Zwei Feuerwehrleute schauen sich den ausgebrannten Grenfell Tower in London an | Bildquelle: REUTERS

Brand in Londoner Hochhaus Zahl der Toten steigt auf 30

Stand: 16.06.2017 13:30 Uhr

Das verheerende Feuer im Grenfell Tower hat nach Angaben der Polizei mindestens 30 Menschen das Leben gekostet. Hinweise auf Brandstiftung gibt es bislang nicht. Unterdessen wächst unter den Betroffenen die Wut.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Viele Bewohner des Grenfell Towers haben die zweite Nacht nach dem verheerenden Brand in Notunterkünften verbracht, in Turnhallen und Schulen. Die Verwaltung des Bezirks Kensington tut sich schwer, schnell für alle Betroffenen neue Wohnungen zu finden. Denn es sind nicht nur die Überlebenden des ausgebrannten Gebäudes mit 120 Wohnungen, die jetzt obdachlos sind, sondern auch Hunderte von Menschen aus den evakuierten Häusern drumherum.

"Alle hier sind wütend"

Die Wut dieser Menschen wächst. Sie richtet sich gegen inkompetente Politiker, geldgierige Hausverwalter und möglicherweise nachlässige Bauunternehmen. Nachbarin Natasha Green sucht immer noch nach der zwölf Jahre alten vermissten Schulfreundin ihrer Tochter. Sie sei wütend, sagt sie, "alle hier sind wütend. So viele Menschen sind unnötig gestorben". Ihrer Meinung nach hätte diese Katastrophe vermieden werden können.

Die Polizei informiert

- Nach dem verheerenden Feuer im Grenfell Tower im Westen Londons ist die Zahl der Toten auf 30 gestiegen, weitere Opfer werden befürchtet.
- 24 Menschen werden noch im Krankenhaus behandelt.
- Zwölf der Verletzten liegen auf der Intensivstation.
- Bislang gibt es keine Hinweise auf Brandstiftung.

(Stand 16.06.2017)

Forderungen werden laut, die Verantwortlichen für die Brandkatastrophe hinter Schloss und Riegel zu bringen. Ein Anwohner sagt: "Wenn Sie wie ich aus meinem Fenster gesehen haben, wie dieses Gebäude in Flammen aufgegangen ist, dann wissen Sie, dass da irgendjemand von den Verantwortlichen einen katastrophalen Fehler gemacht hat. Noch trauern wir, aber bald muss da jemand zur Verantwortung gezogen werden."

Essen wird an Anwohner des Grenfell Tower in London verteilt | Bildquelle: AP
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Viele Bewohner müssen in Notunterkünften übernachten und werden in Gemeinschaftseinrichtungen mit Essen versorgt.

Empfehlungen von Experten ignoriert

Rechtzeitige Warnungen seien auf taube Ohren gestoßen, nach früheren ähnlichen Bränden seien die Bau- und Brandschutzvorschriften nicht angepasst worden - so die Kritik. 2009 hatte es einen ähnlichen Brand im Süden Londons gegeben. 2013 listete eine Expertenkommission die Fehler auf, die zu dem damaligen Feuer geführt hatten und gab der Regierung Empfehlungen für die Verschärfung des Brandschutzes. Nichts davon wurde umgesetzt.

David Lammy, Londoner Abgeordneter der Labour-Opposition, sprach jetzt von Totschlag. Kensington sei der reichste Bezirk im ganzen Land und behandle die ärmeren Bewohner in einer unglaublichen Weise. Man müsse die Dinge beim Namen nennen: Das hier sei "gemeinschaftlicher Totschlag". Die Verantwortlichen müssten festgenommen werden.

Heldenhaft war auf jeden Fall der Einsatz der Feuerwehr - 65 Menschen haben die Beamten unter Einsatz ihres eigenen Lebens aus den Flammen gerettet. Lucy Masoud von der Feuerwehrgewerkschaft erhebt aber schwere Vorwürfe gegen die konservative Regierung: "Wie viele Unfälle und Brände müssen noch geschehen, wie viele Menschen müssen denn noch sterben, bevor die Regierung mit den verheerenden Einsparungen bei den Rettungskräften aufhört?"

Der ausgebrannte Grenfell Tower in London | Bildquelle: dpa
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Noch immer werden viele Menschen vermisst - wahrscheinlich liegen ihre Leichen in dem ausgebrannten Gebäude. Doch wegen Einsturzgefahr können die Rettungskräfte den Tower nicht durchsuchen.

Kritik an May

Premierministerin Theresa May wird kritisiert, dass sie sich gestern am Unglücksort zwar mit Vertretern der Rettungskräfte getroffen habe, aber jeglichen Kontakt mit Überlebenden, Angehörigen und Verletzten vermied. Erst heute kündigte sie an, Betroffene im Krankenhaus zu besuchen. Ihr für die Kommunen zuständiger Minister Sajid Javid erklärte erneut, die Regierung sei jetzt dabei, alle etwa 4000 Hochhäuser des Landes auf ähnliche Schwachstellen beim Brandschutz zu untersuchen.

Mindestens bis zum Ergebnis dieser Untersuchung werden viele Bewohner in britischen Hochhäusern weiter schlaflose Nächte haben. Denn der Grenfell Tower war nicht das einzige derartige Gebäude, das mit offenbar brennbarer Wärmedämmung verkleidet wurde. Britische Zeitungen rechnen heute vor, dass es gerade mal 5000 Pfund, also 5700 Euro, mehr gekostet hätte, den Grenfell Tower mit feuerresistenter Mineralwolle zu verschalen.  

Londoner Hochhausbrand - Wut der Menschen wächst
J. Marquardt ARD/London
16.06.2017 11:56 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 16. Juni 2017 Inforadio um 10:01 und 12:05 Uhr sowie NDR Info ab 13:00 Uhr im "Mittagsecho".

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