Kommentar

Kommentar zur GB-Wahl Gründlich verzockt - zum Nachteil aller

Stand: 09.06.2017 11:33 Uhr

Großbritanniens Premierministerin May hat Cameron aus Sicht der Großbritannien-Kennerin Dittert den Rang als rücksichtslosester Zocker im Regierungsamt abgelaufen. Damit habe sie das Land nach dem Brexit-Referendum erneut ins Chaos gestürzt. Auf Dauer müsse es erneut Neuwahlen geben.

Ein Kommentar von Annette Dittert, NDR

Hochmut kommt vor dem Fall. Der inkompetente und arrogante Wahlkampf, den Theresa May vor acht Wochen ohne jede Not aus rein taktischen Gründen begann, hat sie heute Nacht dahin befördert, wo sie sich schon vorher hätte umsehen sollen: Auf den Boden der Tatsachen.

Tatsachen aber wollte sie dem Wähler eigentlich ersparen. Stattdessen verlangte sie von ihm einen Blankoscheck für die Brexit-Verhandlungen, ohne auch nur einmal zu erklären, was sie damit machen wollte. Stattdessen wurde das Land mit Leerformeln abgespeist und auf ihre Krönung eingeschworen. Nur sie sei "strong and stable", also stark und stabil genug, um mit Brüssel zu verhandeln.

Konservative haben ihr Land ins Chaos gestürzt

Das Problem war eben nur, dass sie stattdessen ängstlich, schwach und konfus daherkam. Ihre Weigerung, sich einem TV-Duell mit ihrem Herausforderer zu stellen, lief dabei genauso quer zu ihrer eigenen Wahlbotschaft wie die Tatsache, dass sie einen Teil ihres Parteiprogramms mitten im Wahlkampf wieder zurücknehmen musste. Und auch wenn sie jetzt vorerst im Amt bleibt, ist May damit so beschädigt, dass sie sich dauerhaft kaum an der Spitze ihrer Partei halten können wird. Die Tories müssen nicht erst die Fuchsjagd wieder einführen, um zu beweisen, dass sie nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, Parteifreunde umzubringen, sobald sie nach leichter Beute riechen.

Spektakulärer hat vor ihr eigentlich nur David Cameron das Schicksal des Landes aufs Spiel gesetzt, als er vor nur einem Jahr sein EU-Referendum genauso leichtsinnig einberief und es dann vor die Wand fuhr. Cameron dürfte übrigens eine gute Nacht gehabt haben, kann er doch jetzt den Rang des rücksichtslosesten Zockers im Regierungsamt elegant an Theresa May weiterreichen. Die Konservativen haben ihr Land damit aus rein taktisch innerparteilichen Gründen bereits zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit ins Chaos gestürzt. Theresa Mays ganz besonderer Wahnsinn bestand darin, diese Wahl auszurufen, nachdem sie Artikel 50 ausgelöst hatte - denn jetzt tickt die Uhr.

Auch Corbyn im Herzen ein Brexit-Befürworter

Und die Briten haben ein Parlament, das in sich so uneins und zerstritten über den EU-Ausstieg ist wie das ganze Land. Eines darf man nämlich nicht durcheinanderbringen: Jeremy Corbyn und die Labour-Partei sind nicht unbedingt die besseren Verhandlungspartner für Brüssel. Im Gegenteil: Corbyn hat das Brexit-Votum durch seine unklare Haltung vor dem Referendum überhaupt erst möglich gemacht. Im Herzen ist auch er ein Brexiteer. Als Altlinker und Crypto-Kommunist gehört er zu dem Flügel der Labour Partei, dessen Misstrauen Brüssel gegenüber mindestens so ausgeprägt ist wie bei den ultrarechten Tories. Auch Corbyn hat sich in den letzten Wochen um das Brexit-Thema im Wesentlichen herumgedrückt.

Votum gegen den harten Brexit

Das war das Erstaunlichste an diesem Wahlkampf: Die finanziellen und politischen Folgen des Brexit wurden wie vor dem Referendum von keiner der beiden großen Parteien thematisiert. Dennoch: Die Weigerung der Wähler, Theresa May einen Blankoscheck für den harten Brexit auszustellen und die hohe Wahlbeteiligung der jungen Briten, die mit ihrer Stimme für Corbyn auch ihr Votum gegen den EU-Austritt verbinden, wird die Stimmung auf der Insel gegenüber Europa verändern. Dieser Wahlausgang ist damit auch ein Votum gegen den harten Brexit - und im besten Fall beginnt jetzt endlich eine ernsthafte inhaltliche Debatte über den Brexit und die Konsequenzen, die er für die Insel haben wird.

Es klingt absurd, aber über kurz oder lang wird es Neuwahlen geben müssen. Ja, schon wieder. Die Brexit-Verhandlungen wie geplant am 19. Juni beginnen zu lassen, scheint wenig sinnvoll nach dieser Nacht - auch wenn Theresa May das jetzt möglicherweise versuchen wird. Brüssel sollte den Briten jetzt stattdessen die Zeit geben, die sie brauchen, um zu verstehen, in was für ein Debakel die konservative Partei das Land jetzt abermals gestürzt hat. Es könnte am Ende ein besserer Deal dabei herauskommen - für Europa und für Großbritannien.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. Juni 2017 um 09:00 Uhr.

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