Der Maidan in Kiew nach der Eskalation (Archivbild)

Todesschüsse auf dem Maidan 2014 Die Nacht, die alles veränderte

Stand: 20.02.2015 16:29 Uhr

Schüsse, Tote, Verletzte und überall Trauernde: Als vor einem Jahr die Situation auf dem Maidan eskaliert war, berichtete ARD-Reporter Bernd Großheim von dem zentralen Platz in Kiew. Heute blickt er auf die entscheidenden Stunden der Revolution zurück.

Von Bernd Großheim, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Kiew, Maidan, genau vor einem Jahr: Die ganze Nacht über liefern sich Polizei und Protestierende Straßenschlachten. Der gesamte Platz brennt, Zelte, Barrikaden gehen in Flammen auf. Am Vormittag ziehen sich dann die Polizisten plötzlich zurück, vorbei am Hotel Ukraina, einem Hochhaus an der Institutska Straße.

Demonstranten laufen hinterher - und in ihren Tod. Sie werden erschossen. Filmaufnahmen zeigen uniformierte Scharfschützen mit Spezialgewehren, es sterben auch Polizisten, möglicherweise durch Schüsse aus den Reihen der Demonstranten.

Maidan
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Vor einem Jahr: Demonstranten suchen Schutz hinter brennenden Barrikaden auf dem Maidan.

Als ich in das Hotel Ukraina komme, wird mir der Weg versperrt. Sechs Männer kommen mit einer Trage heraus, auf der ein schwer verletzter Mann liegt, offensichtlich mit einem Kopfschuss. In der Lobby bietet sich ein seltsames Bild, die rechte Seite ist verhängt mit Tüchern. Die linke Seite ist zum Operationssaal geworden.

Von Gewehrkugeln durchlöcherte Scheiben

Die Damen an der Hotelrezeption weinen. In einer solchen Situation hier einzuchecken, ist gespenstisch. Hinter den aufgespannten Tücher höre ich  Frauen wimmern, und mir wird klar, dass die Vorhänge den Blick auf die Toten verbergen, die dort liegen und betrauert werden.

Unendlich scheint die Zeit, in der ich auf meinen Schlüssel warte. Auf dem Weg zum Zimmer sehe ich im Treppenhaus die von Gewehrkugeln durchlöcherten Scheiben. Ein Kollege empfiehlt mir, mit dem Fahrstuhl zu fahren und nicht Treppen zu steigen.

Das Fenster meines Zimmers geht zur Institutska Straße raus. Dort haben die Scharfschützen gelegen, vielleicht liegen sie noch da. Immer wieder sind Schüsse zu hören, ich ziehe die Gardine zu. Unten in der Lobby stellen sich Ärzte und Helfer zu einem Spalier auf, singen die ukrainische Nationalhymne, als die Toten herausgetragen werden.

Bewaffnete suchen im Hotel nach Scharfschützen

Am späten Abend hämmert es an der Zimmertür. Ich öffne sie einen Spalt, draußen steht ein junger Mann mit Helm und einem Metallschild, über den er rüberlinst. Als er sich vergewissert hat, dass ich unbewaffnet bin, kommt er rein, zieht die Gardinen zur Seite. Er wolle schauen, ob sich hier Scharfschützen versteckt hielten. Dann geht er wieder.

Drei Stunden später, ich liege vollkommen angezogen auf dem Bett, wiederholt sich die Prozedur. Der Schlaf wird immer wieder durch Schüsse unterbrochen. Um 7 Uhr beginnen am 21. Februar drei Stunden Livegespräche mit ARD-Radiosendern. Dazu habe ich mich hinter das Bett gesetzt, damit ich für den Fall, dass jemand mein Fenster beschießt, zumindest ein bisschen geschützt bin.

Aufgebahrte Leichen auf dem Maidan
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Ebenfalls vor einem Jahr: Die Leichen der Opfer werden auf dem Platz aufgebahrt.

Der Schock am Tag danach

Ich erzähle in den Sendungen immer wieder von den Toten, den Verletzten, von den Ärzten, von meiner Nacht im Hotel. Um 10.00 Uhr beschließe ich, diesen Ort zu verlassen. Ich packe meine Sachen, schließe die Zimmertür, nehme den Fahrstuhl, nicht das Treppenhaus, gehe durch die Lobby hinaus.

Ein paar Meter sind es zum Maidan. Zehntausende Menschen stehen dort, noch immer geschockt von dem, was einen Tag zuvor passierte. Mindestens 100 Menschen sind tot. Der Platz ist rußgeschwärzt, alle Pflastersteine sind herausgerissen, um sie als Wurfgeschosse zu verwenden.

Ich gehe den Boulevard Chreschtschatik entlang, durch die letzte meterhohe Barrikade, eigentlich eine achtspurige Prachtstraße. Nun ist es der Platz einer Revolution, die ihre Toten betrauert.

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