Syrische Flüchtlinge, Archivbild | Bildquelle: AP

Syrische Flüchtlinge im Libanon "Nach Hause - oder nach Europa"

Stand: 12.03.2016 16:09 Uhr

Mehr als eine Millionen Flüchtlinge hat der Krieg in Syrien in den Libanon getrieben - doch die wollen einfach nur weg. Hilfe von den Behörden gibt es keine, für eine Weiterreise fehlt das Geld und auch an eine schnelle Rückkehr in die Heimat glaubt niemand.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo, zzt. Beirut

Im Zentrum von Beirut sitzt Yussef Itani in einem kleinen Ladenbüro. Er ist der Mokhtar des Viertels, eine Art Bevollmächtigter der Behörden, der sich die Probleme der Menschen anhört, auch die der Syrer. Ganz Syrien liege in Trümmern, klagt er. Selbst in 50 Jahren würden die Flüchtlinge nicht in ihre Heimat zurückkehren können.

Mindestens eine Million Syrer sind seit Beginn des Krieges in den Libanon geflüchtet, höchstwahrscheinlich sind es aber deutlich mehr. Mancher Libanese redet von bis zu zwei Millionen. Wenn das stimmt, dann wäre jeder Dritte im Land bereits ein syrischer Flüchtling.

"Am besten wäre es, die Vereinten Nationen würden eine Pufferzone an der Grenze einrichten - auf syrischem Boden. Dort könnten die Flüchtlinge versorgt werden. Wir haben selber große Probleme in unserem Land. Die Spannungen werden immer größer", sagt Yussef Itani.

Legal dürfen syrische Kriegsflüchtlinge seit gut einem Jahr nicht mehr in den Libanon einreisen, es sei denn, sie können den Nachweis erbringen, dass ein Libanese ihren Unterhalt übernimmt. Sie erhalten vom Staat keinen offiziellen Flüchtlingsstatus und auch kaum Unterstützung. Bente Scheller glaubt, dass dies die Syrer bewusst abschrecken soll. Sie leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. "Man möchte gar nicht so viel Unterstützung für Flüchtlinge hier, um eben zu signalisieren: Je schneller sie das Land verlassen, desto besser", sagte Scheller.

Syrische Frau mit Kind in Beirut | Bildquelle: dpa
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Syrische Frau mit Kind in Beirut: Keine Unterstützung vom Staat

"Die reden nur"

Viele der Kriegsflüchtlinge leben deshalb im Elend, so wie der 55-jährige Muhammad Osman. Für sich, seine Frau und die drei Kinder hat er auf einer Brachfläche in der Beiruter Innenstadt eine kleine Hütte gebaut. "Wir wohnen in einem Verschlag aus Pappe. Wer möchte so leben? Wo sind die Menschen, die helfen? Ich sehe keinen, alle reden nur", sagte er.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen unterstützt die Familie mit umgerechnet 90 Euro im Monat. Die Hälfte davon geht allein schon für Trinkwasser drauf. Medizinische Behandlung ist unerschwinglich. Und dann die Hoffnungslosigkeit. Auf die Frage, was er von den Friedensgesprächen in Genf erwartet, antwortet Muhammad: "Nichts. Sie sitzen ein paar Stunden zusammen und dann 'Tschüss, mein Lieber'. Erst beschimpfen sie sich, dann verabschieden sie sich, und das war's. Das alles ist hoffnungslos."

Anderthalb Autostunden von Beirut entfernt, im Bekaa-Tal, befindet sich das Dorf Mansoura, kurz vor der syrischen Grenze. Viele jener, die vor dem Krieg aus Syrien flüchteten, siedeln in dem Tal. Hier vermieten ihnen geschäftstüchtige Bauern Felder, auf denen Leute wie Shehada Illawi ihre Hütten errichten konnten: "Wir sind vor allen geflohen, vor dem Assad-Regime und vor den Dschihadisten. Vor allen, die uns beschossen haben."

Keine Hoffnung auf eine Verhandlungslösung

Der Familienvater hat neun Kinder zu versorgen. Die Unterstützung der UN reicht gerade mal für Brot. Deshalb schickt er die beiden ältesten Töchter zur Feldarbeit. Umgerechnet sieben Euro erhalten sie pro Tag dafür. "Was wir uns am sehnlichsten wünschen, ist die Rückkehr in unsere Heimat. Wir sind weder gegen das Regime, noch gegen die Opposition. Wir akzeptieren jeden, der regiert, wenn wir nur zurückkehren können", sagt er. Eine Verhandlungslösung in Genf, die erwartet auch er nicht.

Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung glaubt, dass vor allem das Regime von Bashar al-Assad gar kein Interesse an einem Durchbruch hat: "Das sieht sich im Moment in der Situation, in der es die Möglichkeit hätte, militärisch zu gewinnen - durch die Unterstützung Russlands und anderer. Und deswegen sehe ich da noch keine Kompromissbereitschaft."

In dem Städtchen Shtoura, 15 Kilometer Luftlinie von der syrischen Grenze entfernt, leitet Rateb Shitto den Gasthof "Al-Dimashqi". Auch er ist vor dem Krieg in Syrien in den Libanon geflohen. "Jeder Krieg hat natürlich ein Ende, aber erst, wenn beide Seiten zu Kompromissen bereit sind. Erst dann ist der Krieg auch bei uns vorbei, vielleicht in fünf oder zehn Jahren", sagt Rateb Shitto.

Kaum Hoffnung vor den Syrien-Gesprächen in Genf
J. Stryjak (SWR, Kairo)
12.03.2016 14:59 Uhr

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Zurück nach Syrien oder nach Europa

Viele seiner Gäste seien Syrer, und sie würden das ähnlich sehen. "Die meisten wollen nach Europa und versuchen fieberhaft, irgendwo das Geld dafür zu bekommen. Natürlich möchten auch welche nach Syrien zurückkehren, aber das sind nicht mal 50 Prozent, alle anderen wollen nach Europa".

In Beirut, im Ladenbüro von Yussef Itani, dem Verwaltungsbevollmächtigten seines Viertels, treffen wir einen syrischen Kriegsflüchtling, dessen Entschluss längst feststeht: Er wolle sich demnächst auf den Weg machen, erzählt er, über die Türkei und das Mittelmeer nach Europa. Dort gebe es zwar auch Probleme, aber die Zustände im Libanon seien unerträglich.

Dieser Beitrag lief am 12. März 2016 um 13:32 Uhr im Deutschlandfunk.

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