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Freundlich, liberal - die Etikette, die Russlands künftigem Präsidenten Medwedjew angeheftet werden, klingen positiv. Doch nach Jahren im Schatten Putins ist noch unklar, wofür Medwedjew wirklich steht. Und mancher Beobachter sagt langfristig neue Machtkämpfe im Kreml voraus. Eines aber ist gewiss. Der neue Hausherr im Kreml liebt harte Klänge.
Von Esther Hartbrich, ARD-Hörfunkstudo Moskau
[Bildunterschrift: Noch nicht auszumachen: Wohin steuert Dimitri Medwedjew Russland? ]
Dimitri Medwedjew war schon als Jugendlicher Fan der Rockband "Deep Purple". Früher habe er kein Geld gehabt, um auf dem Schwarzmarkt Platten ausländischer Bands zu kaufen, erzählte er in einem Zeitungsinterview. Jetzt, als Aufsichtsratsvorsitzender von Gasprom, konnte er Deep Purple zum 15-jährigen Geburtstag des Unternehmens in den Kreml einladen und ihr Konzert live erleben - zusammen mit seiner Frau in der ersten Reihe.
Hinter der Bühne kam es zu einer persönlichen Begegnung mit den Musikern. "Ich konnte mir früher gar nicht vorstellen, dass ich mal die Gelegenheit haben würde, mit Deep Purple zu sprechen", freute sich der künftige Präsident. "Zum ersten Mal habe ich ihre Musik gehört, als ich 13 oder 14 Jahre alt war. Damals war die Gruppe hier praktisch verboten. Es ist wie ein Traum, diese ausgezeichnete Band im Kremlpalast erleben zu können."
Medwedjew hat im Gegensatz zu Putin ein liberales Image, weil er nicht aus dem Geheimdienst oder der Armee kommt, immer wieder Wirtschaftsreformen fordert und sich gegenüber dem Westen mit Drohungen zurückhält, weil er immer freundlich und verbindlich im Ton auftritt.
Vor den Wahlen feilte er ständig an seinem liberalen Image, möglicherweise um Wähler zu beeindrucken, vielleicht aber auch den Westen, der immer wieder den autoritären Führungsstil Wladimir Putins und fehlende Demokratie kritisiert. Mitte Februar erklärte Medwedjew auf einer Grundsatzrede im sibirischen Krasnojarsk: "Basis unserer Politik sollte ein eigentlich selbstverständliches Prinzip sein, das ich als grundlegend für das Funktionieren eines modernen Staates ansehe. Dieses Prinzip heißt: Freiheit ist besser als Unfreiheit. Es geht um die Freiheit in allen Bereichen: um die persönliche Freiheit, um die wirtschaftliche Freiheit und letztlich um die Freiheit der Selbstverwirklichung." Medwedjew forderte die Unabhängigkeit der Justiz, Pressefreiheit, den Kampf gegen die Korruption. Er erklärte, die Zahl der Beamten sei zu hoch.
Wladimir Milow, Präsident des unabhängigen Instituts für Energiepolitik, kann wenig Liberales an Medwedjew entdecken. Milow, der selber einmal stellvertretender Energieminister war, kennt den Präsidentschaftskandidaten schon lange. "Ungeachtet seines sympathischen Äußeren und der Kenntnis mehrerer Fremdsprachen, trotz seiner im Ausland genähten Anzüge, ist er kein Liberaler, er ist ziemlich konservativ und hat einen Ruf, der keinesfalls als liberal bezeichnet werden kann."
Medwedjew habe 2004 bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine, die in der orangefarbenen Revolution mündete, massiv den moskaufreundlichen Kandidaten Viktor Janukowitsch unterstützt, so Milow. Als Chef der Präsidentenadministration habe Medwedjew viele reaktionäre Gesetze auf den Weg gebracht, die die Rechte der Bürger, die Versammlungsfreiheit und die Tätigkeit von Parteien beschnitten.
Wie Präsident Putin stammt Medwedjew, 42 Jahre alt, aus dem früheren Leningrad, heute Sankt Petersburg. Er wuchs als Einzelkind in bescheidenen Verhältnissen in einer akademischen Mittelschichtfamilie auf. "Ich denke, dass ich eine gute Jugend hatte, eine gute Familie. Meine Eltern unterrichteten - mein Vater am technologischen Institut, meine Mutter lehrte Russisch und Literatur. Das drückte meiner Kindheit den Stempel auf. Denn wenn ich zurückdenke, dann waren neben dem Sport Bücher ganz wichtig."
Der aller Voraussicht nach künftige Präsident Russlands, der ein Jurastudium abgeschlossen hat, ist mit einer Wirtschaftswissenschaftlerin verheiratet, die er seit der Schulzeit kennt. Zusammen haben sie einen elfjährigen Sohn. Mit ihm besucht Medwedjew manchmal Fußballspiele. Seine Lieblingsmannschaft: der amtierende russische Meister "Zenit" aus Petersburg.
In Sankt Petersburg lernten sich Medwedjew und Putin vor mehr als 15 Jahren in der Stadtverwaltung kennen. Später holte ihn Putin nach Moskau in die Präsidialverwaltung, machte ihn zum stellvertretenden Regierungschef und zum Aufsichtsratsvorsitzenden von Gasprom. Am 10. Dezember schlug Putin Medwedjew zu seinem Nachfolger vor, Medwedew seinerseits Putin zum Regierungschef.
Im Gegensatz zu anderen Beobachtern geht der Politologe und Publizist Boris Wischnewski nicht davon aus, das Medwedjew eine Marionette Putins sein wird. "Warum rede ich von einem Konflikt? Weil das politische System so gebaut ist, dass es keinen starken Premierminister und eine schwachen Präsidenten zulässt. Es wird auf jeden Fall zu einem Konflikt kommen. Denn wir haben dann einen, der in einer starken Position war, nun aber weniger Vollmachten hat als sein früherer Untergebener, der umgekehrt jetzt mehr Vollmachten hat und als Vorgesetzter auftritt. Das kann beiden nicht gefallen."
Im Wahlkampf versprachen Putin und Medwedjew auf großen Wahlplakaten Seite an Seite: "Wir siegen gemeinsam." Doch der Wahlkampf ist vorbei.
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