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Am 11. Februar 1990 war es soweit: Nelson Mandela, der berühmteste Gefangene der Welt, kam nach 27 Jahren Haft frei. Endlich hatte sich Südafrikas Präsident de Klerk entschlossen, den angeblichen Terroristen bedingungslos freizulassen. Das Empfangskomitee erfuhr erst am Vorabend davon.
Von Claus Stäcker, ARD-Hörfunkstudio Johannesburg
[Bildunterschrift: Südafrikas Nationalheld feiert den 20. Jahrestag seiner Freilassung. ]
Es gab kein aktuelles Foto von ihm, die Südafrikaner kannten nur seinen Namen. Hektisch wurden ein paar Plakate gedruckt. Die Organisatoren der Widerstandssammelbewegung United Democratic Front hofften, vielleicht noch 5000 Leute aktivieren zu können, für einen halbwegs würdigen Empfang.
Sie wurden überwältigt, als Mandela am nächsten Morgen wirklich ins Freie trat. Hunderttausende waren unterwegs. Sie bildeten ein 50 km langes Spalier bis nach Kapstadt. Dort wartete etwa eine Million Menschen auf seine Ankunft. Sie saßen auf den Dächern, sie waren auf Palmen und Lichtmasten geklettert. Der Verkehr brach zusammen. Über Nacht hatte sich das eher beschauliche Kapstadt in ein Meer aus schwarz-grün-goldenen Hüllen verwandelt, den Farben des gerade erst wieder zugelassenen Afrikanischen Nationalkongresses (ANC).
Nach Stunden kam Nelson Mandelas Konvoi am Rathaus von Kapstadt an. Er hielt eine Rede, die in doppeltem Sinne historisch ist. Bei seiner Verurteilung wegen Hochverrats, fast drei Jahrzehnte zuvor, hatte er dem Gericht seine Vision erklärt. Nun, als freier Mann, wiederholt er seine Ansprache: "Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft. Ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich glaube an das Ideal einer freien, demokratischen Gesellschaft, in der alle in Harmonie zusammenleben und die gleichen Chancen haben."
Mandela landete mitten im Umbruch, sofort begannen Verhandlungen mit der Regierung des südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk über einen Transformationsprozess bis hin zu freien Wahlen.
Das Privatleben zu sortieren, dafür blieb keine Zeit. Dabei hat Mandela auch private Ansprüche, ganz einfache. Zum Beispiel wünschte er sich am Tag seiner Entlassung von seiner damaligen Ehefrau Winnie sein Lieblingsgericht, wie Tochter Zindzi im ARD-Interview verrät: "Meine Mutter macht so eine spezielle Pasta, mit Curry-Hackfleich, eine Art Lasagne mit verschiedenen Schichten, sehr scharf. Er sah das immer als Symbol für ihren Charakter." Er habe gesagt, wenn er diese Pasta nicht am ersten Abend auf dem Tisch fände, reiche er die Scheidung ein.
Tatsächlich scheiden ließ sich Mandela nach langem Zögern erst 1996. Winnies Vorgeschichte, ihre kriminellen Aktivitäten und wohl auch ihre Affären schienen ihm das Herz zu brechen. "Ich hoffe, Sie haben Verständnis für meinen Schmerz", sagte er und beendete die kürzeste Pressekonferenz, die er je hielt.
Drei Jahre später, im Jahr 1999 zog sich der südafrikanische Volksheld aus der Politik und 2003 auch aus dem öffentlichen Leben zurück. Bei seinem Abschied bat er: "Wir hoffen, dass die Menschen Verständnis für unsere Entscheidung haben und uns die Möglichkeit für ein deutlich ruhigeres Leben eröffnen. Wir danken ihnen schon jetzt für Ihr Entgegenkommen. Rufen Sie mich nicht an. Ich rufe Sie an!"
Zu sehen war er seitdem nur noch bei Benefizveranstaltungen, seit 1998 fast immer mit seiner dritten Ehefrau Graca Machel an seiner Seite. Mandela war sehr einsam damals. Die Welt bewunderte ihn, aber nach all den Ereignissen, den Treffen, den Sitzungen kam er nach Hause und war allein. "Das Haus, in das ich damals gekommen bin war beklemmend, es war kalt", klagte er. Und diese Einsamkeit war besonders schmerzvoll für ihn. Denn nach 27 Jahren im Gefängnis hatte er sich nicht in erster Linie nach politischem Ruhm gesehnt, sondern vor allem nach einem normalen Familienleben, das er praktisch nie gehabt hatte.
[Bildunterschrift: Mandela bejubelt den Zuschlag für die Fußball-WM 2010 (14. Mai 2004) ]
Die Fußball-WM 2010 nach Südafrika zu holen, war Mandelas letzter großer Triumph: "Ich fühle mich wie ein junger Mann von Fünf", witzelte er nach der Entscheidung. Er hoffte, dass Südafrika in neuem Glanz erstrahlen werde. Heute sind die Grundfeste des Landes zwar stabil, aber die Fassade beginnt zu bröckeln.
Der ANC, dem er sein Leben widmete, zermürbt sich in Grabenkämpfen. Hautfarbe und politische Beziehungen scheinen oft wichtiger als Kompetenz und Fachwissen. Korruption ist weit verbreitet. Und Präsident Jacob Zuma untergräbt mit seinen außerehelichen Eskapaden die Vorbildfunktion als Präsident des Landes und des ANC, der vor fast 100 Jahren mit edlen Visionen gegründet worden war.
Die Studentin Bongiwe Ntshangase meint, auch wenn Mandela nun im Ruhestand sei, sei er immer noch der Staatsmann, den man respektiere: "Ich respektiere auch Jacob Zuma, aber wofür steht er denn? Er nimmt sich Frauen, als wäre das ein Gesellschaftsspiel. Mandela war Tata für uns, der Großvater. Wir feiern seinen Geburtstag, ich habe noch nie jemanden Zumas Geburtstag feiern sehen." Auch die 55-Jährige Maud Pretorius betont: "Mandela war einfach anders."
Die junge Mutter Siphesihle Ngcobo erinnert daran, dass auch andere Anteil am Befreiungskampf hatten wie "Steve Biko, Walter Sisulu, Albert Luthuli - oder zahllose Unbekannte auf dem Land und in den Townships". Mandela sei aber immer noch der Pionier. "Er war das Sahnehäubchen." Die weiße Studentin Roxann van Geelen dankt Mandela vor allem für die kulturelle Öffnung des ganzen Landes - und für die WM in diesem Jahr: "Ohne ihn hätten wir sie nie bekommen, früher wollte niemand was mit zu tun haben - wegen der Apartheid, wegen des Rassismus. Aber Dank ihm haben wir die WM und hoffen, dass sie unsere Wirtschaft vorantreibt."
Mandelas Nachfolger Zuma will zum 20. Jahrestag der Freilassung gemeinsam mit Mandela auftreten und eine historische Rede an die Nation halten. Doch ob Worte das beschädigte Ansehen der Politik reparieren können, ist fraglich.
Mandela kann es nicht mehr richten. Der fast 92-Jährige ist schwer krank und mischt sich schon lange nicht mehr ein. Die WM selbst zu eröffnen - so heißt es aus seiner Familie - sei sein letzter großer Wunsch. "Es gibt nicht viele, die auf sich achten und so lange leben wie ich. Ich bin glücklich, dass ich noch am Leben bin", bemerkt er nachdenklich.
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