Flüchtlingsboot im Mittelmeer | Bildquelle: dpa

Lage in Libyen Die neuen Flüchtlinge

Stand: 03.02.2018 11:14 Uhr

Seit Jahresbeginn wagen wieder mehr Migranten die Überfahrt von Libyen nach Europa - darunter auffällig viele Pakistaner. Schlepper nutzen für ihr Geschäft auch Routen über Istanbul oder Abu Dhabi.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Ein Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer vor wenigen Tagen: Das Schiff der Hilfsorganisation SOS Mediterrane hat ein gekentertes Boot entdeckt. Videoaufnahmen zeigen dramatische Szenen. Als die Retter das Schlauchboot erreichen, treiben die Flüchtlinge schon im Wasser. "Die Menschen schrieen und kämpften um ihr Leben, es war furchtbar", erzählt eine Helferin. Sechs Kinder und eine Frau können die Hilfskräfte reanimieren. Aber zwei Frauen sterben.    

Zahlen der Internationalen Organisation für Migration belegen: Immer mehr Flüchtlinge versuchen wieder, mit wackligen Booten über das Mittelmeer Europa zu erreichen. Allein in den vergangenen Tagen seit Ende Januar kamen mehr als 6600 Migranten über den Seeweg nach Europa - das sind mehr als im Vorjahreszeitraum. Und das trotz aller Bemühungen Italiens, in Kooperation mit der libyschen Küstenwache die Arbeit der Schleuser zu verhindern.

Gekentertes Flüchtlingsboot im Mittelmeer | Bildquelle: dpa
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Gekentertes Flüchtlingsboot im Mittelmeer

Nur weg aus Libyen

IOM-Sprecher Joel Millman sagt, gerade im zweiten Halbjahr 2017 habe es kaum Flüchtlingsbewegungen gegeben, jetzt gehe es aber wieder los. Warum, weiß man auch bei der IOM nicht. Es gebe Gerüchte, berichtet Millman, dass sich verfeindete Schleuserbanden zusammengetan haben und wieder durchkommen. Ohnehin hatte man bei der IOM "nie Zweifel, dass Zehntausende Migranten in Libyen nur auf die erste Gelegenheit warten, um zu fliehen". Die Leute wollten nur weg aus Libyen, deshalb stiegen die Zahlen wieder.

Berichten von Menschenrechtsorganisationen zufolge arbeiten sogar einige Mitglieder der libyschen Küstenwache mit den Schmugglern Hand in Hand und verdienen mit an dem grausamen Geschäft mit der Not. In Libyen herrscht seit dem Sturz von Machthaber Muammar al Gaddafi Chaos. Die international anerkannte Regierung ist schwach, unterschiedliche Milizen ringen um die Macht im Land, immer wieder kommt es zu blutigen Kämpfen.

Auffällig viele Pakistaner

Das Chaos im Land machen sich die Schmuggler zunutze: Massenhaft bringen sie Migranten nach Libyen und schleusen sie zur Küste. Und zu den Flüchtlingen aus afrikanischen Ländern kommt nun auch noch eine andere Gruppe: Auffällig viele Pakistaner sitzen derzeit in den Booten - als dritthäufigste Nationalität. Bei dem jüngsten Bootsunglück mit mehr als 90 Toten stammte eine Mehrheit der Opfer aus Pakistan.

Libyen sei für die muslimischen Pakistaner viele Jahre lang ein attraktiver Arbeitsplatz gewesen, berichtet Millman, vor allem die Ölindustrie. Viele Pakistaner lebten deshalb schon sehr lange schon im Land. Aber, so Millman, "angesichts der schlechten Sicherheitslage haben auch sie sich entschieden, jetzt das Land zu verlassen".

Schmugglerroute über Istanbul oder Abu Dhabi

Im Klartext heißt das: Es verlassen nun auch die das Land, die durch ihre Kenntnisse in den Ölraffinerien eigentlich beim Wiederaufbau Libyens helfen könnten. Dazu kommen Migranten aus der ganzen Welt: International operierende Menschenschmuggler schleusen selbst Menschen aus Asien nach Libyen und weiter nach Europa - so beispielsweise aus Bangladesch.

Die IOM habe ermittelt, dass allein in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres 8000 Menschen aus Bangladesch nach Italien gekommen sind, sagt Millman. "Viele von ihnen waren nur ganz kurz in Libyen. Sie kamen über eine Schmugglerroute von Bangladesch nach Istanbul oder Abu Dhabi direkt nach Tripolis."

"So viele Leichen versinken einfach im Meer"

Und von dort ging es mit dem Schiff weiter nach Europa. Viele bezahlen die Überfahrt mit dem Leben: Seit Mitte vergangenen Jahres gab es kaum einen so tödlichen Monat für Flüchtlinge wie diesen Januar. Rund 250 Menschen starben allein in den ersten Tages des neuen Jahres.

Die Wahrscheinlichkeit, die Überfahrt nicht zu überleben, sei gestiegen, sagt Julia Black von "Missing migrants" - ein Projekt der IOM, das sich um die Todesopfer kümmert. Und das könne daran liegen, "dass Schmuggler immer mehr Migranten gleichzeitig auf See schicken, was die Rettung deutlich erschwert".

15.000 Tote im Mittelmeer

Black und ihre Kollegen versuchen zu dokumentieren, wie viele Menschen bereits im Mittelmeer gestorben sind. Sie befragen Insassen, zählen Leichen, machen Schätzungen. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, sagt sie. "So viele Leichen versinken einfach im Meer, die Menschen gehen einfach verloren, verschwinden - es ist eine riesige humanitäre Katastrophe. Viele Familien werden niemals erfahren, was mit ihren Angehörigen passiert ist."

Mehr als 15.000 Menschen sind bislang auf dem Mittelmeer gestorben - bei ihrem verzweifelten Versuch, nach Europa zu kommen. Und Beobachter sind sich einig: Es werden wohl noch mehr.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Februar 2018 um 07:28 Uhr.

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