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Die Lage an der libysch-tunesischen Grenze wird immer dramatischer. Gastarbeiter aus Ägypten, China oder Bangladesch wollen um jeden Preis raus aus Gaddafis untergehendem Reich. Viele der Flüchtlinge haben seit Tagen nichts gegessen - und sind von den Erlebnissen in Libyen traumatisiert.
Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zzt. in Ras Jedir an der libyschen Westgrenze
Es ist eine brusthohe, blaue Gitterbarriere aus Eisen, hinter der sich die Not tausender Flüchtlinge staut. Die unübersehbare Menschenmenge quillt hinter den libyschen Grenzanlagen heraus auf einen Platz, drängt weiter nach vorne, und die Männer in den vorderen Reihen werden jetzt so brutal gegen den Schlagbaum gedrückt, dass etliche das Bewusstsein verlieren. Ihre leblosen Körper werden nach vorne gereicht, fallen jenseits des Schlagbaums zu Boden und gleichzeitig klettern andere rücksichtlos über die Köpfe der panischen Masse hinweg und versinken wieder darin.
In ihrer Hilflosigkeit geben tunesische Grenzsoldaten Warnschüsse ab - und steigern damit nur noch das Chaos.
[Bildunterschrift: Flüchtlinge an der libysch-tunesischen Grenze: "Die Leute sind dehydriert, sie haben weite Reisen hinter sich, haben in Libyen schreckliches gesehen, sie sind erschöpft, traumatisiert und voller Angst." ]In den vergangenen Tagen ließ sich der Flüchtlingsstrom noch kanalisieren. Aber nun werden die Szenen immer dramatischer am Grenzübergang Ras Jedir. Nun ist es eine Flüchtlingsflut, der die tunesischen Behörden alleine nicht mehr Herr werden können: "Wir haben hier viele Leute, die seit vier, fünf Tagen nichts gegessen haben", sagt der Arzt Adjoun Hamis in einem Notlazerett. "Die Leute sind dehydriert, sie haben weite Reisen hinter sich, haben in Libyen Schreckliches gesehen, sie sind erschöpft, traumatisiert und voller Angst."
"Das ist mein Freund", sagt ein junger Ägypter und zeigt auf einen Mann, der barfuß und gekrümmt im Dreck liegt: "Er wäre in der Masse fast totgedrückt worden."
Eineinhalb Millionen Ägypter haben als Gastarbeiter in Libyen geschuftet, dazu noch zehntausende Chinesen und Bangladescher. Sie alle wollen jetzt nur noch raus aus dem untergehenden Gaddafi-Reich. Und weil die meisten von ihnen im Großraum Tripolis lebten, liegt die 200 Kilometer entfernte tunesische Grenze am nächsten. "Gott sei Dank, ich bin draußen, in Sicherheit", sagt ein Ägypter, "es war schrecklich." Aber wie ich ihn frage, was er damit meine, sagt er, alles sei gut, es habe keine Probleme gegeben und dreht sich zur Seite.
Gaddafis Macht zerbröckelt im Land, aber die Angst, die er verbreitet, ist immer noch spürbar. Die Straße von Tripolis zum tunesischen Grenzübergang Ras Jedir wird zum Großteil von regimetreuen Soldaten und Milizen gehalten - uniformierte Wegelager, für die die flüchtigen Gastarbeiter mit ihren Habseligkeiten eine willkommene Beute sind.
"Die Leute sagen ausländischen Journalisten nicht, was ihnen unterwegs widerfahren ist", meint Arzt Adjoun, "wir wissen aber, dass sie eingeschüchtert worden sind. Man hat ihnen gesagt: Her mit eurem Geld, sonst kommt ihr nicht bis zur Grenze."
Gerüchte von einer Schließung des Grenzübergangs steigern die Panik unter den Ausländern, die noch in Libyen sind. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat inzwischen ein paar tausend Zelten und Planen an die Grenze geschickt und warnt vor einer humanitären Krise in Ras Ajdir. Aber die Krise ist schon ausgebrochen. Und die Tunesier fühlen sich alleine gelassen vom nahen Europa, dessen Politiker das Elend der Flüchtlinge zwar mitleidig kommentieren aber keine aufnehmen wollen: "Ich bin so müde, das kann so nicht weitergehen", sagt ein freiwilliger Helfer. "Helft uns, respektiert diese Leute, es sind doch Menschen."
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