Eines der von den Islamisten zertörten Mausoleen in Timbuktu | Bildquelle: AFP

Timbuktu nach der Befreiung von den Islamisten Mali fürchtet um sein kulturelles Gedächtnis

Stand: 29.01.2013 15:22 Uhr

In Timbuktu feiern die Menschen die Flucht der Islamisten. Doch es kommt auch zu Plünderungen. Und es wird offenbar, wie viele der kostbaren religiösen und kulturellen Stätten zerstört oder beschädigt wurden. Wissenschaftler fürchten um das kulturelle Gedächtnis Malis.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat

Kinder in Timbuktu begrüßen malisches Militär | Bildquelle: AFP
galerie

Das Militär ist eingerückt, die Einwohner von Timbuktu können sich wieder frei bewegen.

Es war seit vielen Monaten die erste Nacht in Timbuktu, in der die Menschen nicht in ihren Häusern bleiben und vor den Islamisten zittern mussten. Französische und malische Truppen kontrollieren die Straßen. Strom und  Wasser gibt es noch immer nicht, Handys haben keinen Empfang. In einer Reaktion lassen viele Einwohner ihrer Wut über die monatelange Besatzung Lauf. Sie plündern die Geschäfte arabischstämmiger Händler, die sie der Kollaboration mit den Islamisten bezichtigen.

Doch es herrscht auch große Freude: "Die Terroristen sind weg, die Toubabs sind da, die Weißen, die Franzosen!", jubelt  Dounda Traoré. Wie die meisten Bewohner von Timbuktu hat auch er den Einmarsch der alliierten Truppen miterlebt und er hat die ganze Nacht gefeiert: "Wir sind außer uns vor Freude. Wir haben so lange auf Hilfe gewartet, und jetzt ist sie endlich da! Wir können tun, was wir wollen: rauchen, trinken, uns frei bewegen. Wir sind wieder frei, und Freiheit ist doch das Wertvollste auf der Welt!

Terror im Namen der Religion

Timbuktu ist befreit, die berühmte Oasenstadt in der Wüste, die sagenumwobene Stadt der 333 Heiligen. Es ist eine Erlösung für die Bevölkerung und ein extrem wichtiges Symbol für Mali und auch für die Geberkonferenz in Addis Abeba. Dort kamen 456 Millionen Dollar für den afrikanischen Einsatz gegen die Islamisten in Mali zusammen. Doch die Freiheit hatte bereits ihren Preis, und den haben die Menschen in Timbuktu bitter bezahlt.

Samuel Sidibé, der Direktor des malischen Nationalmuseums: "Wir sind ein Land mit einer so friedlichen Geschichte, ein islamisches Land. Dann terrorisieren Menschen im Namen der Religion die Leute, schneiden ihnen Arme ab, zerstören Kulturgüter, quasi unser Erbe. Das ist beispiellos und unerklärbar."

Blinde Zerstörungswut in einem Zentrum des Geistes

Steinigungen hat es gegeben, Amputationen, Vergewaltigungen. Doch die Islamisten, die selbst ernannten Verteidiger des Glaubens, setzten auch alles daran, die Seele der Stadt zu zerstören. 

Mit Gewehren, Hacken und Äxten zerstörten sie schon im vergangenen Jahr das Weltkulturerbe. Die meisten Mausoleen der Heiligen sind nur noch Schutt und Asche. Immerhin sollen die weltberühmten Lehmmoscheen die Kämpfe überstanden haben. Doch bei ihrer Flucht steckten die Islamisten die Ahmed-Baba-Bibliothek in Brand. Dort waren kostbare, jahrhundertealte Manuskripte untergebracht. Sie hatten Timbuktus Ruf als Perle der Sahara mitgeprägt - als Zentrum des Geistes, des intellektuellen und zugleich mystischen Islam. Es ist ein Islam, der in Timbuktu seit dem Mittelalter gelebt wurde. 

Alte Schriften im Besitz einer 48-jährigen Frau aus Timbuktu, Archivbild von 2004 | Bildquelle: AP
galerie

In der alten Universitätsstadt Timbuktu wurden zahlreiche Schriften aufbewahrt. Viele haben die Islamisten offenbar zerstört. (Archivbild von 2004)

"Es gibt Manuskripte über die Religion, den Koran, aber auch Wissenschaftliches zu Mathematik, Astrologie, Astronomie, Medizin. Wir kennen den Wert oft gar nicht, weil wir Forscher keine Zeit hatten, sie ordentlich zu untersuchen", sagt Susana Molins Lliteras von der Universität Kapstadt. Sie hat viele Jahre selbst in Timbuktu gearbeitet, um die Kulturschätze im Rahmen des "Tomboctou Manuscript Project" zu erforschen.

Jetzt ist sie tief erschüttert: "Man weiß nicht genau, welche und wie viele Manuskripte zerstört oder beschädigt sind, und in welchem Ausmaß. Von den mehr als 30.000 Manuskripten, die dort allein in der Bibliothek lagern, sind weniger als 9000 katalogisiert, ganz zu schweigen von Übersetzungen!"

Das kulturelle Gedächtnis vor dem Untergang retten

Auch Samuel Sidibé von Malis Nationalmuseum in Bamako legt betroffen die Hände vors Gesicht. Die Islamisten hätten nicht nur Malis Gegenwart verändert, sondern seiner Heimat auch eine schwere Last für die Zukunft aufgebürdet. Mali müsse sein kulturelles Gedächtnis retten. Wie, das wisse derzeit niemand.

Er sagt: "Die Geschichte hat schon oft wahre Plagen bereitgehalten für die Länder der Welt. Viele waren dramatisch. Aber unsere Plage hier in Mali ist sehr hart. Die Malier müssen sich jetzt fragen, wie sie in Zukunft verhindern können, dass so etwas noch mal passiert."

Karte Mali
galerie

Gao und Timbuktu, einst im von Islamisten kontrollierten Gebiet, sind nun unter Kontrolle der französisch-malischen Truppen.

Darstellung: