und es ist auch kein Libanese mehr hier. Die einzigen, die noch da sind, sind Sudanesen oder Syrer, die hier als Aufpasser arbeiten.“
Abu Ali schreit zwei junge Männer an, die er offenbar nicht kennt. Sie sind plötzlich aus einem der halb zerstörten Häuser gekommen. Abu Ali hat Angst, dass die wenigen Habseligkeiten, die noch in den Wohnungen seiner Straße sein könnten, von Plünderern geraubt werden. Er ist wütend. Und er ist entsetzt angesichts dessen, was er in seiner Straße vorgefunden hat.
Aber er zeigt sich als treuer Anhänger der Hisbollah: „Wenn das in den USA passierte oder in Israel oder in Frankreich oder in einem anderen arabischen Staat – dann würden die Menschen weinen, schreien, wütend sein. Aber uns stärkt es und gibt unserem Hunger Nahrung, noch mehr zu kämpfen.“
Die Übersetzerin drängt zum Aufbruch. Es seien israelische Kampfjets in der Luft, die Haret Hreik angreifen könnten. Wohl keiner in der Gruppe wüsste, was es hier noch zu attackieren geben sollte, aber wir gehen in einer überdachten Hausdurchfahrt in Deckung. Kurz darauf stößt Khaled zu uns; er will in das Mehrfamilienhaus, in dem er bis vor kurzem noch gewohnt hat:„Ich habe ein paar Plastiktüten mitgebracht; vielleicht finde ich noch etwas, das ich mitnehmen kann.“
Es wird hektisch. Die Flugzeuge fliegen tiefer, aber Khaled bleibt ruhig: „Ich denke, dass wir dieses Land wirklich gerne verlassen würden, weil Israel gegen jede Menschlichkeit handelt. Aber wir können nicht weg. Also bleiben wir hier. Wir müssen. Wir sind jetzt im Zentrum von Beirut. Ich habe meine Familie dahin gebracht. In eine der Schulen. Jeder von hier ist jetzt in einer der Schulen.“
Dann kommt ein weiterer Mann in die Hausdurchfahrt. Er will, dass alle Tonaufnahmen sofort gestoppt werden. Ein holländischer Radioreporter muss, weil er die Stimme des Mannes noch aufgezeichnet hat, die letzten Minuten löschen. Warum, wird nicht klar. Die Leute der Hisbollah haben allerdings Angst davor, ausspioniert zu werden. 13 feindliche Agenten, so sagen sie, hätten sie schon in Haret Hreik gefangen, darunter eine Libanesin, einen Saudi und einen Jordanier. Sie sollen Ziele für die Israelis markiert haben.
Als die Gefahr vorüber ist - die israelischen Kampfflugzeuge bombardieren statt Haret Hreik wieder in der Nähe des Flughafens - ist auch der Rundgang zu Ende. Bevor wir die schützende Durchfahrt verlassen, werfen wir einen letzten Blick auf die hintere Seite des Hauses, wo sich eine Gasse anschließt. Am Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Bilder aus Dresden kaum anderes geboten. Der Name des Viertels ist nur mehr eine brutale Lüge: Haret Hreik – heißt auf Deutsch „Die belebte Gasse“.
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