Marokkos König Mohammed VI | Bildquelle: AFP

Maghreb-Länder zu Syrien Solidarität mit Aleppo? Eher nicht!

Stand: 16.12.2016 20:29 Uhr

Die Schlacht um Aleppo müsste in liberaleren arabischen Staaten wie Marokko oder Tunesien doch einen Aufschrei hervorrufen - möchte man meinen. Tatsächlich gibt es dort aber kaum Proteste. Und auch die Politik schweigt meist.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Es ist keine riesige Demonstration in der marokkanischen Hafenstadt Casablanca. Vielleicht zwei- oder dreihundert Menschen haben sich dort versammelt. Sie rufen nach Solidarität mit den "Müttern der Märtyrer" in Syrien.

Solidaritätskundgebung in Casablanca für die Menschen in Aleppo | Bildquelle: REUTERS
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Solidaritätskundgebungen mit Syrien - wie diese in Casablanca - sind selten in Marokko.

Unter den Demonstranten sind viele Anhänger der radikal-islamischen Vereinigung für Gerechtigkeit und Wohlfahrt. Und einige Vertreter linker Parteien in Marokko. Es sind diejenigen, die die Syrien-Politik ihres Landes kritisch betrachten. Diejenigen, die Syriens Herrscher Baschar al-Assad lieber heute als morgen gestürzt sehen wollen.

Zwei heikle Sätze

Das übrige Marokko spricht über den Syrien-Konflikt nur, wenn es sein muss - weil das Thema extrem heikel ist im Königreich. Der amtierende Regierungschef Abdelilah Benkirane bekam das vor zwei Wochen mit voller Wucht zu spüren. Benkirane hatte ein Interview gegeben und wurde nach dem Syrien-Krieg gefragt. Er sagte zwei Sätze, die ihm dann ganz schnell um die Ohren flogen:

"Was das syrische Regime seinem Volk antut, unterstützt durch Russland und andere, ist jenseits der Grenzen der Menschlichkeit."

"Die Frage ist: warum zerstört Russland Syrien derart? Russland könnte doch intervenieren, um eine Lösung zu finden - anstatt die Krise zu verschärfen."

Russlands Botschafter stand auf der Matte

Kaum war das öffentlich, passierten zwei Dinge: Russlands Botschafter in Marokko stand beim marokkanischen Außenministerium auf der Matte. Und kurz darauf gab es ein Kommuniqué, in dem zwei Dinge klargestellt wurden: Marokko respektiere die Positionen Russlands in internationalen Fragen. Und es sei Sache des Königs in Marokko, die entscheidenden Grundlinien der Außenpolitik zu steuern.

Marokkos König Mohammed VI | Bildquelle: REUTERS
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Die Grundlinien der Außenpolitik sind Sache von König Mohammed, stellte Marokko schnell klar...

Der marokkanische Premierminister Abdelilah Benkirane | Bildquelle: AFP
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... und verpasste dem Premierminister Abdelilah Benkirane damit quasi einen Maulkorb.

Enge Beziehungen zu Saudi-Arabien

Ein Maulkorb also für Regierungschef Benkirane. Weil Marokko im Syrien-Konflikt zwischen vielen Stühlen sitzt. Einerseits, weil Marokkos König seit einiger Zeit an einer strategischen Beziehung zu Russland bastelt. Da stört Kritik an Putins Syrien-Politik. Und Putin stützt Assad.

Andererseits aber hegt und pflegt der Monarch enge Beziehungen zu Saudi-Arabien und anderen Golf-Staaten. Von dort kommt viel Geld, sehr viel Geld ins Königreich Marokko: Geld für Investitionen oder für Waffen. Die Saudis und Katar wollen aber Assads Sturz.

Wenn der König schweigt - wer will dann den Mund aufreißen?

Und dann ist da noch die Stimmung in der eigenen Bevölkerung: Viele halten Assad vielleicht für keinen guten Herrscher. Aber sie sehen sein Syrien als starkes Gegengewicht zu Israel - und zum sogenannten "Islamischen Staat".

Innerhalb dieses Dreiecks lavieren König und Regierung in der Syrien-Frage - meistens schweigend. Und wenn der König schweigt - wer will dann öffentlich den Mund aufreißen?

Karte Tunesien Algerien Marokko
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Eine Karte von Tunesien, Algerien und Marokko.

Mythos des Panarabismus

Ganz ähnlich verhält es sich in Algerien und Tunesien. Gegen Assad zu sein, wird von vielen als Verrat an der panarabischen Sache interpretiert. Gleichzeitig bekommt aber auch Tunesien erhebliche Unterstützung aus der Golfregion. Allerdings ist auch dort ist der Mythos des Panarabismus, der angeblichen Gemeinschaft der Arabischen Welt, immer noch weit verbreitet. Und Assad gehört dazu.

Im Gegensatz dazu gibt es ein starkes Misstrauen gegenüber den USA oder Großbritannien. Beide sind verrufen, als "imperialistische Mächte" nur ihre eigenen Interessen in der Arabischen Welt zu verfolgen. Und die Europäische Union? Die zählt für die Maghrebiner im Syrien-Konflikt nicht.

Spagat der Maghreb-Länder im Syrien-Konflikt
J. Borchers, ARD Rabat
16.12.2016 19:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 am 17. Dezember 2016 um 07:13 Uhr

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