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Reportage aus Marseille
Wo Drogendealer das Quartier beherrschen
Die Gewalt in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille eskaliert. In diesem Jahr starben wegen Revierkämpfen zwischen Drogenbanden schon 14 Menschen. Nach dem letzten Mord riefen Lokalpolitiker laut um Hilfe. Nun will die Regierung zusätzliche Polizisten schicken.
Von Daniela Kahls, MDR-Hörfunkstudio Paris
In der Hochhaussiedlung La Castellane am nördlichen Stadtrand von Marseille düsen 14-Jährige auf frisierten Mopeds an den grauen Hochhausblocks entlang. Andere Altersgenossen kontrollieren jeden Fremden, der ihr Quartier betreten will. Hat man diese jugendlichen Einlasser passiert, kann man weitergehen - zu den ebenfalls jungen Drogendealern, die in den Hauseingängen stehen und auf Kundschaft warten. Emmanuel Daher war ein solcher Dealer. Jetzt ist er Sozialarbeiter in seinem Heimatquartier La Castellane.
Das Viertel sei ein schwieriges Pflaster, berichtet er. "7000 Menschen leben hier in 1250 Wohnungen, und die Hälfte von ihnen muss mit Sozialhilfe auskommen. Hier herrscht wirklich eine enorme Armut, 65 Prozent der Menschen sind ohne Arbeit."
Durchorganisierter Drogenhandel
Mit illegalen Drogen lässt sich hier schnell viel Geld machen, auch für Schulabbrecher. Immerhin ist Marseille die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Konsumenten gibt es genug, wie den Angestellten Olivier aus der Altstadt. Er fährt regelmäßig in die nördlichen Stadtteile, um sich hier Haschisch oder anderes zu besorgen. Ihn beeindruckt zu spüren, dass man hier in der Cité "Teil eines wichtigen Geschäfts ist, deshalb hat man auch nichts zu befürchten. Es gibt die Einlasser, die die auf dich aufpassen, die Dealer, das ist richtig professionell. Und sie wissen ja auch, dass wir Konsumenten ihre wichtigste Einnahmequelle sind."
Die Besonderheit von Marseille ist, dass es hier rund 100 solcher kleineren Quartiere gibt, die alle im Stadtgebiet liegen. In jedem einzelnen dieser Quartiere wird mit Drogen gehandelt. Große Mafiabosse gibt es nicht mehr, deshalb bekriegen sich die Dealer untereinander im Kampf um Marktanteile - bis auf den Tod. In diesem Jahr starben schon 14 Menschen in Marseille durch die Kugeln von Kalaschnikows. Mittlerweile soll es in Marseille mehr Kalaschnikows als in Afghanistan geben, heißt es.
Bloß keinen Aufstand provozieren
Und die Polizei ist hilflos. Vor allem Wegschauen scheint die Devise, sagt zumindest dieser Bewohner von Marseille: "Hier haben Sie gerade eine Polizeipatrouille gesehen. Zehn Meter von den Polizisten entfernt werden hier am helllichten Tag auf dem Parkplatz Drogen verkauft. Manche Polizisten sind so überfordert, dass sie sich einfach umdrehen, um den Drogenhandel nicht zu sehen. Sie sagen, dass sie klare Anweisung von oben haben, nicht einzugreifen, um bloß keine Aufstände zu provozieren."
In die Quartiers selbst trauen sich oft nicht mal mehr Feuerwehrleute hinein, Polizisten schon gar nicht. Der Sozialarbeiter Emmanuel hat schon lange keine Polizisten mehr bei sich in La Castellane gesehen: "Die ganzen Polizisten, die sind doch unten in der Altstadt, für die Touristen. Hier um das Quartier Nord scheren die sich doch überhaupt nicht."
Stand: 07.09.2012 01:18 Uhr
