Mashal Khans Bruder Aimal (links), sein Vater Mohammad Iqbal sowie sein Onkel Ziaullah Sha (rechts) an Mashal Khans Grab (Foto: Jürgen Webermann)

Pakistanischer Blogger Khan Vom Gotteslästerer zum Märtyrer

Stand: 13.05.2017 04:33 Uhr

Ein bösartiges Gerücht - mehr braucht es in Pakistan nicht, um einen wütenden Mob gegen einen Menschen aufzubringen. Der Blogger Mashal Khan wurde wegen angeblicher Gotteslästerung gelyncht. Sein Schicksal steht exemplarisch für viele solche Morde.

Von Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi

Es ist ein schöner, stiller Ort, an dem Mashal Khan begraben wurde: Umgeben von kleinen Bäumen und Feldern, am Rand seines Heimatdorfes Zaida. Das Grab ist verziert mit Blumen und bunten Folien.

Mashal Khans Bruder Aimal (links), sein Vater Mohammad Iqbal sowie sein Onkel Ziaullah Sha (rechts) an Mashal Khans Grab (Foto: Jürgen Webermann)
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Mashal Khans Bruder Aimal (links), sein Vater Mohammad Iqbal sowie sein Onkel Ziaullah Sha (rechts) an Mashal Khans Grab

"Er war diesem Ort sehr verbunden. Er hat hier oft gesessen, gelesen, geschrieben. Es gibt hier auch einen Friedhof. Aber meine Mutter hat entschieden, ihn hier zu begraben", sagt der 27-jährige Aimal. Das Grab seines Bruders ist längst eine kleine Pilgerstätte geworden. Gerade war ein Provinzpolitiker aus Peshawar da und hat seinem Vater die Hand geschüttelt.

Lynchmord im Namen Allahs

"Du siehst es ja, so viele Leute kommen hierher", erzählt Aimal. "Sie alle wollen zeigen, dass sie uns unterstützen und nicht diese Elemente." Diese Elemente, das war ein Mob, der aus Studenten bestand. Am 13. April jagten sie Mashal Khan, Aimals Bruder. Sie prügelten wahllos auf ihn ein, auch, als er schon tot war. Einige filmten den Lynchmord im Namen Allahs und stellten ihn auf YouTube. Das alles geschah mitten auf dem Campus der Universität von Mardan, nicht weit von Peschawar entfernt. Angeblich war Mashal Khan ein Gotteslästerer.

"Selbst unsere Nachbarn waren nach seinem Tod gegen uns", sagt Aimal. "Der Dorfmullah rief dazu auf, das Begräbnis zu boykottieren, weil Mashal ein Gotteslästerer und damit kein Moslem sei. Aber als dann klar wurde, dass jemand in seinem Namen falsche Gerüchte verbreitet hatte, begannen die Leute zu verstehen. Dann nannten ihn auf einmal einen Märtyrer. Weil er unschuldig starb."

Ein unbequemer Kämpfer für Gerechtigkeit

Was war passiert? Warum musste Mashal Khan sterben? Ein Journalistik-Student, 23 Jahre alt, er hat drei Jahre in Russland und Serbien gelebt. Voller Elan sei sein Bruder zurück gekommen, sagt Aimal. Ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, die es in Pakistan nicht gebe. "Ich habe ihn im Wohnheim besucht, vor 40 Tagen. Die anderen Studenten hatten so viel Respekt vor ihm. Ich fragte ihn noch: Hast Du irgendwelche Probleme? Aber da war nichts, er war glücklich."

Besucher am Grab (Foto: Jürgen Webermann)
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Besucher und Politiker pilgern jetzt zu Mashal Khans Grab. Direkt nach dem Blasphemiemord hatte ein Mullah noch dazu aufgerufen, das Begräbnis in seinem Heimatdorf zu boykottieren.

Die Abdul-Wali-Khan-Universität in Mardan gibt es erst seit einigen Jahren. Pakistan investiert massiv in die Hochschulbildung. Die Bevölkerung des Landes ist sehr jung - und braucht eine Perspektive. Die Universitätsgebäude wirken modern und sehr gut ausgestattet. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte durchsuchen jeden, der auf das weitläufige Gelände will.

Aber jetzt, seit dem Lynchmord, ist der Campus verwaist, die Studenten sind allesamt bei ihren Familien. Die Uni hat geschlossen. "Es gab keine Hinweise, gar nichts, dass so etwas hier passieren könnte", sagt Aimal. "Wir haben hier nie so etwas Radikales bemerkt. Ich würde sagen, das gibt es auch nicht hier. Sonst hätte ich hier nie einen Job angenommen. Mehr will ich nicht sagen, solange ermittelt wird. Aber wir bewerten das alles als Unfall."

Muhammad Shiraz leitet die Fakultät für Journalistik, an der Khan studiert hat. Shiraz kann sehr ausführlich erzählen, warum die Uni zu den besten in Pakistan gehört. Er rühmt sich internationaler Kontakte, auch nach Deutschland.

Mashal Khan prangerte Korruption an

Doch es gibt einen Verdacht, den Shiraz nicht erwähnt. Zwei Tage vor dem Mord hat der aufmüpfige Mashal Khan ein Fernsehinterview gegeben und Korruption an der Hochschule angeprangert. Kurz darauf kam das Gerücht auf, der Student sei ein Gotteslästerer. Mashals Bruder Aimal ist sich sicher, dass Verwaltungsmitarbeiter hinter all dem stecken: "Der Mord hat zwei Hintergründe: Die Uni wollte ihn los werden, weil er sie anprangerte. Und das Zweite war ein falsches Facebook-Profil in seinem Namen, mit dem gegen ihn gehetzt wurde."

Dutzende Morde wegen angeblicher Gotteslästerung

In Pakistan steht Gotteslästerung unter Todesstrafe. Allzu häufig übernimmt aber ein Mob, bevor solche Fälle vor Gericht landen. Wer unliebsame Gegner loswerden will, streut einfach ein Blasphemie-Gerücht. Internetblogger, unliebsame Journalisten, Anwälte - die Liste derjenigen, die der Gotteslästerung beschuldigt wurden, ist lang. 65 Morde gab es seit 1990.

Ein Schrein für den Mörder

Vor sechs Jahren tötete ein Extremist den Provinzgouverneur in Punjab, weil der sich auf die Seite einer Christin stellte, die angeblich den Propheten verunglimpft haben soll. Der Mörder ist so populär, dass seine Anhänger ihm am Rande der Hauptstadt Islamabad einen Schrein gebaut haben. Niemand traute sich, einzuschreiten.

Plakat am Grab (Foto: Jürgen Webermann)
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Mashal war auch politisch engagiert. Ein Politiker hat dieses Plakat mit Mashals Foto neben das Grab gehängt. Darauf steht sinngemäß: "Feiert meinen Fall nicht. Heute mag ich gefallen sein. Morgen, wenn der Wind seine Richtung ändert, könnte es auch einen von Euch treffen."

Ein Gotteslästerer, der zum Märtyrer wurde - das ist jedoch neu. Und deshalb pilgern jetzt so viele Menschen zu Khans Grab. 47 Menschen hat die Polizei nach dem Mord an Khan verhaftet, auch Universitätsmitarbeiter. Angeblich ist die Polizei aber selbst viel zu spät eingeschritten, als der Mob Khan tötete. Glaubt Aimal, dass es nach all dem Zuspruch Gerechtigkeit geben wird für seinen Bruder? "Wir hoffen darauf. Sollte das geschehen, dann wäre das wohl der erste Fall in Pakistan. Wenn es geschieht."

Neben Mashals Grab prangt, an einem Baum befestigt, ein Plakat. Ein Politiker hat es angebracht. Grob übersetzt steht darauf: "Feiert meinen Fall icht. Heute mag ich gefallen sein. Morgen, wenn der Wind seine Richtung ändert, könnte es auch einen von Euch treffen."

 

Pakistan: Vom Gotteslästerer zum Märtyrer
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
12.05.2017 21:31 Uhr

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