Chinesischer Literaturnobelpreisträger weist Kritik zurück Mo Yan will sich nicht vereinnahmen lassen

Stand: 12.10.2012 15:55 Uhr

China feiert seinen Literaturnobelpreisträger Mo Yan. Viele werten den Preis nicht nur als Anerkennung für die Literatur, sondern auch als Zeichen für den Aufstieg des Landes. Mo Yan selbst will sich aber politisch nicht vereinnahmen lassen - und setzte mit einer Äußerung jetzt ein Zeichen.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Mo Yan | Bildquelle: AFP
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Mo Yan ist Vizechef des offiziellen chinesischen Schriftstellerverbandes, einer Parteiorganisation.

Chinas Buchhändler machten heute Riesengeschäfte. Die Bücher des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Mo Yan waren die Bestseller. Ganz China sonnte sich im Glanze seines Erfolgs. "Das ist ein Durchbruch", sagte ein junge Mann. "Dass ein Chinese den Literaturnobelpreis gewinnt, wird mit Sicherheit den Nationalstolz fördern."

Endlich zolle die Welt China Anerkennung, schrieb die nationalistische Tageszeitung "Global Times". Doch dann trat Mo Yan selbst vor die Presse, weitab von Peking in seinem Heimatdorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong. Auf Fragen von Hongkonger Journalisten bezog er zum ersten Mal Stellung zu Liu Xiaobo, der 2010 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, aber wegen seines demokratischen Engagements eine elfjährige Haftstrafe verbüßt.

Bekenntnis zu inhaftiertem Friedensnobelpreisträger

Er habe in den 80er-Jahren Schriften von Liu gelesen, sagte Mo. "Ich weiß nicht genau, was er danach gemacht hat, aber ich hoffe, dass Liu Xiaobo seine Freiheit bald zurückgewinnt." Er solle die Möglichkeit haben zu seinen politischen und sozialen Recherchen.

In China sind solche Äußerungen ein Tabubruch. Öffentlich Freiheit für Liu Xiaobo zu fordern, der wegen Untergrabung der Staatsgewalt verurteilt wurde, ist niemandem erlaubt. Die chinesischen Staatsmedien durften die Äußerungen Mo Yans auch nicht zitieren. Zugleich verwahrte sich Mo Yan gegen Vorwürfe von kritischen Intellektuellen, er sei ein Staatsschriftsteller. Mo Yan ist Vizechef des offiziellen chinesischen Schriftstellerverbandes, einer Parteiorganisation.

Mo Yan | Bildquelle: dapd
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Zusammen mit anderen Autoren hatte er im Juni an einem Sonderband zu Ehren einer berühmten Rede von Mao Tsetung mitgewirkt.

Dissidenten werfen Mo Staatsnähe vor

Der Künstler Ai Weiwei wie auch der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, hatten Mo Yan vorgeworfen, auf der Seite der Macht zu stehen. Auch der kritische Intellektuelle Mo Zhixu fand keine freundlichen Worte für Mo Yan. "Ich verstehe vermutlich nicht viel von Literatur. Aber als bekannter Autor und öffentliche Person ist  Mo Yan keine unabhängige Persönlichkeit. Er ist ein nützlicher Lakei. Dass so jemand einen Preis gewinnt,  finde ich nicht gut. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie."

Mo Yan wies die Kritik zurück. Er räumte ein, dass es in China keine Publikationsfreiheit gebe. Es gebe aber eine Entkrampfung, sagte er. Außerdem lebe und arbeite er nun mal in China. "Ich schreibe in einem China unter der Führung der Kommunistischen Partei. Aber meine Werke können nicht von politischen Parteien eingeschränkt werden. Seit ich in den 80er-Jahren mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich immer auf der Seite des Volkes gestanden."

Dennoch ließ sich Mo Yan für die Kommunistische Partei einspannen. Zusammen mit anderen Autoren hatte er erst im Juni an einem Sonderband zu Ehren einer berühmten Rede von Staatsgründer Mao Tsetung mitgewirkt, in der Mao alle Kunst und Literatur in den Dienst der Partei stellte. Für den Sonderband hatte jeder Autor, auch Mo Yan,  einen Teil der Rede handschriftlich abgeschrieben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Oktober 2012 um 20:00 Uhr.

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