Mutter und Bruder des getöteten Soldaten Nasir Ahmad haben die Bomben und Schüsse im Wohnzimmer hören können | Bildquelle: Silke Diettrich

Reportage aus Afghanistan "Wir überleben, aber wir leben nicht"

Stand: 03.06.2017 12:22 Uhr

Trauer, Verzweiflung und Angst - diese Gefühle begleiten die Afghanen in vielen Landesteilen. Vor allem, seit ein Großteil der NATO-Soldaten Ende 2014 aus dem Land abgezogen ist. Eine Reportage aus einem Land ohne Hoffnung.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Shafiqa schluchzt. Ihre Tränen kann niemand sehen, die 60-jährige hat ihr Gesicht mit einer Burka verhüllt: "Wir haben Angst vor diesen Terroristen. Sie haben meinen Sohn getötet. Ich kann gar nicht sagen, wie traurig ich bin. Diese Leute sind sehr gefährlich. Ich habe mein Herz verloren, ich kann nicht mehr atmen. Was ist das hier für ein Leben. Wir überleben, aber wir leben nicht."

Zwei eingerahmte Fotos ihres jüngsten Sohns stehen auf dem Regal im Wohnzimmer. Nasir im Anzug und Nasir in Uniform. "Er hatte doch gerade erst einen Bart bekommen", murmelt die Mutter vor sich hin. Jetzt ist er tot. Nasir hatte mit 18 Jahren beschlossen, zur afghanischen Armee zu gehen, um Geld für seine Familie zu verdienen. Einen anderen Job habe er nicht gefunden, erzählt die Mutter.

Nasir Ahmad wurde 21 Jahre alt. Die Angreifer erschossen ihm beim Freitagsgebet auf dem Kasernengelände.
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Nasir Ahmad wurde 21 Jahre alt. Die Angreifer erschossen ihm beim Freitagsgebet auf dem Kasernengelände.

Mit 21 Jahren wurde sein Leben beendet. Nicht im Kampf, sondern bei einer heimtückischen Attacke, die auf seine Kaserne verübt wurde, dieses Jahr im April.

Mit ihm kamen mehr als 140 andere Soldaten ums Leben, vor allem junge Rekruten. Die Kaserne ist nur wenige hundert Meter vom Haus der Familie entfernt. Über mehrere Stunden hätten sie die Bomben und Schüsse gehört, erzählt der älteste Sohn, Khan Zaman: "Unsere Herzen sind gerast, weil wir ja wussten, dass mein Bruder in der Kaserne ist. Zu der Zeit war uns ja noch nicht klar, dass er tot ist. Wir haben es erst am Tag drauf erfahren."

Deutsche Soldaten bewegen sich nur noch mit Hubschraubern

Auch Bundeswehrsoldaten waren an dem Tag des Angriffs auf dem Kasernengelände, im so genannten Safe Haven. Das ist ein hoch abgesicherter Bereich innerhalb des afghanischen Lagers. Bis dorthin konnten die Attentäter nicht gelangen. Die deutschen und internationalen Soldaten fliegen nur noch mit Hubschraubern in das afghanische Camp. Der Weg durch die Stadt mit Fahrzeugkolonnen dauert nicht nur länger, er wäre auch zu aufwendig und gefährlich.

"Resolute Support" heißt die Mission der NATO-Soldaten in Afghanistan. Sie sind hier, um die afghanische Armee zu beraten. Oberst Peter Utsch leitet die Trainingseinheiten im Norden Afghanistans, auch für ihn war der Angriff auf die Kaserne ein großer Schock: "Ich habe mich in den Tagen nach dem 21. April in diesem Lager nicht mehr so sicher gefühlt wie vorher. Dass das passiert ist, war auch für mich unfassbar, vor allem in der Dimension. Das erinnert an ein Massaker."

Das deutsche Generalkonsulat in Mazar-i-Sharif ist völlig zerstört.
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Zerstörungen in Masar-i-Scharif. Auch das deutsche Generalkonsulat war im vergangenen Jahr Ziel eines Angriffs.

Fast die Hälfte des Landes ist umkämpft

Der Aufbau der afghanischen Armee läuft seit einigen Jahren, aber die Sicherheitskräfte kommen kaum zur Ruhe. Wie soll man trainieren, wenn man zugleich ständig im Einsatz ist? Monatlich verliert die Armee Hunderte Soldaten, die sich verletzten oder gefallen sind. Auch der Norden Afghanistans hat viele Konfliktherde, die Provinz Kundus ist ständig umkämpft. Die amerikanischen Einheiten fliegen dort Luftangriffe gegen die Aufständischen. Fast die Hälfte des gesamten Landes ist umkämpft oder in der Hand der Taliban.

Die afghanische Armee ist zumeist in der Defensive und bitte sehr häufig bei den internationalen Truppen um Unterstützung, sagt Oberst Utsch: "Die Armee ist noch nicht so weit, eigenständig zu arbeiten und die Operationen durchzuführen."

Ihre Läden haben die Geschäftsleute mit eigenen Mitteln wieder aufgebaut, das Hotel oben drüber hat nach dem Angriff auf das deutsche Generalkonsulat dicht gemacht. | Bildquelle: Silke Diettrich
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Ihre Läden haben die Geschäftsleute mit eigenen Mitteln wieder aufgebaut. Das Hotel in den oberen Geschossen ist nach dem Angriff auf das deutsche Generalkonsulat geschlossen.

Ein Teil der Familie bei den Taliban, ein anderer bei der Armee

Seit fast über zehn Jahren begleiten die NATO-Soldaten den Aufbau der afghanischen Armee. Erst in den unteren Rängen, nun in den oberen. Bei Gefechten dürfen die Bundeswehrsoldaten nicht eingreifen, das sieht das Mandat nicht vor. Sie dürfen sich aber selbst verteidigen.

Die Trainer der NATO verstehen sich als eine Art Coach. Lösungen zu finden und die Probleme an der richtigen Stelle anzupacken, das falle manchmal gar nicht so leicht in Afghanistan, sagt General André Bodemann: "Ich habe sehr viele tapfere Afghanen gesehen, die ihr Land tatsächlich verteidigen wollen, die ihre Familie verteidigen wollen. Und wir wissen von Familien, in denen ein Teil bei den Taliban ist und ein Teil bei der Polizei oder bei der afghanischen Armee. Und dort schießt man natürlich nicht aufeinander."

Keiner kauft mehr bei Haji Abdul Rahman ein, seit Angreifer um die Ecke das deutsche Konsulat im letzten November stürmten. | Bildquelle: Silke Diettrich
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Keiner kauft mehr bei Haji Abdul Rahman ein, seit Angreifer um die Ecke das deutsche Konsulat im letzten November stürmten.

In 31 von 34 Provinzen im Land gibt es Kämpfe. Mehr als zwei Millionen Menschen mussten deshalb aus ihren Häusern oder Dörfern fliehen. Die, die bleiben, wissen oft selbst nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.

Auch in den Städten gibt es immer mehr Anschläge und Zwischenfälle. Ende vergangenen Jahres gab es einen großen Angriff auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif mit acht Toten und vielen Verletzten. Das Gebäude liegt in Trümmern, die Ladenzeile daneben haben die Geschäftsleute wieder notdürftig aufgebaut. Aber es kommen keine Kunden, sagt Haji Abdul: "Das Geschäft ist gleich null. Ich habe hier Ware, die Tausende Dollar wert ist, aber keiner kauft sie."

Seit 50 Jahren schon handelt er mit Metall. Er musste seinen Laden nach dem Angriff selbst wieder aufbauen, keiner habe ihm dabei geholfen. Er habe schon viel erlebt mit seinen 72 Jahren, erzählt er: "Aber das jetzt ist die schlimmste Zeit in meinem Leben, so schlecht lief es noch nie für mich hier."

Ohne Perspektive in Masar-i-Scharif

Die Tage seien sehr still geworden im Haus, sagt Khan Zaman, der neben seiner weinenden Mutter sitzt. Sie rede kaum noch, der Vater schlafe am Tag, weil er die ganze Nacht nach seinem jüngsten Sohn rufe.

Khan ist der älteste Sohn, ein Zimmermann, arbeitslos. Seitdem mehrere Tausend internationale Soldaten Ende 2014 aus dem Camp nahe Masar-i-Scharif abgezogen sind, habe er keine Aufträge mehr: "Die Geschäfte laufen schlecht, wir haben keine Sicherheit. Wir wollen Fabriken, wir wollen etwas tun und damit Geld verdienen. Jeder ist arbeitslos hier, die Wirtschaft ist am Boden. Die Regierung bekommt nichts hin. Die Leute sterben hier und sie schauen nur zu und machen nichts."

'Wir überleben, aber leben nicht": Sicherheit in Afghanistan
S. Diettrich, ARD Neu-Delhi
03.06.2017 12:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 03. Juni 2017 um 07:46 Uhr im "Morgenecho".

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