Dossier: Mali

Militär-Einsatz in Mali Erst Gao, dann Timbuktu?

Stand: 28.01.2013 01:13 Uhr

Nach Gao ist die Rebellenhochburg Timbuktu das nächste Ziel der malischen und französischen Soldaten. Den Truppen sei es gelungen, den Zugang zur historischen Wüstenstadt zu sichern, teilte die französische Armee mit. Die Flüchtlinge in Gao können es kaum erwarten. Sie wollen nach Hause - nach Timbuktu..

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Auf dem Rollfeld des Militärflughafens von Gao landen tarnfarbene Transportmaschinen. An Bord sind hunderte Soldaten aus dem Tschad und dem Niger. Sie gehören zur afrikanischen Unterstützermission MISMA und sie kommen als Verstärkung für die französischen und malischen Truppen.

Es ist der bisher größte und wichtigste Erfolg der Offensive gegen die Islamisten im Norden Malis - und er ist ein Symbol: Gao ist wieder frei, die strategisch so wichtige Stadt im Nordosten des Landes, direkt am Niger-Fluss. Hier hatten neun Monate lang die selbst ernannten Heiligen Krieger der Gruppe Mujao das Sagen, die Islampolizisten, die die Bevölkerung mit der radikalen Auslegung der Scharia terrorisierten.

"Überglücklich, wieder zu Hause zu sein"

Vor ihnen musste im April vergangenen Jahres auch Bürgermeister Sadou Diallo flüchten. Nun ist er wieder zurück. Tief bewegt und stolz betritt er zum ersten Mal wieder Heimatboden - mit grauem Anzug und Bürgermeisterschärpe in Malis Nationalfarben Grün, Gelb und Rot. Die schwarzen Fahnen der Islamisten sollen von allen öffentlichen Gebäuden heruntergerissen und verbrannt worden sein. "Ich kann kaum ausdrücken, was ich fühle: Ich bin überglücklich, wieder zu Hause zu sein. Ich danke Gott, und ich danke Frankreich. Ich danke dem französischen Präsidenten Francois Hollande, dass er den Hilferuf meines Präsidenten erhört hat", sagt Diallo.

Ein französischer Soldat in Zentral-Mali | Bildquelle: dpa
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Ein französischer Soldat im Militärkonvoi Richtung Timbuktu.

Nun patrouillieren malische und französische Einheiten durch Gao, doch noch soll die Stadt nicht vollständig gesichert sein. Die Soldaten haben Angst vor einem Guerillakrieg. Auf den Bildern malischer Kameraleute sind geplünderte Geschäfte zu sehen, völlig zerstörte oder von Einschusslöchern durchsiebte Gebäude. Am Stadtrand von Gao stehen schrottreife Pick-Up-Geländewagen und Rollpanzer der Islamisten. Französische Kampfjets hatten sie kurz vor der Bodenoffensive zerstört. Aus den Wracks steigt Rauch steigt auf.

Was Journalisten vom Kriegsgebiet zu sehen bekommen, bestimmt die französische Armee. Unabhängige Informationen gibt es nicht. Leichen werden nie gezeigt. Über einige Hundert getötete Terroristen wird spekuliert, über tote Zivilisten oder andere "Kollateralschäden" französischer Angriffe ist bislang nichts bekannt.

"Finger weg von Kriegsgeräten"

Ein paar hundert Kilometer weiter südlich, in einer Schule in Sévaré, läuft die Aufklärung über die Gefahren des Krieges auf Hochtouren. Birama Coulibaly von der Organisation "Handicap International" hat rund hundert Kinder in einem Klassenraum versammelt. Seine eindringliche Warnung: Finger weg von Kriegsgeräten. "Jeder kann hier auf Waffen stoßen, auf Sprengstoff oder auf Munition, die die Islamisten bei den Gefechten zurückgelassen haben."

Nana hört aufmerksam zu. Mit ihrer Familie war die 13-Jährige im vergangenen Jahr aus Timbuktu in den Süden geflohen. "Es wird alles gutgehen. Die Soldaten sind ja in den Norden unterwegs, um die Islamisten zu verjagen", ist sie überzeugt.

Flüchtlinge wollen heim - nach Timbuktu

Bilder eines zerstörten Mausoleums in Timbuktu. | Bildquelle: AFP
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Bilder eines zerstörten Mausoleums in Timbuktu.

Timbuktu - Nanas Heimat. Die sagenumwobene Wüstenstadt der 333 Heiligen - sie hat beinahe ihre Seele verloren. Die Bilder der zerstörten Mausoleen, der langbärtigen Islamisten, der öffentlichen Steinigungen - all das ging im vergangenen Jahr um die Welt. Nun könnten Timbuktu und seine Bevölkerung erlöst werden. Offenbar stehen französische und malische Truppen unmittelbar vor der Eroberung der Stadt.

Nanas Mutter Aminatta kann kaum noch schlafen vor Sorge und Ungewissheit. Von anderen Flüchtlingen in Sévaré hat sie gehört, dass die Islamisten sich aus Timbuktu zurückziehen. Aber Aminatta fürchtet, dass der Rest ihrer Familie in Timbuktu gerade ums Überleben kämpft . Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich weiter zu quälen – und zu warten. "Wir haben keinen  Kontakt mehr in den Norden. Die Handynetze sind tot, es gibt keine Möglichkeit, unseren Angehörigen Nahrungsmittel zu schicken oder sonst irgendwie zu helfen. Ich frage mich, wie sie da oben zurechtkommen, sie leiden Hunger, seit Monaten ist die Versorgung zusammengebrochen. Die Menschen sind in einer sehr schwierigen Lage."

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