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Entscheidungen in Litauen
Ein neues Parlament - und auch ein neues AKW?
Litauen wählt heute ein neues Parlament - und stimmt in einem Referendum über den Bau eines neuen AKW ab. Befürworter argumentieren, dies mache das Land unabhängiger von Energieimporten. Kritiker befürchten dagegen ein Überangebot an Atomstrom und Mehrkosten für die Verbraucher.
Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm
Deutschland steigt aus, sogar Japan will nicht mehr. Die Litauer aber versuchen einen anderen Weg: "Wir haben alle Voraussetzungen, die Tradition der Atomenergie weiter zu entwickeln. Wir haben die Infrastruktur und wir haben das Know-How", sagt Rokas Zilinskas, der Chef der Parlamentskommission für atomare Energie in Litauen.
Und er wird nicht müde, seinen Landsleuten das geplante Kraftwerk in der Retortenstadt Visaginas schmackhaft zu machen. "Die ganze Stadt Visaginas, das sind alles Fachleute. Diese langjährige Erfahrung, die uns viel Geld gekostet hat, jetzt nicht auszunutzen - das wäre sehr fahrlässig."
Litauer stimmen über Zukunft der Atomkraft ab
T. Krohn, ARD Stockholm
14.10.2012 02:05 Uhr
Atom-Deal fast perfekt
Eigentlich ist der Deal mit dem Hitachi-Konzern bereits in einigermaßen trockenen Tüchern. Jetzt muss nur noch die Bevölkerung mitspielen. Ob sie das wirklich tut, wird die Volksabstimmung zeigen. "Wir brauchen das Atomkraftwerk, um bei der Energieversorgung unabhängig von Russland zu sein", sagt ein Mann.
Eine andere Passantin widerspricht: "Ich glaube, wir brauchen es nicht. Denn es gibt auch andere Energiequellen. Wenn wir ein AKW brauchen, warum hat man eins denn stillgelegt? Die Regierung scheint unfähig zu sein, richtig zu kalkulieren."
Das mit dem Kalkulieren werfen auch einige Wirtschaftsexperten der rechtsliberalen Regierung von Ministerpräsident Andrius Kubilius vor. Die Atompläne seien eine Rechnung mit mehreren Unbekannten, sagen sie. Auch in Kaliningrad und in Weißrussland seien neue Reaktoren geplant. Das Problem könnte am Ende also ein Überangebot an Atomstrom sein.
Wenn sich die Milliardeninvestition nicht lohnt, könnte der Verbraucher zur Kassen gebeten werden, befürchtet der Energie-Experte Jurgis Vilemas aus Kaunas. Litauen sei ein viel zu kleines Land, um solche großen Atomreaktoren zu bauen. Alleine schon aus ökonomischen Gründen hält er dies nicht für eine optimale Lösung.
"In diesem Fall ist es aber ein gefährliches Abenteuer. Es gibt da bestimmte Interessen, wenn man der Öffentlichkeit weismachen will, dass das neue AKW die Abhängigkeit von Russland vermindert. Bei vielen Leuten kommt so eine Aussage sicher gut an", sagt Energie-Experte Vilemas.
Unabhängigkeit von russischen Stromimporten als Argument
Arbeitsplätze, Strompreise und die nationale Souveränität - das sind die Argumente von Vilemas' Gegnern: Keine Abhängigkeit mehr von russischen Importen, das AKW solle Strom für das ganze Baltikum liefern, betont der Mann von der Atom-Kommission: "Heute sprechen wir über einen einheitlichen baltischen Energiemarkt, der mit Skandinavien und mit Westeuropa vernetzt ist. Da stellt sich doch die Frage, was besser ist: als nichts verdienender Stromkäufer oder als Stromproduzent und Verkäufer."
Rund fünf Milliarden Euro soll das ehrgeizige Projekt kosten. Der Hitachi-Konzern verspricht dafür einen Siedewasser-Reaktor der neuesten Generation. Der Neubau wäre das erste Kernkraftwerk in Europa, das mit japanischen Reaktoren ausgestattet wird.
Hitachi versucht im Moment, ganz offensiv seine Atomkraftwerke zu verkaufen. "Wir haben aus Fukushima gelernt", heißt es in der Hitachi-Werbung. Man habe jetzt die sicherste Atomkraftwerkstechnik der ganzen Welt. Ob die Litauer das glauben? Montag früh sollen die Ergebnisse der Volksabstimmung vorliegen.
Stand: 14.10.2012 04:41 Uhr
