Rote-Kreuz-Fahrzeuge vor Madaya | Bildquelle: AFP

Hungerkatastrophe im Syrien Hunderte Kranke aus Madaya gebracht

Stand: 12.01.2016 11:34 Uhr

Der gesundheitliche Zustand vieler Einwohner der syrischen Stadt Madaja ist äußerst kritisch. Die eingetroffenen Hilfskräfte sollen inzwischen mindestens 300 vom Hungertod bedrohte Menschen aus der Stadt gebracht haben. Hunderte weitere brauchen dringend ärztliche Hilfe.

Die Hilfskräfte, die die belagerte syrische Stadt Madaya erreicht haben, kämpfen um das Leben von Hunderten Menschen. Mindestens 300 vom Hungertod bedrohte Bewohner seien aus der Stadt gebracht worden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Zudem gebe es rund 400 weitere Menschen, die wegen ihres schlechten Zustandes sofort behandelt werden müssten.

Auch die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power sagte, die Vereinten Nationen hätteb bei einer Beratung des Weltsicherheitsrates von mehr als 400 Menschen berichtet, die sich in Madaya "am Rande des Todes" befänden und aus medizinischen Gründen sofort aus dem Ort gebracht werden müssten.

Konvoi bringt 330 Tonnen Nahrungsmittel ins syrische Madaya
tagesschau 12:00 Uhr, 12.01.2016, Ulli Neuhoff, SWR

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Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.  

Kein Essen wegen Belagerung

Die rund 40.000 Einwohner von Madaya waren ein halbes Jahr lang von syrischen Regierungstruppen und verbündeten Milizen eingeschlossen worden. Essen gab es keines mehr. Laut Hilfsorganisationen verhungerten bislang mindestens 28 Menschen.

Am Montag erreichten Hilfskonvois neben Madaya auch die schiitischen Dörfer Fua und Kfarja. Das UN-Welternährungsprogramm erklärte, die nach Madaya gebrachte Nahrung werde etwa für einen Monat reichen. Nach Fua und Kfarja sollten 20.000 Monatsrationen gehen. "Es ist wirklich herzzerreißend, die Situation der Leute zu sehen", sagte der Sprecher des Roten Kreuzes, Pawel Krzysiek, der die Verteilung in Madaya betreute. "Vor einer Weile wurde ich von einem kleinen Mädchen angesprochen und ihre erste Frage war: 'Bringst du Essen?'"

Syriens Regierung dementiert

Ein an dem Einsatz beteiligter Vertreter des UN-Flüchtlingskommissars sagte, obwohl es kalt sei und regne, seien die Menschen aufgeregt, weil ihnen Nahrungsmittel und Decken gegeben würden. Die humanitäre Hilfe war vergangene Woche vereinbart worden, nachdem es Berichte gegeben hatte, in den drei Orten seien Menschen an Unterernährung gestorben.

Syriens UN-Botschafter Baschar Dscha'afari dementierte im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York, dass irgendjemand in Madaya verhungere. Dies seien "Vorwürfe und Lügen", die das arabische Fernsehen erfunden habe. Gleichzeitig beschuldigte er "bewaffnete Terrorgruppen", Hilfsgüter zu stehlen und für überteuerte Preise weiterzuverkaufen. "Die syrische Regierung hat keine Strategie des Hungerns gegen seine eigene Bevölkerung angewendet und wird dies nicht tun", sagte er.

In dem seit fast fünf Jahren tobenden Bürgerkrieg sind mehr als 250.000 Menschen getötet und mehr als eine Million verletzt worden. Etwa die Hälfte der einmal 23 Millionen Syrer wurde aus ihren Häusern vertrieben.

Aushungern - ein Kriegsverbrechen

Das gezielte Aushungern von Zivilisten gilt völkerrechtlich als Kriegsverbrechen. Laut Völkerstrafgesetzbuch wird mit mindestens drei Jahren Haft bestraft, "wer das Aushungern von Zivilpersonen als Methode der Kriegsführung einsetzt, indem er ihnen die für sie lebensnotwendigen Gegenstände vorenthält oder Hilfslieferungen unter Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht behindert".

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