Ein Mädchen schwenkt zu den Feierlichkeiten des sechsten Jahrestages der libyschen Revultion zwei libysche Flaggen in Tripolis. | Bildquelle: AFP

Entwicklung in Libyen Geiselnahmen - ein florierendes Geschäft

Stand: 28.02.2017 12:01 Uhr

Vor gut sechs Jahren demonstrierten auf dem Märtyrer-Platz in Tripolis Tausende gegen Diktator al-Gaddafi. Heute erinnert das Treiben auf dem Platz eher an Kirmes. Dabei haben die Libyer mit kriminellen Milizen und ständigen Geiselnahmen zu kämpfen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Libysche Flaggen wehen im Wind neben roten Luftballon-Herzen, die Straßenhändler feil bieten. Ein Kutscher zieht seine Bahnen, Kinder in der Droschke jauchzen, Eltern lächeln. Verschüttetes Popcorn fliegt über den Platz; lässt Tauben aufgeregt aufflattern. Kirmes-Gefühle auf dem Märtyrer-Platz in Tripolis.

Vor sechs Jahren war der Märtyrer-Platz eines der Zentren des Aufstandes gegen Langzeit-Diktator Muammar al-Gaddafi. Der heutige Rummel auf dem Märtyrer-Platz ist der Aufstand gegen das Unnormale; der Versuch, dem Chaos Normalität entgegenzusetzen. Denn: Sechs Jahre nachdem schlagkräftige NATO-Jets und kampfeswillige Libyer Gaddafi hinweggefegt und getötet haben, ist Libyen ein Land im Chaos. Das Hauptproblem: die Milizen. 30 von ihnen - mehr oder weniger große - kontrollieren heute allein Tripolis.

Demonstration gegen Gaddafi in Tripolis (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Der Märtyrer-Platz im Jahr 2011: Demonstration gegen Gaddafi in Tripolis.

Nachts hört man die Granatwerfer

Tagsüber ist das selten zu merken. Nur nachts lassen die Milizionäre es oft krachen - aus Granatwerfern, Panzern, Schnellfeuergewehren. Und manchmal erstreckt sich das dumpfe Grollen explodierender Geschosse in den Morgen - wie ein sommerliches Gewitter, das nicht abziehen will.

Wer dabei auf wen schießt, und wer trifft oder getroffen wird? Nicht immer ist das nachzuvollziehen. Manche Milizen stehen auf der Seite der Einheitsregierung. Sie ist unter UN-Vermittlung zustande gekommen. Andere sind Gegner dieser Einheitsregierung, stehen Politikern nahe, die eher dem islamistischen Lager entstammen. Die meisten Libyer wollen die Milizen längst entwaffnet sehen, weil die Grenzen zwischen denen, die Politiker schützen, und denen, die einfach nur kriminell sind, verwischen.

Ziviles Leben ist gefährlich

Davon weiß auch Nouri zu berichten: Der Endzwanziger war lange selbst Milizionär, kämpfte für den Sturz Gaddafis. Und er trat später für den Schutz des 2014 gewählten Parlamentes ein, das allerdings von Islamisten vertrieben wurde - weg aus Tripolis, nach Tobruk, in den Osten Libyens. Der Beginn des Bürgerkrieges in Libyen. Danach legte Nouri die Waffen nieder, begann als Anwalt zu arbeiten.

Aber es ist schwer,ein ziviles Leben in Libyen zu führen: Nouri erzählt, dass ihn am 10. Juni vergangenen Jahres Mitglieder eines recht starken Stammes entführten; einer Großfamilie, die sich auch Miliz nennt. Fünf Tage lang habe er nicht auf die Toilette gedurft, sieben Tage lang habe er nichts zu trinken oder zu essen bekommen; mit Handschellen war er gefesselt, die Augen verbunden. Er sollte gegen Lösegeld freikommen. Doch bevor das gezahlt wurde, konnte Nouri - in einem unbemerkten Moment - weglaufen; nach 21 Tagen Geiselhaft.

Abgemagert und geschundene Hände

Nouris Mutter zeigt Bilder ihres Sohnes auf einem Tablet-Computer. Sie zeigt, wie abgemagert er war, wie geschunden seine Handgelenke. Und sie schimpft auf alle Politiker des Landes. Es gebe keine echte Regierung, die ihnen zu ihrem Recht verhelfen könnte, weil sich die Verantwortlichen nicht einigten.

Auch ein Cousin und Nouris Bruder wurden 2015 verschleppt. Die Familie musste viel Geld für ihre Freilassung aufbringen. Andere Kidnapping-Fälle enden tödlich, wie Nouri weiß: "Sie haben ein Kind getötet, ein Mädchen, das vier Jahre alt war, weil der Vater nicht zahlen konnte."

Manchmal verschleppen Mitglieder einer Miliz jemanden aus einer anderen Miliz. Dann - so wie in den vergangenen Tagen in Tripolis - kommt es zu schweren Auseinandersetzungen, die Zivilisten in die Flucht schlagen. Grundsätzlich heißt es in Tripolis, dass täglich Menschen in Libyen entführt werden, weil Kriminelle auf diese Weise Geld erpressen wollen. Kidnapping - ein florierendes Geschäft. Nur Stabilität könnte dem etwas entgegensetzen, ein funktionierender Sicherheitsapparat.

Hilft eine neue Sicherheitsstruktur?

Um den Aufbau der Streitkräfte ringen die Politiker des Landes, manche Milizenchefs, aber auch der UN-Sondergesandte für Libyen, der deutsche Diplomat Martin Kobler. Er sagte unlängst in Tripolis: "Das Drängendste ist der Aufbau der Sicherheitsstruktur: Einer einheitlichen libyschen Armee, in der alle vertreten sind, mit einer klaren Kommando-Kette." Alle militärischen Posten müssten neu vergeben werden - darüber müsse diskutiert und entschieden werden. "Diejenigen bewaffneten Gruppen, die jetzt Tripolis beherrschen, müssen ja demobilisiert werden. Aber wenn man jetzt jemandem sagt: 'Gebt Eure Waffen ab...!' Wem sollen sie sie denn geben?", sagte Kobler.

Aufgrund der fehlenden Sicherheitsstruktur kann auch der Menschenschmuggel gedeihen; illegal nach Libyen Eingereiste - zum Beispiel Nigerianer oder Malier - werden von den südlichen Grenzen Libyens ans Mittelmeer und auf das Mittelmeer Richtung Europa gebracht. Häufig wird sogar davon gesprochen, dass die Milizen auch Menschenschmuggler sind.

Macht will keiner abgeben

Dazu hat der UN-Sondergesandte Kobler keine Informationen. Aber er wisse, dass es zwischen manchen bewaffneten Gruppen und den Menschenhändlern eine Symbiose gebe. "Darum sage ich: Manche Milizen sind schlichtweg kriminelle Gangs und man sollte sie nicht mit dem Wort Milizen bezeichnen. Auch nicht bewaffnete Gruppen. Das sind schlichtweg Kriminelle", führte Kobler aus.

Das Problem bisher: Keiner der einflussreichen Politiker und Milizen-Führer in Libyen möchte zu viel seiner Macht abgeben; denn Macht bedeutet Geld. Darunter leiden die Menschen, die nicht Teil dieser Zirkel sind.

Chaos und Gewalt - Libyen sechs Jahre nach dem Umbruch
B. Blaschke, ARD Kairo, zzt. Tripolis
28.02.2017 10:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Februar 2017 um 07:39 Uhr

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