Literatur-Nobelpreis geht an Chinesen Mo Yan

Nobelpreis Literatur Mo Yan

Bekanntgabe in Stockholm

Literatur-Nobelpreis geht an Chinesen Mo Yan

Der 57-jährige chinesische Autor Mo Yan erhält in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur. Dies gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt. Damit geht die Auszeichnung zum ersten Mal direkt nach China. Mo gilt als einer der erfolgreichsten Autoren, sowohl im Westen als auch in seinem Heimatland, in dem er für seine mittlerweile neun Romane und mehr als 70 Erzählungen zahlreiche Preise gewonnen hat.

In Deutschland ist Mo der am meisten übersetzte chinesische Autor. Bekannt wurde er im Westen mit dem Buch "Das rote Kornfeld", das der Regisseur Zhang Yimou verfilmte. 2000 ging der Literaturnobelpreis mit Gao Xingjian zuletzt an einen chinesischsprachigen Autoren. Der international weitgehend unbekannt gebliebene Xingjian lebte damals wie heute im Exil in Paris und wurde deshalb Frankreich zugeordnet.

"Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit"

"Mit einer Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit, aus historischen und sozialen Perspektiven hat Mo Yan eine Welt erschaffen, die in ihrer Komplexität an William Faulkner und Gabriel García Márquez erinnert. Zugleich fußt sie auf der älteren chinesischen Literatur und mündlichen Erzähltraditionen des Volkes", fasst die Jury sein literarisches Wirken zusammen. Fragen nach geografischem oder sonstigem Proporzdenken und politischem Kalkül bei der Vergabe wies die Akademie wie immer zurück. Es zähle stets nur die literarische Qualität eines einzelnen Autors, meinte ihr Sprecher Peter Englund.

Mo Yan - ein Künstlername, der "Ohne Worte" bedeutet - wurde 1955 als Guan Moye geboren, seine Eltern waren Bauern, inzwischen lebt er in Peking. Während Maos Kulturrevolution verließ er im Alter von zwölf Jahren die Schule und arbeitete erst in der Landwirtschaft, später in einer Fabrik. 1976 ging er in die Volksarmee, begann Literatur zu studieren und zu schreiben. Seine erste Kurzgeschichte wurde 1981 in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht.

Chinesischer Autor Mo Yan erhält Nobelpreis für Literatur
tagesthemen 22:15 Uhr, 11.10.2012, Christine Adelhardt, ARD Peking

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Die Buchmacher sahen der Japaner Haruki Murakami vorn

Die "Nobel-Zocker" hatten Mo Yan nicht wirklich oben auf ihren Zetteln. Sie setzten ihr Geld massiv auf den Japaner Haruki Murakami (63). Die Einsätze für ihn waren eine halbe Stunde vor der Verkündung so hoch, dass man im Erfolgsfall gerade mal das Anderthalbfache zurückbekommen hätte.

Auch die Kanadierin Alice Munro und der US-Schriftsteller Philip Roth waren ziemlich hoch gehandelt worden.

Unterschiedliche Reaktionen in China

Bei chinesischen Intellektuellen sind die Reaktionen auf die Ehrung sehr gemischt ausgefallen. Der Autor und kritische Blogger Han Han sagte der Nachrichtenagentur dpa in Peking, die Auszeichnung sei "eine Ehre für chinesische Schriftsteller". Sein Kollege und Bürgerrechtler Yu Jie übte scharfe Kritik. "Ich denke, der Nobelpreis sollte an niemanden verliehen werden, der Mao lobt, egal wie populär sein Werk ist", schrieb er auf der Webseite des internationalen Pen-Clubs; Yu Jie emigrierte dieses Jahr in die USA und war im unabhängigen chinesischen Pen-Club aktiv, dem der inhaftierte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo als Ehrenvorsitzender vorsteht.

Empört reagierte auch der Direktor des Hongkonger Büros des unabhängigen chinesischen Pen-Clubs: "Mo Yan hat wirklich nichts zu sagen", meinte Patrick Poon im Kurznachrichtendienst Twitter.

Westerwelle lobt China als große Literaturnation

Unterschiedlich fielen auch die Reaktionen in Deutschland aus. Außenminister Guido Westerwelle lobte während seines Besuchs in Peking: "Das ist ein abermaliger Beleg dafür, dass China eine große Literaturnation ist." Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth merkte an: "Mo Yan gehört nicht zu den Künstlern, die in erklärter Opposition zur chinesischen Führung stehen." Die Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich meinte: "Es ist ein politischer Preis. Ich war nicht überrascht."

Der Literatur-Nobelpreis ist mit umgerechnet etwa 930.000 Euro dotiert. Im vergangenen Jahr wurde der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer mit dem berühmtesten Literaturpreis der Welt ausgezeichnet. Zu den deutschsprachigen Preisträgern zählen Heinrich Böll, Günter Grass, Hermann Hesse, Elfriede Jelinek, Thomas Mann und Herta Müller.

Die Nobelpreise

Die Nobelpreise sollen nach dem Willen des Stifters Alfred Nobel alljährlich diejenigen erhalten, deren Leistungen in den Bereichen Chemie, Physik, Medizin, Literatur und bei der Völkerverständigung "der Menschheit den größten Nutzen gebracht" haben. Mit der Auszeichnung wollte der 1896 verstorbene schwedische Chemiker und Industrielle, der mit seiner Erfindung des Sprengstoffs Dynamit im Jahr 1867 zu Reichtum gelangt war, über seinen Tod hinaus Einsatz zugunsten der Mitmenschen fördern. 1968 stiftete die Schwedische Reichsbank im Einvernehmen mit der Nobel-Stiftung einen Preis für Wirtschaftswissenschaften, der 1969 erstmals verliehen wurde.

Überreicht werden die Nobelpreise alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters. Die Preise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Wirtschaft werden in Stockholm vergeben. Den Friedenspreisträger bestimmt ein gewählter Ausschuss des norwegischen Parlaments in Oslo. Jeder Nobelpreis war bislang mit zehn Millionen Kronen dotiert. Das Preisgeld wurde 2012 von der Nobelstiftung unter Hinweis auf die Finanzkrise allerdings um 20 Prozent auf acht Millionen Schwedische Kronen gekürzt. Die Preisträger erhalten eine Urkunde und eine Goldmedaille und werden zu einem festlichen Bankett geladen.

Stand: 11.10.2012 17:45 Uhr

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