Syrien-Konflikt löst Gewaltspirale im Libanon aus

Kämpfe zwischen Sunniten und Alawiten in Tripoli (Bildquelle: AFP)

Syrien-Konflikt löst Gewalt im Libanon aus

Kampfgebiet "Syrien"-Straße

Der Syrien-Konflikt reißt das Nachbarland Libanon immer tiefer in eine Spirale der Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen. In Tripoli lieferten sich sunnitische Araber und Alawiten heftige Gefechte. Ihre Stadtteile sind durch eine Straße getrennt: Sie heißt "Syrien".

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zurzeit Beirut

Sechs Tote und fünfzig Verletzte an einem Tag - damit ist die Zahl der Opfer bei den Auseinandersetzungen in Libanons zweitgrößter Stadt Tripoli schlagartig angestiegen. In den drei Tagen zuvor waren zwölf Menschen umgekommen, mehr als hundert weitere hatten Verletzungen erlitten.

Tripoli (Bildquelle: AFP)
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Menschenleere Straßen: Viele Geschäfte sind wegen der Kämpfe geschlossen. Schulen auch.

Zentrum der Gefechte sind zwei Stadtteile, die von einer Straße getrennt sind, die "Syrien" heißt. Der Name wirkt, als wäre er Programm: Auf der einen Straßenseite wohnen überwiegend sunnitische Araber, die den Untergrundkämpfern in Syrien nahe stehen. Auf der anderen sind vornehmlich Alawiten zuhause, also Angehörige jener aus dem schiitischen Islam stammenden Minderheit, der auch Syriens Präsident Baschar al Assad entstammt.

Seit Beginn des Aufstands gegen Assad hatte es mehrfach Auseinandersetzungen zwischen diesen Lagern in Tripoli gegeben, aber selten waren sie so intensiv. Außerdem weiteten sie sich aus: Gekämpft wird nun auch in anderen Stadtteilen als den beiden links und rechts der "Syrien"-Straße. Panzerfäuste wurden abgefeuert und Granaten, Scharfschützen sind in Stellung, kleinere Läden gingen in Flammen auf.

Kämpfe in Syrien und im nordlibanesischen Tripoli gehen weiter
B. Blaschke, ARD Amman
23.05.2013 17:40 Uhr

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Die libanesische Armee entsandte Einheiten in die etwa eine halbe Million Einwohner zählende Stadt, um die Gewalt zu stoppen, bisher jedoch mit wenig Erfolg. Unter den Opfern in Tripoli sollen auch Soldaten sein. Immerhin: Die Armee riegelte Teile der Stadt ab, Schulen und Geschäfte blieben weitgehend geschlossen. In den umkämpften Vierteln sind nur mehr Soldaten auf den Straßen zu sehen - und Kämpfer:

Angst vor der "großen Schlacht"

Manche Bewohner klagen, dass in ihrer Stadt seit Mitte der 1980er-Jahre nicht mehr so heftig gekämpft wurde wie jetzt. Damals lieferten sich Sunniten mit regulären syrischen Streitkräften Gefechte, die im libanesischen Bürgerkrieg interveniert hatten.

Kämpfe zwischen Sunniten und Alawiten in Tripoli (Bildquelle: AFP)
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Die Kämpfe zwischen Alawiten und Sunniten ...

Kämpfe zwischen Sunniten und Alawiten in Tripoli (Bildquelle: AFP)
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...haben deutliche Spuren in Tripoli hinterlassen.

Beteiligt waren aber seinerzeit auch libanesische Anhänger des syrischen Präsidenten, damals Hafiz al Assad, der Vater von Baschar. Daher sagt auch dieser Mann, der in Tripoli wohnt: "Es sieht so aus, als wäre es das Schicksal von Tripoli, ein Schlachtfeld zu sein. Dabei ist Tripoli eine Touristen- und eine Geschäftsstadt. Nach Tripoli kommen alle möglichen Leute mit allen möglichen Religionen, um einzukaufen. Aber ist das Schicksal von Tripolis der Tod?"

Und ein anderer Mann ergänzt: "Die Politiker müssen etwas unternehmen, bevor es zur großen Schlacht kommt."

Hisbollah bekennt sich zu Assad

Nur, dass die Politiker im Libanon überwiegend selbst einem Lager angehören - entweder dem gegen oder dem für Assad. Und die wohl mächtigste politische Kraft des Libanons ist die Hisbollah. Die Schiiten-Miliz bekennt sich seit kurzem offiziell dazu, in Syrien auf Seiten des Assad-Regimes zu kämpfen. Ihre Beteiligung an den Kämpfen um das syrische Kussair soll auch der Auslöser für die Gefechte in Tripoli gewesen sein.

Allein in den vergangenen Tagen sollen mehr als sechzig Hisbollah-Milizionäre in Syrien getötet worden sein, heißt es aus dem Libanon. Aus der Hisbollah verlautete, seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien seien 75 ihrer Kämpfer getötet worden. Eine Nichtregierungsorganisation, die den Aufständischen nahe steht, erklärte, seit vergangenen Herbst seien es 104 gewesen. Und nach Angaben eines Hisbollah-Sprechers sind weitere Kämpfer aus dem Libanon auf dem Weg nach Syrien.

Dieser Beitrag lief am 23. Mai 2013 um 19:20 Uhr auf NDR Info.

Stand: 23.05.2013 18:28 Uhr

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