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Ausschreitungen in Beirut
Trauerfeier wird zum Protestmarsch
Tausende Menschen haben in der libanesischen Hauptstadt Beirut Abschied genommen von den Opfern des Anschlags vor zwei Tagen. Nach der Beisetzung entlud sich die Wut vieler Trauernder, sie durchbrachen Sperren, nahmen Kurs auf den Regierungssitz. Auch in der Nacht gab es Gefechte.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Eine Trauerfeier wird zur Großdemonstration; die Großdemonstration zum gewalttätigen Protestmarsch auf den Regierungssitz, nachdem oppositionelle Politiker zum Sturm auf das Serail aufgerufen haben. Und am Ende schießen Sicherheitskräfte mit Tränengas auf Demonstranten, die mit Steinen und Metallstangen werfen.
Den Anfang nahmen die Unruhen bei der Trauerfeier für den libanesischen Geheimdienstchef, Wissam al Hassan. Hassan war am Freitag durch einen Sprengstoffanschlag getötet worden, mehrere weitere Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Bekannt hat sich zu dem Attentat niemand. Aber viele Libanesen vermuten die Drahtzieher im benachbarten Syrien.
Ein Verdacht, der naheliegt: Geheimdienstchef Hassan hatte Ermittlungen gegen einen früheren libanesischen Informationsminister geleitet, der als einer der engsten Verbündeten des syrischen Regimes in Libanon gilt. Der Minister wurde vor rund anderthalb Monaten verhaftet - wegen der Planung von Terroranschlägen. Er soll mittlerweile zugegeben haben, Sprengstoff von Syrien über die Grenze nach Libanon transportiert zu haben.
Demonstranten kritisieren zu enge Beziehung ihrer Regierung zu Syrien
tagesschau 20:00 Uhr, 21.10.2012, Thomas Stephan, ARD Kairo
Erinnerungen an Hariri-Mord
Obendrein war Hassan ein Vertrauter von Rafik Hariri, jenem libanesischen Ex-Regierungschef, der 2005 bei einem Attentat umkam und an dessen Seite der Geheimdienstchef am Nachmittag zur letzten Ruhe gebettet wurde. Der Name Rafik Hariri wurde bei den Trauerfeierlichkeiten in Beirut ständig in einem Atemzug mit dem des Geheimdienstchefs genannt, denn wie bei Hassan wird auch im Fall des umgebrachten Hariri das Regime in Damaskus der Urheberschaft beschuldigt. Der Mord vor sieben Jahren veränderte grundlegend das syrisch-libanesische Verhältnis: Die bis dahin so genannte Schutzmacht Syrien musste nach vielen Jahrzehnten ihre Soldaten aus dem Libanon abziehen, zu groß wurden die Proteste gegen das Regime von Baschar al Assad.
Zorn auf Regierungschef Mikati und Hisbollah
Die Geheimdienste aber blieben im Libanon aktiv - woran sich viele Libanesen nach dem Tod von Geheimdienstchef Hassan erinnert fühlen: "Wir drücken heute unsere Trauer und unseren Schmerz aus wegen des Todes von Wissam al Hassan, wegen unseres Landes und wegen Rafik Hariri", sagt eine Frau. "Wir fordern Regierungschef Nadschib Mikati dazu auf, lieber heute als morgen zurückzutreten; wir fordern Mikati auf, jetzt zu gehen!"
Angeboten haben soll Regierungschef Mikati seinen Rücktritt, allerdings, so heißt es, habe das Staatsoberhaupt, Präsident Michel Suleiman, das Gesuch abgelehnt. Auf Mikati konzentriert sich die Wut des Anti-Assad-Lagers im Libanon. Denn Mikati wurde durch die Hisbollah zum Regierungschef des Libanon gekürt, die stärkste Kraft im Pro-Assad-Lager des Libanon, die aktiv auf Seiten des syrischen Regimes kämpft. Ob die Hisbollah direkt in das Attentat verwickelt ist, wie einige Redner bei der Trauerfeier im Stadtzentrum von Beirut andeuteten, erscheint zweifelhaft. Die schiitische Organisation ist eher an Ruhe im Libanon interessiert; allzu viel Zuspruch hat sie aus verschiedenen Gründen in den vergangenen Monaten verloren.
Wahrscheinlicher wirkt, dass allein syrische Kräfte dahinterstecken, um zu zeigen, dass sie ihre Drohung wahrmachen können: dass sie den syrischen Bürgerkrieg leicht auch in andere Länder des Nahen Ostens tragen können. Im Libanon ist die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg seit dem Wochenende wieder da - und wird geschürt durch Provokateure.
Stand: 22.10.2012 04:29 Uhr
