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23.02.2012

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Ausland
Megaprojekt: Französischer TGV soll in Marokko verkehren
Startschuss für TGV-Bahnlinie

Ein Eiffelturm für Marokko

Vom marokkanischen Tanger ins 350 Kilometer entfernte Casablanca in gut zwei Stunden - mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV. In fünf Jahren soll das Megaprojekt fertig sein, für das Frankreichs Präsident Sarkozy und Marokkos König Mohammed VI. nun den Grundstein legten. Vor allem für einen französischen Konzern ist das ein gutes Geschäft. Doch nicht alle freuen sich über das Projekt.

Von Marc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Gerade mal vier Stunden war Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy in Tanger. Ein Blitzbesuch. Es war die erste Visite in Marokko seit Beginn des arabischen Frühlings. Und er hat gezeigt: Vom französischen Präsidenten bekommt der alte Freund König Mohammed VI. weiterhin volle Rückendeckung. "Marokko modernisiert sich durch die Impulse von König Mohammed VI", lobte Sarkozy. "Wir haben immer wieder betont, wie sehr wie die Vision des Königs schätzen. Wir freuen uns über Marokkos steten Weg in Richtung Demokratie."

Frankreichs Präsident Sarkozy und Marokkos König Mohammed VI. in Tanger. (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Frankreichs Präsident Sarkozy und Marokkos König Mohammed VI. in Tanger. ]

Die politischen Beziehungen sind bestens. Regelmäßig verbringen Sarkozy und seine Frau Carla Bruni ihren Urlaub in Marokko - auf Einladung des Königs. Frankreich ist außerdem der wichtigste Wirtschaftspartner Marokkos. Rund 500 französische Unternehmen sind in dem Land aktiv. Ob Wasserversorgung oder Banken, Versicherungen oder Öffentlicher Nahverkehr - die Franzosen geben in ihrer früheren Kolonie wirtschaftlich immer noch den Ton an.

Aber das neue Megaprojekt TGV stellt so ziemlich alles in den Schatten. Sarkozy: "Es bewegt uns, dass wir hier den Grundstein für den ersten Hochgeschwindigkeitszug der arabischen Welt legen konnten. Gebaut von Frankreich in Marokko. Es ist französische Technik, die diesen Schnellzug baut - ein Beweis des Vertrauens in französische Unternehmen."

Der TGV soll in fünf Jahren Tanger mit dem 350 Kilometer entfernten Casablanca verbinden. Geschätzte Kosten: Rund drei Milliarden Euro. Die Hälfte davon bekommt Marokko von Frankreich geliehen, in Form eines billigen Kredits. Den Rest hat sich Marokko zum Teil bei Gebern in den Golfstaaten geborgt.

Bilder:

Ein TGV im Jahr 1981 auf der Strecke zwischen Lyon und Paris. (Foto: picture-alliance / dpa)
Bilderstrecke 30 Jahre TGV: Eine Erfolgsgeschichte Frankreichs Hochgeschwindigkeitszug in Bildern [mehr]

Ein gutes Geschäft für den Alstom-Konzern

Für den französischen Alstom-Konzern ist das ein lukratives Geschäft: 14 Züge im Gesamtwert von rund 400 Millionen Euro sind bestellt. Der Deal sichert aber nicht nur Arbeitsplätze in Frankreich, so Patrick Kron, Chef von Alstom: "Wir werden außerdem dabei helfen, Firmen zu gründen, die vor Ort arbeiten. Diese werden Material liefern, das wir brauchen - an uns, aber auch an andere. Mit diesem wichtigen Verkehrsprojekt leisten wir einen Beitrag dazu, dass sich Marokko weiter industrialisiert."

Der Hochgeschwindigkeitszug TGV (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der Hochgeschwindigkeitszug TGV. Vor 30 Jahren trat er seine Erfolgstour an. (Archivbild von 2007) ]
Der TGV soll vor allem Fahrzeiten verkürzen und die beiden Wirtschaftsmetropolen Casablanca und Tanger miteinander verbinden. Bisher dauert die Fahrt gut viereinhalb Stunden. Der TGV braucht nur halb so lang. "Das wird die Sicherheit auf den Straßen erhöhen, da sich ein Teil des Verkehrs auf die Schiene verlagert", zeigt sich Transportminister Karim Ghellab im Radiosender Medi1 überzeugt. "Die Zahl der Unfälle wird abnehmen. Pro Jahr werden zwischen Casablanca und Tanger rund 150 Menschen weniger getötet werden. Außerdem wird sich die Luftqualität verbessern, denn 20.000 Tonnen weniger Kohlendioxid werden in die Luft geblasen."

Kompletter Unfug?

Kritiker halten das Projekt allerdings für kompletten Unfug. Sie glauben, dass der Zug an den Bedürfnissen der Menschen vorbeifahre. Tatsächlich ist vielen Marokkanern schon ein Ticket für den Bummelzug zu teuer. Sie reisen lieber mit dem Bus - zumal Marokkos Bahn nur die Großstädte im Norden bedient. In weiten Teilen des Landes gibt es gar kein Schienennetz - und das wird sich auch mit dem TGV zunächst nicht ändern.

Überhaupt sei der TGV für das arme Marokko viel zu teuer, so der Unternehmer und linke Aktivist Omar Balafrej. Besonders stört ihn, dass über das Projekt niemals debattiert wurde. Es sei einfach von oben verordnet worden. "Da waren nur ein Minister und ein Direktor da, die ein paar Powerpoint-Folien aufgelegt haben", beklagt er. "Sie hätten von einem tollen Projekt geschwärmt und angekündigt, dass Marokko bald den ersten TGV habe. Ja, super! Ich hätte auch gerne einen Eiffelturm in Marokko - aber sollte das Priorität haben? Nein! Wir riskieren, einen weißen Elefanten zu schaffen."

Bilder:

Die schnellsten Züge weltweit (Foto: AFP)

Entscheidung hinter verschlossenen Türen

Auf der Suche nach Geld hatte sich Marokko auch an die Europäische Investitionsbank gewandt und um einen Kredit von 400 Millionen Euro gebeten. Deutschland legte sein Veto ein. Denn das Zugprojekt war niemals öffentlich ausgeschrieben worden, sondern stillschweigend an Alstom gegangen.

Tatsächlich fiel die Entscheidung hinter verschlossenen Türen, und zwar vor vier Jahren bei einem Treffen zwischen Sarkozy und Mohammed VI. Diplomaten zufolge soll Sarkozy damals verärgert gewesen sein, dass Marokko neue Jagdflugzeuge in den USA gekauft hat - und nicht in Frankreich. Marokko soll sich auch deswegen für den TGV entschieden haben, um die Wogen wieder zu glätten. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - erst recht in schwierigen Zeiten.

Audio: Sarkozy legt Grundstein für TGV in Marokko

AudioMarc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Rabat 30.09.2011 17:01 | 4'22
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Stand: 30.09.2011 18:11 Uhr
 

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