Die Flagge der Inselrepublik Malta weht an einem Mast im Hafen von Valletta | Bildquelle: picture alliance / dpa

Berichte über Ausbeutung von Nordkoreanern Zwangsarbeit - mitten in Europa?

Stand: 16.01.2016 13:50 Uhr

Beim Thema Zwangsarbeit denken viele zunächst an Katar oder China. Doch auch in der EU sollen hunderte Nordkoreaner zu unwürdigen Bedingungen in Fabriken schuften. In Malta wurde nun ein solcher Fall bekannt.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Diese Menschen aus Nordkorea verlassen ihr Land nicht, um in Freiheit zu leben, sondern um ausgebeutet werden - und das nicht nur in China oder in Katar, wo Arbeiter für die riesigen Fußball-WM-Stadien gebraucht werden. Sondern auch in der EU.

In Malta sollen es mindestens 41 Arbeiter sein, die bei der Textilfabrik Leisure Clothing beschäftigt sind, ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt Valletta. Die Firma wirbt im Internet mit großer Flexibilität und mit einer großen Wettbewerbsfähigkeit. Wohl auch wegen der Hungerlöhne, die sie zahlt.

Nur ein freier Tag alle zwei Wochen

Katrine Camillieri vertritt als Anwältin zehn Arbeiter, die hier waren. Keinen der Nordkoreaner, denn die schaffen es nicht nach draußen, aber einen Chinesen und neun Vietnamesen. 75 Euro haben sie im Monat für 14-Stunden-Tage bekommen. "Überstunden wurden auch nicht bezahlt", berichtet Camillieri. "Ihren Berichten zufolge gab es nur alle zwei Wochen einen Tag Pause. Und abgesehen davon haben sie jeden Tag, auch Sonntags von 7:30 Uhr bis 21:30 am Abend gearbeitet." Ihre Pässe seien einbehalten worden und so sei ihre Freiheit, sich zu beschweren, sehr begrenzt.

Zwangsarbeiter aus Nordkorea in Malta
J.-C. Kitzler, ARD Rom
16.01.2016 11:14 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Fälle in Tschechien und Polen

So dürfte es auch den Arbeitern aus Nordkorea ergehen. Etwa 1000 sollen nach einem Expertenbericht zurzeit in EU-Ländern ausgebeutet werden. Vor allem, um ihrer Heimat Devisen zu beschaffen. 90 Prozent des Lohns, so schätzen die Experten, dürfen sie nicht behalten. In Polen gab es Fälle, in Tschechien - und eben auch in Malta.

Marcus Noland, vom Peterson Institut für internationale Wirtschaft in Washington DC, hat auch untersucht, wie die Arbeitskräfte vermittelt werden: "Es muss eine gesetzliche Vereinbarung geben, um eine große Zahl von Arbeitern zu 'importieren'. Normalerweise läuft das über eine staatliche nordkoreanische Arbeitsagentur und einen Arbeitgeber oder eine Arbeitsagentur im Gastland."

Regierung schaut weg

Maltas Mitte-Links-Regierung hat bisher mindestens ein Auge zugedrückt, wenn nicht beide Augen verschlossen. Die Ausgebeuteten haben Arbeitsvisa, gewisse Mindeststandards wurden zugesichert - aber überprüft wurde das bislang offenbar nicht. Dennoch gibt auch der zuständige Minister für Migration, Camelo Abela, indirekt zu, dass es mehr als nur den Fall Leisure Clothing gibt: "Es gibt den den Fall einer Baufirma, die eine Zahl Koreaner beschäftigt. Dort läuft ein Gerichtsverfahren, aber ich will das nicht kommentieren."

Wie das Verfahren ausgeht, ist noch nicht absehbar. Aber das Thema sorgt inzwischen auch in Malta für Interesse. Zeitungen des kleinsten EU-Landes haben schon über die Verhaftung des Chinesen Bin Han berichtet, des Geschäftsführers von Leisure Clothing. Und es gibt inzwischen auch die Forderung, dass Malta besser kontrollieren muss, wer auf dem Inselstaat ein Visum bekommt und ob bei den Arbeitern aus dem Ausland die gesetzlichen Mindeststandards eingehalten werden.

Davon kann bei den Nordkoreanern wohl keine Rede sein. Eher von Ausbeutung und sklavenartigen Zuständen - mitten in einem Land der EU.

Mehr zum Thema sehen Sie am Sonntag im Europamagazin - um 12:45 Uhr im Ersten.

Dieser Beitrag lief am 16. Januar 2016 um 08:25 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: