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Tausende waren im Juli auf der Straße, als Marwa al Scherbini in Alexandria zu Grabe getragen wurde. Die "Kopftuch-Märtyrerin" war während einer Verhandlung vor dem Dresdner Landgericht erstochen worden - mutmaßlich aus fremdenfeindlichen Motiven. Heute hat dort der Prozess gegen den Täter begonnen. Wie sind die ägyptischen Erwartungen an die deutsche Justiz?
Von Esther Saoub, ARD-Hörfunkstudio Kairo
"Deutsche Kultur im Dialog" ist das Motto des Goethe-Instituts Kairo. Vor der Bibliothek in der Innenstadt steht eine Gruppe junger Studenten. Die Mädchen tragen alle Kopftücher, wie Marwa al Scherbini. Was sagen sie zu dem Prozess in Dresden?
[Bildunterschrift: Tausende Menschen erwiesen Marwa el-Sherbini im Juli in Alexandria die letzte Ehre. Inzwischen ist die Stimmung nicht mehr ganz so emotional. ]
"Ich erwarte ein Todesurteil", sagt eine. "Kein rassistisch begründetes; nicht weil ein Deutscher eine Araberin getötet hat, sondern ganz neutral - das Opfer könnte auch eine Deutsche sein oder der Täter ein Araber." "Wer tötet muss getötet werden", ein anderer. Das seien die Regeln der Gerechtigkeit. "Aber in Deutschland gibt es keine Todesstrafe", wende ich ein. "Ich weiß, das ist das Problem. Eure Gesetze sind nicht wie unsere", lautet die Antwort. "Ich bin sicher, dass es eine richtige Entscheidung geben wird", sagt eine weitere. "Damit Gerechtigkeit herrscht auf der Welt und für unser Land."
Wer in diesen Tagen als Deutscher auf Kairos Straßen Fragen stellt, hört längst nicht mehr so emotionale Antworten wie im Juli. Die Aufregung hat sich gelegt, jetzt hoffen alle auf ein angemessenes Urteil. Reda Sheta, Präsident der ägyptisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft, hofft, dass dieses abscheuliche Verbrechen keinen Schatten auf das gute Verhältnis zwischen den beiden Staaten wirft: "Das war eine Einzeltat. Und so muss man sie auch betrachten. Die deutsche und die ägyptische Gesellschaft verurteilen diese Tat. Terroristische Anschläge gibt es überall auf der Welt, und sie müssen natürlich bekämpft werden: Terrorismus hat keine Religion und keine Heimat."
Marwa el-Sherbinis Ehemann und ihr Bruder Tarek sind nach Dresden gereist, um beim Prozess dabei zu sein. Der Vater, Ali el-Sherbini, ist immer noch fassungslos, wenn er an den Tag denkt, an dem er seine Tochter verloren hat: "Stellen Sie sich vor, es wäre Angela Merkels Tochter gewesen, was hätte sie gemacht? Oder irgendeine andere deutsche Mutter? Was ist das Problem mit Marwas Kopftuch? Die Mutter Maria trägt doch auch einen Schleier. Und die Nonnen in den Klöstern. Was ist schlimm daran, wenn jemand seinen Kopf bedeckt?"
[Bildunterschrift: Marwa el-Sherbini: "Sie hat ein unabhängiges Leben geführt." ]
Die Sache mit dem Kopftuch versteht niemand hier. Duaa Mansour trägt selbst eins, sie studiert Literatur und arbeitet nebenher als Journalistin: "Marwa ist ein muslimisches Mädchen, verschleiert. Aber sie ist mit ihrem Mann ins Ausland gegangen. Sie hat ein unabhängiges Leben geführt. Das Kopftuch ist eine persönliche Entscheidung. Ich habe muslimische Freundinnen, die kein Kopftuch tragen, trotzdem könnten sie religiöser sein als ich. Das hat nichts miteinander zu tun. Wenn Marwa eine Terroristin wäre, wäre sie nicht in den Westen gegangen, um dort zu lernen und vom Westen zu profitieren! Dieser Aspekt wird immer vergessen."
Kaum ein Ägypter zweifelt daran, dass Marwas mutmaßlicher Mörder Alex W. seine gerechte Strafe erhalten wird - gemäß dem deutschen Recht natürlich. Die Familie der Toten wünscht sich allerdings, dass auch diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die im Gericht anwesend waren und nicht geholfen haben. "Wie konnte das passieren?", fragt Ali al Scherbini. "Niemand hat sie gerettet. Sie wurde getötet, und ihr Mann war auch dem Tode nahe. Und das Ganze vor ihrem dreijährigen Sohn! Was fühlen die Deutschen? Wie kommt der Richter mit seinem Gewissen klar, der damals zusehen musste - das Mädchen ist vor seinen Augen gestorben!"
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