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Krise im westafrikanischen Mali

Angst vor einem afrikanischen Afghanistan

Die Situation in Mali bleibt weiter angespannt. Zwar hat der UN-Sicherheitsrat den Weg für einen Militäreinsatz im Norden Mails frei gemacht. Doch der Einfluss der Islamisten ist weiter groß. Die Rebellen zerstörten erneut muslimische Heiligtümer. Die Angst vor einem "afrikanischen Afghanistan" wächst.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat

Antreten, marschieren, tiefste Gangart: Nachwuchs-Rekruten schwitzen in der Sonne. Hier im Camp Sévaré vor den Toren von Mopti, an der "Demarkationslinie" zwischen Malis Süden und dem Norden, lassen sich junge Freiwillige zu Soldaten ausbilden. Seit neun Monaten gehört auch Soumaila Dembébé zu den etwas mehr als eintausend Milizen der FLN, der Front für die Befreiung des Nordens.

Soumaila ist 22 und kommt eigentlich aus dem Süden. Aber als der Norden Malis den radikalen Islamisten in die Hände fiel, hat er sich sofort zum Dienst gemeldet: "Ich bin hier, weil ich mein Land befreien will. Meine Heimat ist eben auch der Norden Malis. Wir müssen diese Verbrecher vertreiben, diese Drogenhändler und Terroristen. Das sind islamistische Kriminelle, die kommen zum großen Teil nicht einmal aus Mali. Wir sind Patrioten. Der Norden wird frei sein!"

Mali zwischen Resolution und Chaos
A. Göbel, ARD Rabat
22.12.2012 21:40 Uhr

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"Ein Dialog ist unmöglich!"

So wie Soumaila geht es Tausenden jungen Männern in verschiedenen Militär-Camps. Sie sind noch schlechter ausgerüstet als die desolate malische Armee, dennoch wollen sie es mit den Rebellen aufnehmen. Dass sie Opfer eines Himmelfahrtskommandos sein könnten, gegen schätzungsweise drei- bis fünftausend schwer bewaffnete Islamisten, nehmen sie in Kauf.

Für Soumaila stehen die Zeichen eindeutig auf Krieg: "Ein Dialog ist unmöglich! Mit wem soll man denn verhandeln? Wir halten nichts von diesen Tuareg-Rebellen der MNLA, die uns ihr unabhängiges Azawad aufzwingen wollen. Und wir lehnen auch Ansar Dine ab, diese selbst ernannten Glaubenswächter, und auch diese Dschihadisten von Mujao. Wir werden sie alle besiegen, mit einem Militäreinsatz!"

Rebellen der Islamistengruppe Ansar Dine
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Rebellen der Islamistengruppe Ansar Dine

Bilder eines zerstörten Mausoleums in Timbuktu.
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Die Islamisten zerstörten erneut mehrere Mausoleen in Timbuktu.

Soumaila und seine Kameraden schöpfen gerade neue Hoffnung, dass sie Unterstützung bekommen. Nicht nur von der auf knapp 4500 Mann dezimierten malischen Armee, sondern von internationalen Truppen: Dafür hat der UN-Sicherheitsrat in New York nun grundsätzlich grünes Licht gegeben - nach monatelangen Verhandlungen. Malis Außenminister Hubert Tieman war dabei und begrüßte den Entschluss: "Der UNO-Sicherheitsrat hat ein historische Entscheidung getroffen. Er erlaubt die Entsendung einer internationalen Eingreiftruppe unter afrikanischer Führung, um die malischen Streitkräfte bei der Wiederherstellung der Souveränität des Staates zu unterstützen."

Unterstützung der UN kommt - aber wann?

"African-led International Support Mission in Mali", kurz: AFISMA - so soll die  Unterstützungsmission für Mali heißen. Sie soll zunächst auf ein Jahr befristet sein, rund 3300 Mann umfassen und von Mitgliedsstaaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS gestellt werden, also etwa von Nigeria, Tschad, Niger, Togo, Ghana und anderen. Aus der EU und den USA soll vor allem finanzielle und logistische Hilfe kommen. Auch Ausbilder der Bundeswehr könnten bald afrikanische Soldaten trainieren.

Allerdings bedeutet die UN-Resolution noch lange nicht, dass es bald losgehen könnte mit AFISMA. Ein konkreter Termin für den Einsatz wird nicht genannt. Romano Prodi, der UN-Sondergesandte für den Sahel, spricht von frühestens September 2013. Zunächst verlangt die Resolution Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Mali, und zwar noch vor April 2013.

Krise ist kein rein afrikanisches Problem

Für Hannes Stegemann, Sahel-Experte der Caritas, ist das eine von vielen Ungereimtheiten der Resolution: Offenbar glaube man bei den Vereinten Nationen, tatsächlich Wahlen in einem Land durchführen zu können, das zu zwei Dritteln von Islamisten und Tuareg-Rebellen besetzt sei: "Das ist glaube ich der Kern-Widerspruch", sagt Stegemann. "Denn die logische Reihenfolge der Dinge würde es nötig machen, dass man die Autorität der Zentralregierung im Norden Malis wiederherstellt, damit im ganzen Land Wahlen abgehalten werden können. Erst im Süden Wahlen abzuhalten und dann anschließend den Norden zu befreien, ergibt eigentlich keinen logischen Sinn!"

Sinn ergibt es für den Caritas-Experten auch nicht, dass die UN-Resolution die Krise in Mali als ein rein afrikanisches Problem darstellt. Schließlich gebe es im Norden Malis mittlerweile auch Kämpfer aus Afghanistan, aus Pakistan, aus Mauretanien, und auch Salafisten aus Algerien, die in den 90er-Jahren bereits am Krieg in Algerien beteiligt waren und sich jetzt in den unzugänglichen Norden Malis zurückgezogen haben.

Wenn Schlüsselstaaten wie vor allem Algerien nicht mehr Verantwortung übernähmen und ihren Einfluss geltend machten, könnten die Folgen einer Militäroperation verheerend sein: Guerilla-Krieg, Anschläge, Terror. Das Ergebnis wäre ein Sahelistan, ein afrikanisches Afghanistan, wie es schon viele Experten befürchten.  

Welche Rolle spielen die Nachbarstaaten?

"Es ist ja bisher relativ wenig durchgesickert, wie dieser Militäreinsatz ablaufen soll", sagt Stegemann. "Es geht ja in erster Linie um die Befreiung der großen Städte, also Gao, Timbuktu, Kidal. Eine ganz andere Frage ist dann, wie dieser riesengroße Raum, etwa tausend Kilometer mal tausend Kilometer, dann mittel- und langfristig geschützt werden kann. Das ist das große Fragezeichen, ob es da Bündnisabsprachen mit den Nachbarstaaten gibt. Denn Malis Armee alleine wird es nicht machen können, und auch eine westafrikanische Eingreiftruppe von 3300 Mann kann ja nicht für immer im Norden Malis stehen."

Soldaten in Mali
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Die Bevölkerung von Mali will nicht länger verhandeln. "Wir wollen den Krieg", sagen sie.

Malis Übergangsregierung will von solcher Kritik nichts hören. In Bamako ist man - auch aus politischen Gründen - erleichtert, dass die internationale Gemeinschaft ernst machen und an der Drohkulisse gegen die Islamisten mitbauen will. "Wir werden gegen die Terroristen in den Krieg ziehen und gleichzeitig weiterhin mit denjenigen Brüdern verhandeln, die zum Dialog bereit sind", zitiert die Webseite "Maliacatu.net" einen Sprecher von Präsident Dioncounda Traoré.

Verhandeln - mit wem? Das ist die nächste Frage, auf die es keine Antwort gibt. Fakt ist: Auch wenn die radikalen Islamisten von Ansar Dine - darunter viele malische Tuareg - erklärt haben, sie hätten dem Terrorismus abgeschworen und den Kontakt zu Al Kaida im Islamischen Maghreb abgebrochen, haben sie ebenso wenig den Rückhalt der Bevölkerung im Norden Malis wie die Tuareg der MNLA, ganz zu schweigen von den selbst ernannten Heiligen Kriegern von Mujao. Und Fakt ist auch: Die Islampolizei fährt weiter durch Gao, Timbuktu und Kidal, im Namen der Scharia werden weiter Menschen gesteinigt, amputiert, vergewaltigt.  

"Wir wollen den Krieg!"

"Nein, momentan kann man nicht behaupten, dass es eine Lösung gibt", sagt Iba Ndiaye, Sprecher der Anti-Putschisten in Bamako. "Wir alle suchen danach, fieberhaft. Das Problem ist so komplex, und es gibt so viele Akteure in diesem Spiel. Wie soll man das alles unter einen Hut bekommen? Schon die einzelnen Teile der Krise sind, jeder für sich genommen, eigentlich kaum lösbar. Wir haben es hier mit den größten, komplexesten Schwierigkeiten zu tun, die Mali jemals hatte."

Die Menschen in Bamako wollen von Schwierigkeiten und Bedenken nichts mehr hören. "On veut la guerre", heißt es, "wir wollen den Krieg. Schluss mit den Verhandlungen!" Das wäre das Ende der Diplomatie - aber, so scheint es, noch lange nicht der Anfang von etwas Besserem in Mali. 

Islamisten zerstören erneut Heiligtümer in Mali
tagesschau 20:00 Uhr, 24.12.2012, Birgit Virnich, ARD Nairobi

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Dieser Beitrag lief am 22. Dezember 2012 um 13:32 Uhr im Deutschlandfunk.

Stand: 24.12.2012 03:07 Uhr

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