kleine Mao-Bibel in roter Fassung | Bildquelle: dpa

50 Jahre Mao-Bibel Heiliges Buch eines blutigen Kampfes

Stand: 16.12.2016 12:01 Uhr

Während der Kulturrevolution konnte jeder Chinese aus der Mao-Bibel zitieren. Jetzt ist sie ein Werk für Nostalgiker und Touristen. Vor 50 Jahren erschien die zweite Auflage des Zitate-Buchs.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Ein klirrend kalter Dezembermorgen in Peking: Auf dem Panjiayuan-Antiquitätenmarkt hat der Händler Wei Youhao seine Waren auf dem Boden ausgebreitet. Revolutionsführer und Staatsgründer Mao Zedong ist in seinem Sortiment allgegenwärtig: Mao-Büsten, Mao-Poster, Mao-Anhänger und diverse Ausgaben der Mao-Bibel.

"Diese Ausgaben der Mao-Bibel sind alle von 1966 oder 1968. Das hier sind Maos Gedichte", sagt Wei Youhao. Er deutet auf eine zweisprachige Mao-Bibel, die umgerechnet drei Euro kostet. "Es ist ein bedeutsames Buch, in dem viel Wahres drinsteht: Handlungsanweisungen, die einem den Weg weisen", so der Händler.

Kaum noch Teil des chinesischen Alltags

Der Antiquitätenmarkt Panjiayuan ist einer der Orte, an denen man die Mao-Bibel in Chinas Hauptstadt noch kaufen kann. Aus dem Alltag der Chinesen ist das Buch heute weitgehend verschwunden, nicht aber aus dem Gedächtnis der älteren Menschen.

Händler Wei Youhao kam 1969 in die Schule, zur Hochzeit der Kulturrevolution. Er erinnert sich noch gut an die große Bedeutung des kleinen Buches, das im chinesischen Original "Worte des Vorsitzenden Mao Zedong" heißt. "In der Schule mussten wir das alles auswendig lernen. Von der Grundschule bis zur Mittelschule. Wenn man nicht aus der Mao-Bibel zitieren konnte, durfte man den Klassenraum nicht betreten."

Die Bibel der Kulturrevolution

1966 begann in China die Kulturrevolution. Lehrer, Intellektuelle und Kulturschaffende wurden im Namen der Revolution verprügelt und gefoltert, getötet oder in den Selbstmord getrieben. Es konnte jeden treffen: Freunde, Nachbarn, die eigenen Eltern. Und das heilige Buch für den blutigen Kampf war die rote Mao-Bibel.

Die Mao-Bibel gehörte während der Kulturrevolution zur Grundausstattung jedes Chinesen im schulpflichtigen Alter. Schüler trugen das Werk bei sich, auch Arbeiter und erst recht die Rotgardisten, die Jünger und Soldaten Maos.

Mao Tse-tung | Bildquelle: AFP
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Mao Zedong war bis 1976 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas.

"Wir wurden alle verrückt, auch ich"

Auf den Massenversammlungen am Platz des Himmlischen Friedens schwenkten tausende die Mao-Bibel im roten Umschlag. Auch Yu Xiangzhen aus Peking machte 1966 als 13-jähriges Mädchen begeistert mit. Als Rotgardistin mit Mao-Bibel in der Hand. "Als Mao Zedong auf das Tor des Himmlischen Friedens stieg, schrien die Leute wie verrückt: 'Lang lebe der Vorsitzende Mao!' Wir guckten zu ihm hinauf wie zur Sonne. Wir wurden alle verrückt, auch ich. Wir sprangen und schrien herum."

Yu Xiangzhen schreibt heute einen selbstkritischen Blog über ihre Zeit als Rotgardistin. Und versucht so, die Kulturrevolution für sich selbst und für andere aufzuarbeiten. Eine Aufarbeitung, die in China eigentlich tabu ist. Die Mao-Bibel war damals ihr ständiger Begleiter. "Wir wurden so erzogen, dass Mao uns näher sein sollte als unsere Eltern. Er galt uns als Gott, alle anderen waren nichts. Jeder sollte auf ihn hören. Es war brutal. Wir wollten unsere Feinde schlagen und sie auslöschen."

"Unsere Generation hat das Buch nicht mehr"

Zeigt man jungen Chinesen heute die Mao-Bibel, huscht den meisten nur ein gequältes Lächeln übers Gesicht. Zheng Yalan und He Ting sind beide Mitte 20, junge Frauen aus Peking. Sie schlendern mit dicken Winterjacken über den Panjiayuan-Antiquitätenmarkt und suchen ein Teeservice. Aber keine Mao-Bibel.

"Ich habe von dem Buch gehört, aber es nie gelesen. Bei meinem Opa zu Hause liegt noch ein Exemplar herum. Aber unsere Generation hat das Buch nicht mehr daheim", sagt Zheng Yalan. He Ting meint, sie kenne zwar noch einige der Zitate, habe das Buch aber nicht gelesen.

Deutsche Ausgabe der Mao-Bibel

Für den Händler Wei Youhao ist die Mao-Bibel trotzdem noch ein erträgliches Geschäft. Sogar eine deutsche Ausgabe bietet er an. Auf vergilbten Seiten stehen Sätze wie: "Alle Macht kommt aus den Gewehrläufen" oder "Das Segeln über die Meere erfordert einen Steuermann".

"Ich verkaufe jedes Jahr ungefähr 1000 Bücher", erzählt Wei Youhao. Er kaufe sie günstig ein. Vor allem Touristen seien daran interessiert. "Die Hälfte der Ausgaben geht an Chinesen, die andere Hälfte an Ausländer."

Kritik an Mao ist tabu

Von der zweiten Auflage, die am 16. Dezember 1966 erschien, wurden mehr als eine Milliarde Exemplare gedruckt. Die Mao-Bibel ist heute eine Sache für Nostalgiker und Touristen. Aber der Mao-Kult lebt weiter: Sein Bild ziert jeden Geldschein in China.

Und Präsident Xi Jinping beruft sich gerne mal auf Mao und lässt rote Traditionen wieder aufleben.

Kritik an Mao Zedong und den Verbrechen, die mit der Mao-Bibel in der Hand begangen wurden, ist aber in China weiter tabu.

Kleines Buch, große Wirkung: der Siegeszug der Mao-Bibel vor 50 Jahren
A. Dorloff, ARD Peking
16.12.2016 10:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Dezember 2016 um 05:55 Uhr.

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