Der 2006 ermordete Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko (rechts) mit einem weiteren FSB-Agenten während einer Pressekonferenz 1998.  | Bildquelle: dpa

Richter präsentiert gerichtliche Untersuchung Wer steckt hinter dem Mord an Alexander Litwinenko?

Stand: 21.01.2016 11:21 Uhr

2006 starb Alexander Litwinenko an einer Polonium-Vergiftung. Der Mord an dem russischen Ex-Spion ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Seine Witwe vermutet Präsident Putin dahinter. Heute wird eine gerichtliche Untersuchung des Falls veröffentlicht.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Nur zu gerne hätte der Vorsitzende Richter Robert Owen die beiden Hauptverdächtigen für den Tod von Alexander Litwinenko befragt. Doch Andrej Lugovoj und Dimitri Kowtun - beides ehemalige russische Geheimdienst-Agenten - weigern sich, britischen Boden zu betreten. Sie fürchten, hier verhaftet und vor Gericht gestellt zu werden. Auch eine Befragung per Videoschaltung aus Moskau nach London kam letztlich nicht zustande.

Ärgerlich für Richter Owen. Zum Auftakt seiner öffentlichen Nachforschungen vor einem Jahr hatte er gesagt, dass die bisherigen Untersuchungen den Vorwürfen Nahrung gegeben hätten, dass es sich hier um die staatlich veranlasste Ermordung eines britischen Staatsbürgers durch radioaktives Material gehandelt habe. Das sei Anlass genug für größte öffentliche Beunruhigung.

"Mörder und Auftraggeber wurden demaskiert"

Es ist ein Krimi, wie ihn sich kein Drehbuchschreiber ausdenken kann: Am 1. November 2006 trifft der Ex-Spion und russische Dissident Litwinenko in einem Londoner Nobelhotel seine Landsleute Lugovoj und Kowtun und trinkt dabei Tee. Doch der ist mit Polonium 210 verseucht - hochradioaktiv, hochgiftig, höchstwahrscheinlich aus russischer Produktion. Litwinenko wird kurz danach schlecht. Er kommt ins Krankenhaus und stirbt drei Wochen später.

Litwinenko | Bildquelle: AP
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Litwinenkos Witwe Marina: "Ich glaube, dass die Wahrheit endlich ans Licht gekommen ist."

Nach den monatelangen Anhörungen in London sieht sich seine Witwe Marina bestätigt: Den Mord an ihrem Mann habe Wladimir Putin in Auftrag gegeben, damals wie heute russischer Präsident. "Es war ein langer und schwieriger Weg", sagt sie. "Aber ich glaube, dass die Wahrheit endlich ans Licht gekommen ist. Die Mörder und ihre Auftraggeber wurden demaskiert."

15.000 Akten, 70 Zeugen

Es kam bislang zu keinem ordentlichen Prozess in Großbritannien, weil Russland die beiden Hauptverdächtigen nicht ausliefert. Jahrelang drängte Marina Litwinenko die britische Regierung, den Fall neu aufzurollen. 2014 schließlich, als die Beziehungen zwischen London und Moskau wegen der Ukraine-Krise auf dem Tiefpunkt waren, kam es dazu. Richter Owen wälzte 15.000 Akten und befragte mehr als 70 Zeugen.

Russlands Präsident Putin | Bildquelle: REUTERS
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Wird von Litwinenkos Witwe des Mordes beschuldigt: Wladimir Putin

Einer von ihnen sagte aus, Litwinenko habe kurz vor seinem Tod Putins Connection zur St. Petersburger Mafia öffentlich machen wollen. "Die Beweise haben gezeigt, dass Putin und seine persönlichen Intriganten direkt verbunden sind mit organisierter Kriminalität", sagt Ben Emmerson, der Anwalt der Witwe. "Sie sind bereit, die zu töten, die ihnen im Weg stehen. Und deshalb wurde auch Litwinenko ermordet."

Feldzug gegen Putin

Der Ex-Geheimagent war 2000 nach London geflüchtet und führte von hier aus seinen Feldzug gegen Putin weiter. Er beschuldigte ihn etwa, den Mord an der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja angeordnet zu haben. Eine Spur im Fall Litwinenko führte nach Hamburg, wo der Tatverdächtige Kowtun eine Weile lebte und arbeitete - und wo 2006 ebenfalls Polonium-Spuren auftauchten. In einem BBC-Interview im vergangenen Frühjahr beteuerte Kowtun aber erneut, er und Lugovoj hätten nichts mit Litwinenkos Tod zu tun.

Die große Frage ist, ob Richter Robert Owen in seinem Bericht heute mit dem Finger auf Moskau oder gar auf den Herrscher im Kreml zeigen wird. Wenn ja, dann fordert Marina Litwinenko bereits weitere Sanktionen Großbritanniens gegen Russland. Auch für die Regierung in London könnte es also noch unbequem werden.

Tod von Alexander Litwinenko: Untersuchungsbericht wird veröffentlicht
Stephanie Pieper, ARD London
21.01.2016 01:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Januar 2016 um 09:15 Uhr.

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