Seitenueberschrift

Wahlkampfplakate in Tripolis

Bürger entscheiden über Nationalkongress

"Es ist eine Art Hochzeitsfest für Libyen"

In Libyen hat die erste freie Parlamentswahl seit vier Jahrzehnten begonnen. Rund 2,7 Millionen Menschen sind aufgerufen, über die 200 Mandate zu entscheiden. Mehr als 3700 Kandidaten stellen sich zur Wahl. Für die Sicherheit der Abstimmung sind Tausende Soldaten und Polizisten abgestellt.

Von Peter Steffe, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zzt. Tripolis

An einer viel befahrenen Straße in Tripolis klebt Wafa Taher al Sharif Wahlplakate an einen Bauzaun. Sie ist eine von landesweit 47 Frauen, die für die Nationalversammlung Libyens kandidieren. Die 30-jährige Rechtsanwältin war während der Revolution in Tunesien im Exil. Sie hat dort Flüchtlingen juristisch beigestanden und sich um ihre Familie gekümmert, die ebenfalls nach Tunesien geflohen ist.

Jetzt will sie sich politisch engagieren und die Zukunft ihres Landes mitgestalten: "Ich möchte einfach an der neuen Verfassung mitarbeiten können. Als Rechtsanwältin, als jemand, der sich im juristischen Bereich auskennt. Und natürlich als Frau. Ich will auch verhindern, dass die Nationalversammlung ausschließlich von Männern dominiert wird. So sollen dann auch die Interessen der Frauen gewahrt werden, wenn die Verfassung geschrieben wird. Die Interessen der Frauen sollten sich darin widerspiegeln."

Bisher keine Zwischenfälle bei erster freier Wahl in Libyen
P. Steffe, ARD Kairo
07.07.2012 11:58 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Frauen wollen mitbestimmen

Eine Frauenrechtlerin sei sie aber nicht, erzählt sie. Sie wisse nur um die Bedeutung der Frauen in der libyschen Gesellschaft, und das sollte sich auch im neuen Libyen widerspiegeln. Bereits während des Gaddafi-Regimes seien es die Frauen gewesen, die zuhause alles organisiert hätten. Sharif betont: "Während der Revolution haben sie eine wichtige Funktion übernommen, sie haben sich an der Revolution beteiligt. Und das soll auch beim Aufbau eines neuen Staates so sein, auch hier sollten sich Frauen beteiligen und beteiligt werden."

Wie viele Plakate sie geklebt hat, weiß sie nicht mehr. Und auch ihre Wahlkampfauftritte hat sie nicht gezählt. Sharif hat versucht zu überzeugen - mit ihrer Persönlichkeit und mit dem Programm ihrer Partei, die für Wohlstand und Wachstum geworben hat. Ob sie gute Chancen hat gewählt zu werden, weiß sie nicht. Sie sagt aber: "Ich habe ein gutes Gefühl und wünsche mir, dass diese Wahl ein voller Erfolg wird."

Eine Wahlhelferin überprüft in Tripolis Stimmzettel und andere Wahlunterlagen
galerie

Letzte Vorbereitungen in Tripolis: Eine Helferin überprüft Stimmzettel und andere Wahlunterlagen.

"Auf diesen Moment haben wir sehr, sehr lange gewartet"

Vor dem Gebäude der Wahlzentrale am Rande der Innenstadt von Tripolis warten junge Frauen. Es sind Wahlhelferinnen, die sich in den 1277 Wahllokalen der libyschen Hauptstadt um die Wähler kümmern sollen. Amal Dusan ist eine von ihnen. Ihre Augen leuchten.

"Das ist großartig. Auf diesen Moment haben wir sehr, sehr lange gewartet. Es ist eine Art Hochzeitsfest für Libyen. Wir haben schreckliche Zeiten hinter uns, viele Tote, Krieg im Land. Jetzt geht es darum einen Schritt in die Zukunft zu machen und durch die Wahl die zu finden, die ein neues Libyen aufbauen", schwärmt Dusan.

In der Wahlzentrale laufen die letzten Vorbereitungen. Wahlhelfer müssen eingeteilt, Papiere und Ausweise verteilt werden. Es ist eine Atmosphäre aus Anspannung und Unsicherheit, erklärt der stellvertretende Leiter der Wahlkommission von Tripolis, Hassan Joha: "Wir freuen uns natürlich, es bedeutet uns sehr viel, diese erste Wahl. Aber wir haben keinerlei Erfahrung, mit einer demokratischen Abstimmung. Es ist in etwa so, als wenn eine Frau ihr erstes Kind bekommt, da weiß man auch nicht wie das ist."

Viele zusätzliche Soldaten und Polizisten im Einsatz

Sicherheitskontrolle in der libyschen Hauptstadt
galerie

Die Sicherheitskontrollen in Tripolis wurden ausgeweitet.

Die Sicherheit ist das größte Problem für einen geordneten und störungsfreien Ablauf der ersten demokratischen Wahl seit mehr als 46 Jahren. "Mit dem Innenministerium wurden Pläne erarbeitet, die vor Ort entsprechend umgesetzt werden. Jede Schule wird von Sicherheitskräften geschützt. Die Wähler sind zu 1000 Prozent sicher. Auch was den Transport der Wahlurnen nach der Abstimmung angeht, ist alles durchorganisiert", sagt Nasser Boccura, ein Mitarbeiter der Wahlkommission.

Das Innenministerium des Landes hat 13.000 zusätzliche Soldaten und Polizisten in Alarmbereitschaft versetzt, um im Notfall eingreifen zu können. Über Tripolis kreisen Hubschrauber und überwachen neuralgische Punkte aus der Luft. Am Boden zeigt die Polizei an allen Hauptverkehrsstraßen Präsenz. Mit ihrer Anwesenheit senden sie die Botschaft aus: Wir werden es nicht zulassen, dass die erste demokratische Wahl Libyens gestört wird.

Stand: 07.07.2012 09:49 Uhr

Darstellung: