Luxemburgische Grenze

Petition für Amtssprache Luxemburgs Sorge um die Identität

Stand: 06.12.2016 22:01 Uhr

In Luxemburg wächst der Widerstand gegen Zuwanderer aus den Nachbarländern. Eine Sorge ist, dass bald nur noch eine Minderheit die Landessprache spricht. Luxemburgisch solle erste Amtssprache werden, wird nun in einer Petition gefordert. Der Zuspruch ist groß.

Von Malte Pieper, ARD-Studio Brüssel

Er ist wohl der Mann des Jahres in Luxemburg: Ein Mann, der eine steile Karriere hingelegt hat. Bis zum Sommer kannte kaum Jemand Lucien Welter. Dann setzte der sich eines Abends vor seinen Computer und tippte eine Eingabe, eine Petition an das luxemburgische Parlament. Mit überraschendem Erfolg, wie er selbst einräumt. Binnen kürzester Zeit wurde sein Anliegen, seine Petition, die erfolgreichste aller Zeiten im Großherzogtum:

Sein Anliegen lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Luxemburgisch soll erste Amtssprache werden, soll sich endlich von den anderen beiden dort verwendeten Sprachen, Deutsch und Französisch, abheben. Eine Forderung, die inzwischen extrem polarisiert, erklärt Fernand Fehlen, der renommierteste Sprachsoziologe des Landes:

"Die luxemburgische Gesellschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren extrem gewandelt: Von einer kleinen, übertrieben gesagt ländlichen Gesellschaft ist sie jetzt kosmopolitisch geworden."

Überdurchschnittliche Gehälter und viele Zuwanderer

Und was für eine. Luxemburg ist nicht nur das reichste Land innerhalb der EU, auch weltweit verfügt das kleine Großherzogtum nominal über das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner. Die Gehälter sind international überdurchschnittlich, von der Rente mal ganz zu schweigen. Was ist es also dann, was zu solchem Unwohlsein führt? Jean-Lou Siweck atmet tief ein. Siweck ist Chefredakteur des "Luxemburger Worts", der mit Abstand größten Zeitung im Land. "Unser Erfolg wird durchaus zum Problem. Wir sind so erfolgreich, dass extrem viele Menschen zu uns ziehen."

Allein seit 2006 ist Luxemburg von 450.000 auf 550.000 Einwohner gewachsen, also um gut 100.000 Menschen innerhalb von zehn Jahren. Nur noch ganz knapp stellen die Einheimischen noch die Mehrheit im eigenen Land. In der Hauptstadt Luxemburg dagegen sind sie bereits heillos in der Minderheit - hier sind bereits um die 70 Prozent Ausländer: "Da ist es nicht erstaunlich, dass sich die Einheimischen Fragen stellen!"

Luxemburg
galerie

Luxemburg ist das reichste EU-Land. Viele Menschen suchen hier Arbeit.

Die negativen Seiten: Wohnungsnot und lange Arbeitswege

Zumal fast alle inzwischen die negativen Seiten des immensen Wachstums zu spüren bekommen. In Luxemburg herrscht Wohnungsnot. Vor allem bezahlbare Wohnungen sind extreme Mangelware. Familien bauen deshalb ihre Häuser immer öfter im angrenzenden Belgien, Frankreich oder Deutschland. Ganz einfach weil sie sie in ihrem eigenen Land nicht mehr bezahlen können. Die Strecke zur Arbeit wird immer länger, die Staus auch, das Pendeln mitunter zur Tortur.

Andererseits dominieren im täglichen Leben die Ausländer, weil die Luxemburger die "einfachen" Jobs nicht mehr machen. Dann trifft man eben auf die französische Verkäuferin beim Bäcker, die weder Luxemburgisch noch Deutsch spricht. Oder den portugiesische Taxifahrer, der schon einmal in die falsche Richtung davonfährt. "Von daher wird die Frage immer häufiger gestellt: Wo wollen wir eigentlich hin?" unterstreicht Chefredakteur Siweck:

"Was wird Luxemburg morgen sein? Wird es noch immer ein Land sein, in dem eine Mehrheit von Luxemburgern lebt und es eben darüber hinaus Ausländer gibt, die für eine kürzere oder längere Zeit zu uns kommen und deren Kinder sich dann integrieren? Integrieren in dem Sinne, dass sie Luxemburger werden und nicht weiter auffallen."

Oder aber verwischen alle Grenzen, und Luxemburg wird irgendwann irgendwie zu einem "multikulturellen Einheitsbrei"? Ganz ähnlich sieht es auch Sprachsoziologe Fernand Fehlen:

"Die Sprachenfrage ist in Luxemburg immer ein Indikator für andere Probleme, denn im alltäglichen Leben funktioniert die Kommunikation zwischen Luxemburgern und Nicht-Luxemburgern in der Regel sehr gut, weil die Luxemburger durch die Bank alle mehrsprachig sind."

Luxemburgisch - genug Worte für juristische Texte?

Lucien Welter ficht das hingegen kaum an. Er bleibt bei seiner Petition, will der luxemburgischen Sprache endlich den Stellenwert verschaffen, der ihr seines Erachtens zusteht. Als ersten Schritt will er alle Gesetze des Landes aus dem Französischen ins Luxemburgische übertragen. Auch wenn Experten warnen, dass die luxemburgische Sprache gar nicht genug Worte hat, um juristische Sachverhalte präzise genug auszudrücken.

Mitte Januar wird Welter vom Parlament angehört werden. "Und ich erwarte, dass dann auch was passiert und mein Anliegen nicht in der Versenkung verschwindet", sagt er. Selbst wenn, wie wohl zu erwarten, Welters Anliegen nicht unmittelbar aufgegriffen und Luxemburgisch zur ersten Amtssprache erklärt wird. Klar ist angesichts des Zuspruchs, dass der gelernte Koch einen Stein ins Rollen gebracht hat. Ob es eine wahre Lawine wird, dürfte erst in einigen Jahren klar sein.

Trump-Virus im reichsten EU-Land: Luxemburgs Sorge um die Identität
M. Pieper, ARD London
06.12.2016 21:52 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Dezember 2016 um 05:48 Uhr

Darstellung: