Manning-Prozess: Anwälte spielen Vorwürfe herunter

Prozessauftakt gegen Bradley Manning

Naiv und mit noblen Absichten?

Mit der Todesstrafe muss der ehemalige US-Soldat Manning nicht mehr rechnen. Aber er könnte ein Leben lang hinter Gittern bleiben, weil er Dokumente an WikiLeaks weitergegeben und das Leben von US-Soldaten gefährdet habe. So lauten zumindest die Beschuldigungen der Anklage gegen den 25-Jährigen.

Sabine Müller, HR-Hörfunkstudio Washington, zurzeit Fort Meade

Bradley Manning wirkt auf den ersten Blick erstaunlich aufgeräumt für einen 25-Jährigen, der damit rechnen muss, sein restliches Leben hinter Gittern zu verbringen. Der schmale, blasse Soldat in dunkelblauer Uniform redet vor Prozessbeginn angeregt mit seinem Anwalt, lacht teilweise und schaut sich in dem kleinen Gerichtssaal um.

Etwa 50 Menschen haben auf den acht dunklen Holzbänken im Zuschauerraum Platz, mehr nicht. Mannings Tante sitzt dort, ein gutes Dutzend seiner leidenschaftlichsten Unterstützer, außerdem Journalisten. Die Richterin Denise Lind klärt zunächst ein paar Verfahrensfragen - hier hört man Manning zum ersten Mal reden. "Ja, Euer Ehren", antwortet er mehrmals mit fester Stimme auf Fragen der Richterin.

Militärprozess gegen Obergefreiten Manning wegen Wikileaks-Enthüllungen
tagesschau 20:00 Uhr, 03.06.2013, Tina Hassel, ARD Washington

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Dann hat die Anklage das Wort: Captain Joe Morrow spricht für die Obama-Regierung. Gut 30 Minuten lang legt er den Fall gegen "Private First Class" Manning dar. Er beschreibt Manning als arroganten Jungspund, der nach öffentlicher Aufmerksamkeit gierte und der gerade einmal zwei Wochen nach seinem Eintreffen im Irak damit angefangen habe, geheime Informationen zu sammeln, auf die er Zugriff hatte.

Mehrfach wiederholt Morrow, der Soldat habe die nationale Sicherheit der USA und Menschenleben gefährdet und dem Feind geholfen. Hilfe für den Feind - dieser Vorwurf ist der schwerste und könnte Manning lebenslang bringen. Dafür muss die Anklage allerdings nachweisen, dass Manning absolut klar war, dass er mit seinem Handeln Amerikas Feinden half.

Ankläger  Morrow zeigt sich zuversichtlich, das zweifelsfrei beweisen zu können. Unter anderem habe Manning bei seinen Recherchen im armeeinternen Computersystem zur Enthüllungsplattform WikiLeaks mehr als einmal den klaren Hinweis gelesen, dass WikiLeaks eine Gefahr für das US-Militär darstelle und von Feinden Amerikas ausgewertet werde.

Prozessauftakt gegen Bradley Manning
S. Müller, HR Washington zzt. Fort Meade
03.06.2013 19:29 Uhr

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Kühl, reduziert, sachlich, faktenorientiert – so gibt sich die Anklage. Das genaue Gegenteil dann, als Mannings Anwalt David Coombs auftritt. Er stellt sich nicht an das hohe Pult in der Mitte des Saals, sondern steht frei, geht herum, macht ausladende Handbewegungen. Er will der Richterin und der Öffentlichkeit den Menschen Bradley Manning näherbringen: Der sei voller Vorfreude in den Irak gegangen, aber ein Vorfall am Heiligabend 2009 habe ihn verändert.

Damals hätten seine Kameraden ausgelassen gefeiert, dass bei einem Angriff auf einen US-Konvoi kein Soldat getötet oder verletzt wurde. Manning habe aber an die irakische Familie denken müssen, deren Auto von der Rakete zerfetzt worden sei. Das habe seine Wahrnehmung des Krieges grundsätzlich geändert, er habe mit den Dokumenten, die er an WikiLeaks weiterreichte, die Öffentlichkeit wachrütteln wollen.

Mannings Anwalt betont, die meisten Informationen seien längst nicht so hochgeheim gewesen, wie die Obama-Regierung tue. Außerdem habe Manning gezielt Dokumente ausgesucht, die für die USA vielleicht peinlich sein könnten, ihnen aber keinen echten Schaden zufügen würden. Das Fazit des Anwalts: Bradley Manning war jung, er war naiv, aber er hatte noble Absichten.

Stand: 03.06.2013 20:49 Uhr

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