Mutmaßlicher Wikileaks-Informant Manning sagt aus

Mutmaßlicher Wikileaks-Informant Manning sagt aus

"Ich dachte, ich würde in diesem Käfig sterben"

In 22 Punkten klagt die US-Regierung den US-Soldaten Manning an: Er soll hunderttausende Regierungsdokumente illegal an Wikileaks durchgestochen haben. Vor einem Militärgericht hat sich Manning nun erstmals selbst geäußert und über seine harschen Haftbedingungen berichtet.

Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkstudio Washington

In 22 Punkten klagt die Obama-Regierung den derzeit wohl berühmtesten US-Soldaten an: Private Bradley Manning. Er soll 2009 und 2010 illegal hunderttausende geheime Regierungsdokumente von Militärservern geladen und an die Internetplattform Wikileaks durchgestochen haben: unzensierte Daten aus dem Irak- und Afghanistankrieg sowie vertrauliche Depeschen der US-Botschaften und Konsulate.

"Held" oder "Verräter"?

Bradley Manning (Bildquelle: dapd)
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Bradley Manning bei der Ankunft in Fort Meade

Nun fand die dritte Anhörung vor dem Militärgericht in Fort Meade (Maryland) statt, die dem Prozess vorgeschaltet ist und zu der nur wenige Nachrichtenagenturen Zutritt hatten. Das Besondere: Erstmals seit seiner Verhaftung im Mai 2010 ergriff Soldat Manning dabei das Wort. Der 24-jährige noch immer jugendlich und schmächtig wirkende Mann ruft extrem leidenschaftliche und gegensätzliche Meinungen unter Amerikanern hervor, wie man auch jetzt wieder im Internet beobachten kann. Sobald die wenigen zugelassenen Nachrichtenagenturen wie AP ihren Bericht von Bradley Mannings Auftritt verbreitet hatten, hieß es: "Soldat Manning hat sich für die Wahrheit über unsere schmutzigen Kriege im Irak und in Afghanistan eingesetzt; er ist ein amerikanischer Held!" Oder: "Wer Geheimnisse ausplaudern will, darf nicht zum Militär gehen. Niemand hat ihn dorthin gezwungen. Der Landesverräter gehört standrechtlich erschossen."  

Letztere Kommentatoren ließen sich erkennbar nicht davon beeindrucken, was Bradley Manning zu berichten hatte, er als von seinem Anwalt nach der Zeit nach der Festnahme im Mai 2010 gefragt worden war. Die Army hatte Manning damals an seinem irakischen Dienstposten verhaftet und auf ihren kuwaitischen Stützpunkt Camp Arifjan gebracht. Dort sei er in einem Tierkäfig-ähnlichen Gatter gehalten worden. "Ich dachte, ich würde in diesem Käfig sterben", so Manning.  

Neun Monate in Untersuchungshaft

Es sollte schlimmer kommen. Im Juli 2010 war der Soldat auf den Marines-Stützpunkt in Quantico (Virginia) verlegt worden. Neun Monate brachte er in dortiger Untersuchungshaft zu. Obwohl keine Anklage gegen ihn erhoben geschweige denn ein Schuldspruch ergangen war, hatte der damalige Chef des Militärgefängnisses Manning monatelang in Isolationshaft gehalten; zeitweilig 23 Stunden am Tag in gleißendem Licht in einer fensterlosen Kleinstzelle, nachts nackt. Er durfte dort nicht mehr seine Brille tragen. Um Toilettenpapier musste er stets bitten. Besuch erhielt Manning nur von seinem inzwischen bestellten Anwalt, der bald darauf den folterähnlichen Umgang mit seinem Mandanten öffentlich machte.  

Bradley Manning (Bildquelle: dapd)
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Bradley Manning beschreibt vor dem Militärgericht seine Haftbedingungen und die Zelle in Quantico.

Insofern enthielten Mannings Beschreibungen gestern vor der zuständigen Militärrichterin keine Neuigkeiten. Doch nach Angaben der anwesenden Nachrichtenagentur illustrierten sie jenes äußerst fragwürdige Geschehen, das der UN-Menschenrechtsbeauftragte bereits verurteilt hat.

Die Army weist die Vorwürfe zurück: Man habe Bradley Manning als Hochsicherheits-Gefangenen betrachtet und wegen Selbstmordgefahr ununterbrochen beobachten müssen. Doch in der gestrigen Anhörung beschrieben auch zwei Psychiater des US-Heeres die harsche Behandlung des Untersuchungshäftlings in Quantico als "unnötig" und "gegen unseren medizinischen Rat".

Angebot zur Aussage

Seit April 2011 wird der aus Ohio stammende Manning in einem Militärgefängnis in Kansas nach "üblichen Häftlingsbedingungen" behandelt, wie es heißt. Dort wartet er die Entscheidung der Militärrichterin ab, ob es - wie geplant - ab Februar einen Prozess geben wird. Den möchte Manning vermeiden, weil ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe droht. Deshalb hat er nun angeboten, sich vorab in acht der insgesamt 22 Anklagepunkte schuldig zu bekennen, unter anderem, willentlich mehrere Geheimdatensammlungen für den privaten Gebrauch heruntergeladen, gespeichert und an Dritte weitergegeben zu haben. Obwohl in der anwaltlichen Schrift nicht ausdrücklich genannt, ist Wikileaks gemeint.

Laut der Richterin stehen auf diese acht Anklagepunkte bis zu 16 Jahre Freiheitsentzug. Die US-Regierung hat noch nicht erklärt, ob sie das Angebot Mannings annehmen wird. Falls ja, würde sie auf die Verfolgung der restlichen 14 Anklagepunkte und eine lebenslange Freiheitsstrafe verzichten - unter anderem wegen "Hilfe für einen Feind".  

Dieser Beitrag lief am 30. November 2012 um 06:34 Uhr bei Deutschlandradio Kultur.

Stand: 30.11.2012 07:49 Uhr

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