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Islamisten zerstören offenbar Bibliothek
Ein kulturelles Verbrechen in Timbuktu
Die Wut ist groß auf die Islamisten in Mali. Nicht nur ihre Gräueltaten gegen die Einwohner sorgen für Zorn. Gewaltige Entrüstung löste auch die Nachricht aus, dass die Islamisten die Bibliothek in der Wüstenstadt Timbuktu angesteckt und damit offenbar Tausende Schriften zerstört haben.
Von Hendrik Buhrs, ARD-Hörfunkstudio Rabat
Straße für Straße durchkämmen die malischen und französischen Soldaten Timbuktu. Nur allmählich geht es voran. Nach der erfolgreichen Umkreisung der Stadt muss jetzt sichergestellt werden, dass in den schmalen Gassen keine gefährlichen Überraschungen mehr lauern: versteckte Guerillakämpfer, Sprengfallen oder sonstige Hinterlassenschaften der selbsternannten Gotteskrieger.
Ein dreiviertel Jahr lang hatten islamistische Milizen Timbuktu kontrolliert. Die meisten von ihnen sind jetzt, so scheint es, verschwunden. Aber sie haben verbrannte Erde hinterlassen, im übertragenen und im eigentlichen Wortsinn.
Der Bürgermeister der geschichtsträchtigen Wüstenstadt klagt über verkohlte Manuskripte. "Sie haben die Bibliothek Achmed Baba angesteckt", sagt ein tief erschütterter Hallé Ousmane, der noch nicht wieder nach Timbuktu zurückgekehrt ist, aber seine Informationen von dort über Kontaktleute bekommt. Unabhängige Journalisten sind in Timbuktu nicht vor Ort.
Zorn über die Islamisten
Die Achmed-Baba-Bibliothek war erst vor vier Jahren eröffnet worden, der Bau hatte mehrere Millionen Euro gekostet. In dem modernen Gebäude lagern Zehntausende der kunstvollen Schriftstücke, für die die alte Universitätsstadt weltberühmt ist. Sie sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Wie viel davon in den vergangenen Tagen durch wütende Islamisten zerstört wurde, ist noch nicht klar. Zu befürchten ist ein kulturelles Verbrechen.
"Das ist eine völlig sinnlose Aktion", sagt der Regionspräsident von Timbuktu, Mohammed Ibrahim Cissé. "Man kann nicht im Namen des Islams sprechen und dann solche Handschriften verbrennen. Die gehören der ganzen Menschheit. Manuskripte verbrennen ist dumm. Und auch unislamisch!"
Timbuktu unter Kontrolle der französischen und malischen Armee
nachtmagazin 00:15 Uhr, 29.01.2013, Ellis Fröder, ARD Paris
Gräueltaten bringen die Einwohner auf
Wie die Lokalpolitiker im Exil dürften das auch die Menschen in Timbuktu selbst sehen. Seit dem vorigen April wehte über den öffentlichen Gebäuden die schwarze Flagge der Radikalen. Die bärtigen Kalaschnikowträger schändeten Mausoleen, die in Timbuktu zur Tradition gehören. Sie drangsalierten Stadtbewohner, die nicht nach ihren strikten Regeln leben wollten. Am Wochenende, meint Bürgermeister Ousmane, hätten sie einen jungen Chauffeur bei lebendigem Leib verbrannt. "Sein Vergehen war, dass er 'Vive la France', 'Es lebe Frankreich', gerufen hat. Der wurde einfach ohne viel Federlesen hingerichtet."
Islamisten zerstören offenbar Bibliothek in Timbuktu
H. Buhrs, ARD Rabat
28.01.2013 19:32 Uhr
Freudentänze beim Einrücken der Franzosen
Während Timbuktu erst langsam seine Befreiung erlebt, sind die Menschen in Gao schon weiter. Die zweite größere Stadt in Nordmali war am Wochenende unter die Kontrolle der malischen und französischen Truppen gebracht worden. Dort hätten sich karnevalsartige Szenen abgespielt, berichten Bewohner: Freudentänze auf der Straße mit Musik und Zigaretten, ohne Angst vor Peitschenhieben.
Flüchtlinge aus Gao, die sich gerade im Süden auf den Weg heimwärts machen, erzählen: "Wir packen unsere Sachen und fahren wieder nach Hause. Das ist ein schöner Tag, wir sind sehr zufrieden. Bevor wir geflüchtet sind, haben uns die Islamisten der Mujao sehr zugesetzt. Wir konnten uns noch nicht mal kurze Hosen anziehen, für diesen Kleidungsstil hätte man uns verprügelt."
In allen befreiten Orten der Region wächst jetzt die Angst vor Lynchjustiz, vor heftiger Rache an Kollaborateuren der geflüchteten Islamisten.
Die Militärs ihrerseits haben jetzt die letzte größere Radikalenhochburg im Visier: Kidal im Nordosten. Doch viele in Mali stellen sich die Frage, wohin die fanatischen Besatzer eigentlich geflüchtet sind und wann sie sich zurückmelden.
Stand: 28.01.2013 18:12 Uhr
