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Während das ganze Land vom Bürgerkrieg gespalten ist, geht in der Stadt Bengasi der Traum der Aufständischen von Demokratie in Erfüllung. Die größte Errungenschaft: Bürger, denen jahrzehntelang der Mund verboten wurde, dürfen hier endlich sagen, was sie denken. Verdrängen lässt sich der Krieg aber nicht.
Von Esther Saoub, ARD-Hörfunkstuido Kairo
[Bildunterschrift: Die Rechte der Frauen sind den Revolutionären in Bengasi wichtig. ]
Die Konferenzhalle von Bengasi ist so hässlich wie alle diese Hallen: grün-braun, mit tristen Mustern an der Wand. Links und rechts der Bühne und hinten an der Brüstung der Empore sind noch die hellen Flecken zu sehen, über denen bis vor einigen Wochen die Gaddafi-Porträts hingen. Auf der Bühne sitzen zwei Männer und drei Frauen hinter mehreren Tischen, an denen die alte libysche Fahne hängt: grün, schwarz, rot und in der Mitte ein weißer Halbmond mit Stern. Sie ist zum Symbol geworden, für ein neues, im doppelten Sinne nachrevolutionäres Libyen: Gaddafis Revolution von 1969 wurde überrollt von der Revolution des 17. Februar.
Ein älterer Mann hat das Mikrofon ergriffen. Jeder kann sich auf der langen Rednerliste eintragen lassen, um seine Definition von Demokratie zu formulieren. Es ist das erste Treffen des "Kulturdemokratischen Forum Libyens", angeführt von dem ehemaligen Kommunisten und Langzeitoppositionellen Marei Ahmad Yunis. Er hat unter Gaddafi jahrelang im Gefängnis gesessen, ohne Urteil oder Prozess: "Ob ich nun im Gefängnis saß, oder nicht, das ist mein persönliches Problem", sagt er.
Das größte Verbrechen sei aber gewesen, dass Gaddafi seinem Volk das Recht der freien Meinungsäußerung genommen habe, sagt Yunis weiter: "Er hat verhindert, dass in diesem Land ein demokratischer Aufbruch stattfindet. Stattdessen hat er ein willkürliches System eingesetzt, die Karikatur einer Demokratie, die diesen Namen nicht verdient. Er hat die Menschen festgenommen, die Wörter, das Denken - alles."
[Bildunterschrift: In der Stadt distanziert man sich auch ungefragt von Al Kaida. ]
Die Gruppe hat sieben Ziele formuliert, die diskutiert werden sollen: Sie fordert eine parlamentarischen Demokratie für das Land, eine nationale und fortschrittliche Verfassung, Meinungsfreiheit, Freiheit für die Frauen - und eine aktive Rolle der Frau in der Gesellschaft. Das Wort "Islam" kommt nicht vor.
Die Anwesenden diskutieren über Bildung, bessere Gehälter für Lehrer, einen neuen Lehrplan. Bis ein Kämpfer das Mikrofon ergreift. Er trägt seine Waffe über der Schulter und sieht aus wie der kleine Bruder von Che Guevara: "Wir wollen jetzt keine Schulen und keine Universitäten, das kommt später. Jetzt muss es um die Leute gehen, die kämpfen. Täglich sterben dort Menschen - wer hier das Mikrofon ergreift, soll von der Wirklichkeit reden."
Ein Mann springt auf und erzählt von seinen gefallenen Söhnen, eine Frau von ihrem vermissten Neffen. Es ist Krieg in Libyen, das lässt sich nicht verdrängen.
[Bildunterschrift: "Unsere Revolution ist eine Volksrevolution" - Einwohner von Bengasi protestieren gegen die Gaddafi-Herrschaft. ]
Im Kinderkrankenhaus von Bengasi sind freiwillige Helferinnen zusammengekommen. Sie packen Taschen für die Kämpfer an der Front. Ein Arzt und seine Frau wollen sie morgen verteilen. Sie fahren mehrmals in der Woche bis an die hintersten Linien um Kämpfer zu behandeln, zu versorgen und zu ermutigen. In jeder Tasche seien Socken, Unterwäsche, Seife, Waschmittel, Zahnpasta, Deodorant", sagt Doktor Farag al Mehdawi: "Das zeigt, dass unsere Revolution eine Volksrevolution ist." Es gebe keine Regierungsverwaltung, alle seien Freiwillige, aus dem gesamten Volk. Alle Waren seien Spenden für die Revolutionäre.
Sogar über Rasierschaum und Rasierklingen habe man nachgedacht, seit der Vorwurf laut wurde, dass Al-Kaida-Kämpfer unter den Revolutionären seien. Nun hat sich der Doktor entschlossen, einfach Friseure mit an die Front zu nehmen: "Das sind normale Bürger, aus allen Berufen. Keiner von uns hat einen offiziellen Auftrag - auch nicht die Kämpfer, es sind Freiwillige, keine Soldaten. Die unterstützen nur den Kampf. Wir kämpfen auf andere Weise, indem wir ihnen bringen was sie brauchen und sie behandeln." Auf den Beuteln stehen Namen großer Fußballvereine: Inter Mailand, Juventus Turin, Al Ahli Kairo.
Eines der Mädchen, die die Beutel füllen, erzählt, ihr Freund sei an der Front bei Brega: "Wenn er an der Front ist, gibt es keine Verbindung zu ihm. Nur wenn er nach Adschdabija kommt, funktioniert das Mobilnetz. Dann kann er mich anrufen, und erzählen, wie es ihm geht. Gestern hat er vom roten Halbmond Nudeln bekommen, Lebensmittel und alles Nötige. Gott sei Dank."
Wenn sie die Beutel packe, drücke sie damit ihre Hochachtung vor den Kämpfern aus, sagt sie, hoffentlich blieben sie gesund. Seit Oktober seien sie ein Paar, murmelt sie noch, dann kommen ihr die Tränen. Drei seiner Kameraden sind bei einem versehentlichen NATO-Angriff gestorben.
Die Trauerzüge der Märtyrer führen immer über den zentralen Platz vor dem ehemaligen Gerichtsgebäude in Bengasi. Hier wird auch gebetet, seit dem Beginn der Revolution. Doch die Predigten klingen eher wie politische Vorträge, weniger wie geistliche Erbauung: "Das Blut der Libyer ist frei", sagt der Scheich. Es sei rein und ehrenvoll. Den libyschen Islam beschreibt er als gemäßigt und tolerant - auch er antwortet indirekt den Islamismus-Vorwürfen aus Tripolis und dem Ausland.
Diejenigen, die den Mut hatten, die Revolution loszutreten, sind alles andere als bärtige Al-Kaida-Kämpfer. Sie sind gut ausgebildete junge Männer und Frauen, denen Gaddafis System jede Zukunftsperspektive verbaut hat, und die irgendwann nicht mehr bereit waren, sich zu unterwerfen. Sie setzen sich in einer Gruppe zusammen - mit Dame. Auch das ist neu in Bengasi: Männer und Frauen die sich nicht kennen, aber offen miteinander diskutieren.
Mahmud, ein junger Lehrer, versucht auszudrücken, was er empfindet: "Natürlich haben wir gesehen, was in Tunesien und Ägypten passiert ist. Aber was wir hier erlebt haben ist eine plötzliche und überwältigende Liebe zu unserem Land." Kein junger Libyer habe früher die Fahne erhoben oder die Nationalhymne gesungen. "Jetzt singen wir die Hymne der Unabhängigkeit, mit lauter Stimme. Wir haben nie die Straßen geputzt - aber seit Wochen bin ich hier, mit meinen Schülern zusammen kehren wir jeden Tag die Straße, singen nationale Lieder - das gab es noch nie.
Auf die Frage, ob sie sich vom Nationalen Übergangsrat wirklich repräsentiert fühlten, sagt er, natürlich passierten Fehler - in jeder Revolution gebe es Fehler. "Aber wir haben die Mauer der Angst durchbrochen. Wir sind bereit, jedem Fehler zu begegnen, durch Demonstrationen, Blockaden. Wir können uns wehren."
Auch das ist ein Grund dafür, dass sie sich ein schnelles Ende der Kämpfe wünschen. Mit jedem Tag, den der Krieg dauert, sterben nicht nur mehr Menschen, sondern rückt auch der eigentliche Ansatz der Revolution weiter in die Ferne. Das politische Gesicht wird verzerrt vom Geschützdonner der Gaddafi-Milizen. Dabei würden die Menschen in Bengasi ihre neu entdeckte politische Freiheit so gerne auskosten. "Niemand hat mehr Angst zu sprechen, das ist eine Freiheit, die wir nie wieder aufgeben. Egal was kommt, auf diese Freiheit verzichten wir nicht mehr", sagt Mahmud.
Die 20-jährige Esraa erzählt, sie habe im Ausland gelebt. "Wenn ich dort gesagt habe, dass ich aus Libyen komme, haben alle geantwortet: Ah, Libyen: Gaddafi." Sie wünsche sich so, dass die Leute künftig sagten: "Libyen, das ist doch das freie Land, das ihr Libyer befreit habt."
Lesen Sie morgen den fünften Teil der Reihe "Arabischer Frühling": Bahrain
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