Zeitungen nach Trump-Wahl | Bildquelle: dpa

Trump und die Medien "Profiteur einer veränderten Medienwelt"

Stand: 10.11.2016 18:18 Uhr

Faszinierend und abstoßend zugleich - so hat Trump vermutlich auf viele gewirkt, auch auf Journalisten. Die meisten waren von einem Sieg Clintons ausgegangen. War das Wunschdenken? Welche Rolle spielten die sozialen Netzwerke? Eine Analyse über das Verhältnis von Trump und den Medien.

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Die "New York Times" nannte ihn einen "Verrückten", als "der am wenigsten geeignete Kandidat in der amerikanischen Geschichte" wurde er auch bezeichnet. Die meisten US-Zeitungen sprachen sich für seine Gegenkandidatin Hillary Clinton aus. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen: Donald Trump wird neuer US-Präsident. Die Frage ist: Wieso? Und: Welche Rolle spielten die Journalisten dabei? Ein Erklärungsversuch.

Zwischen Voyeurismus und Ekel - Artikel über Trump wurden geklickt, Filme über Trump sorgten für Einschaltquoten. "Wirklich ernst genommen hat man ihn lange Zeit nicht. Selbst die Republikaner konnten sich Trump lange nicht als Kandidaten vorstellen. Das gilt auch für die Medien", sagt ARD-Journalistin Marion Schmickler.

Musste über jeden vermeintlichen Skandal berichtet werden?

Als in den vergangenen Monaten immer deutlicher wurde, dass Trump doch eine Chance haben könnte, reagierten die US-Medien teils mit Entsetzen. Die Berichterstattung über Trumps Skandale schien intensiver zu werden. Besonders praktisch für Trump: Wenn er wieder etwas Unanständiges twitterte, berichteten auch die etablierten Medien - oft ausführlich - über ihn. Im Nachhinein stellt sich die Frage, ob über jeden Skandal oder vermeintlichen Skandal hätte berichtet werden müssen.

Jan Werner Müller, Politikwissenschaftler Universität Princeton, zum Thema Populismus
tagesthemen 22:15 Uhr, 10.11.2016

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Der amerikanische Journalismus-Professor Jeff Jarvis macht die Medien mitverantwortlich für die bloße Existenz eines Kandidaten wie Trump: "Trump ist ein Produkt der US-Medien", sagte Jarvis dem NDR-Medienmagazin "Zapp". Hat Trump seine Skandale nur deswegen überlebt, weil die Medien ihn als "erledigt" abgestempelt haben? Manche deuten das Ergebnis nun so: Die "Mainstream-Medien" sind Teil genau der Elite, die viele Bürger bei der Wahl abstrafen wollten.

"Eine Portion Wunschdenken"

Und bei den Medien, so Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, sei "eine Portion Wunschdenken" dabei gewesen. Er spricht von einer Filterblase und Echokammer der Gemäßigten, die gehofft haben, dass ein solcher Populist die Wahl zum Präsidenten nicht gewinnen kann. Dennoch sei es zu einfach, nur den Medien die Schuld am Wahlsieg Trumps zu geben: "Aber Donald Trump ist der große Profiteur einer veränderten Medienwelt", sagt Pörksen zu tagesschau.de. Ein Bestandteil dieser Veränderung sei, dass der klassische Journalismus schwächer werde, die Durchschlagkraft seiner Enthüllungen abnehme. "Breite Kreise begegnen den etablierten Medien mit Misstrauen und Skepsis und ziehen sich in ihre Echokammer und ihr Selbstbestätigungsmilieu zurück."

Zeitungen nach Trump-Wahl | Bildquelle: REUTERS
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Nach der Wahl: Die internationale Presse berichtet über Trump.

Twitter und Facebook gegen das Establishment

Genau das hat Trump genutzt. Für ihn gehörte Medienschelte zum Wahlkampf. Er war sich offenbar sicher, den Wahlkampf ohne, ja sogar gegen die etablierten Medien zu gewinnen. Er nutzte Social Media, konnte so seine Inhalte an den etablierten Medien vorbei direkt ungefiltert verbreiten. Trump war hier der perfekte Kandidat - mit Millionen Followern. Twittern und facebooken gegen das Establishment.

Schon nach dem Brexit-Votum schrieb Dhruva Jaishankar für den Thinktank Brookings, das Zeitalter der "digitalen Demokratie" sei angebrochen. In unserer digitalen Gesellschaft seien alle Informationen jederzeit und überall verfügbar. Die Folgen: Es gibt kein Herrschaftswissen mehr, stattdessen mehr Polarisierung und Desinformation. Geht man davon aus, dass alle Informationen scheinbar gleich viel wert sind, schlägt die krasse Behauptung den Kompromiss. Doch genau dieser Kompromiss sei es, der die repräsentative Demokratie ausmacht.

Verantwortung von Facebook?

Nach diesem Erfolg von Trump stellt sich auch die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook. Trumps Wahlkampf lebte von schnellen Informationen, oft Halbwahrheiten oder gar Lügen. Über die sozialen Netzwerke verbreiten die sich rasend schnell - auch mithilfe der Algorithmen von Facebook. Denn die bevorzugen Nachrichten, die viele Leser liken oder kommentieren und machen diese für noch mehr Leser sichtbar. Facebook selbst prüft offenbar nicht, ob eine Meldung wahr ist und sah sich dafür bislang auch nicht zuständig. Das Unternehmen sieht sich als Plattform mit Inhalten von Nutzern.

Auch auf der Facebook-Seite der tagesschau diskutierten die User über den Ausgang der US-Wahl. Ein Thema war auch die Berichterstattung der ARD. Ein Kritikpunkt: Zu wenig Raum für Sieger Trump, zu viel Raum für Clinton und die Trump-Gegner. Ein User fragte zum Beispiel: "Berichtet die tagesschau jetzt anti-amerikanisch? Weil nicht der Kandidat Präsident wurde, den sie favorisiert hatten?". Ein anderer: "Liest man die Artikel und Kommentare stellt man fest, dass der deutsche Journalismus geradezu kindlich beleidigt reagiert, weil die Amerikaner es gewagt haben Trump zu wählen."

Auch in der tagesschau-Redaktion wird diskutiert

In der 20-Uhr-Ausgabe der tagesschau begann der erste Beitrag nicht mit Siegerbildern von Trump, sondern mit Verliererin Clinton. Das löste auch innerhalb der Hamburger Redaktion von ARD-aktuell Diskussionen aus. "Unsere Aufgabe wird es jetzt sein, die Politik eines Präsidenten Trump genauso kritisch und in allen Aspekten zu begleiten wie wir das bei jedem anderen wichtigen Politiker machen. Trumps extrem populistischer Wahlkampf bedeutet aber auch, dass wir sehr genau hinschauen, was er von seinen Versprechen und Ankündigungen umsetzt und wie er das tut", sagt Christiane Krogmann, Redaktionsleiterin von tagesschau.de.

Über den Umgang mit Trump werde derzeit auch im ARD-Studio in Washington diskutiert, berichtet Marion Schmickler. Sie war lange für die ARD als Korrespondentin in den USA und war nun für die Wahl wieder in Washington. Bei Gesprächen dort war Schmicklers Eindruck: "Vielen war es peinlich, sich zu Trump zu bekennen und sich überhaupt zu outen." Sie sieht die Aufgabe der Journalisten darin, alle Seiten abzubilden: Die Ängste, die mit Trump verbunden sind, aber auch die Hoffnungen. "Es ist doch gerade interessant, die Menschen zu befragen, die anders denken als wir", sagt Schmickler zu tagesschau.de. Dennoch müsse man sich auch an die eigene Nase fassen, die eigene Berichterstattung und den Umgang immer wieder hinterfragen.

Kluft zwischen Bürgern und Journalisten

Der amerikanische Journalismusprofessor Jarvis meint, die Journalisten hätten die Bürger aus den Augen verloren. Er sieht die Journalisten in der Pflicht, mit Empathie zu berichten. Empathie für diejenigen, die Trump gewählt haben. Nur so könne die Kluft zwischen Journalisten und Bürgern überwunden werden. Medienwissenschaftler Pörksen wünscht sich eine Phase der Selbstreflexion: "Wie geht man mit Populisten um? Darüber sollten wir als Gesellschaft diskutieren."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. November 2016 um 22:15 Uhr.

Autorin

Barbara Schmickler, tagesschau.de

@b_schmickler bei Twitter
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