Mohammed bin Salman, Kronprinz Saudi-Arabiens, und Saad Hariri | Bildquelle: AP

Krise im Nahen Osten Der Libanon im Visier Saudi-Arabiens

Stand: 08.11.2017 21:00 Uhr

Im Konflikt mit dem Iran um die Vorherrschaft in der Region ist Saudi-Arabien derzeit geschwächt. Zudem will Kronprinz bin Salman von innenpolitischen Problemen ablenken. Dadurch könnte der Libanon zum nächsten Krisenherd werden.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Der Libanon droht zum nächsten Schlachtfeld im Ringen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Vorherrschaft im Nahen Osten zu werden. Auslöser ist der Rücktritt des libanesischen Regierungschefs Saad al-Hariri. Der 47-Jährige erklärte am Wochenende völlig unerwartet in der saudischen Hauptstadt Riad seinen Rücktritt. Als Grund nannte der sunnitische Politiker angebliche Anschlagspläne der schiitischen Hisbollah-Miliz gegen ihn.

Stellvertreterkrieg im Jemen

Die Hisbollah wird massiv vom Iran unterstützt, dem al-Hariri vorwarf, Konflikte in der Region zu säen und sich in die inneren Angelegenheiten arabischer Staaten einzumischen. Beispielhaft steht für die Saudis dafür der Krieg im Jemen. Dort unterstützt der Iran die Huthi-Rebellen. Diese hatten am Sonntag eine Mittelstreckenrakete auf den zivilen Flughafen der saudischen Hauptstadt Riad abgefeuert. Verletzte oder Tote gab es nicht. Für diesen Raketenangriff macht der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Iran verantwortlich.

Teheran weist die Vorwürfe entschieden zurück. Die iranische Führung unterstellt den Saudis aber im Gegenzug, ihre Finger beim Rücktritt al-Hariris im Libanon im Spiel gehabt zu haben. Es gehe Riad darum, eine Krise im Libanon und Spannungen in der Region heraufzubeschwören. Irans Präsident Hassan Rouhani warnte Saudi-Arabien davor, "gravierende strategische Fehler" zu begehen.

Mohammed bin Salman, Kronprinz Saudi-Arabiens | Bildquelle: AFP
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Bin Salman steht innen- und außenpolitisch unter Druck.

Trump unterstützt Saudi-Arabien

Vor allem Saudi-Arabien erhöht im Machtpoker am Persischen Golf mit martialischer Rhetorik deutlich den Einsatz. Gestützt werden die Saudis dabei von US-Präsident Donald Trump, der via Twitter seine Unterstützung für das Königreich mitteilte. Tatsächlich ist Saudi-Arabien durch die jüngsten Entwicklungen in der Region erheblich unter Zugzwang und gegenüber dem Iran weiter ins Hintertreffen geraten.

Saudi-Arabien hat in Syrien jahrelang sunnitisch-islamistische Rebellen unterstützt, um den eng mit Teheran verbündeten Präsidenten Bashar al-Assad zu stürzen - diese Strategie ist jedoch gescheitert. Assad sitzt dank Irans Hilfe fest im Sattel. Im Irak hat der Iran sehr zum Verdruss Saudi-Arabiens seinen Einfluss bis zu den Kurdengebieten im Norden des Landes ausgedehnt. Im Jemen steht Teheran auf der Seite der Huthi-Rebellen.

Schlimmste humanitäre Katastrophe der Gegenwart

Das Bemühen der Saudis, die Huthis militärisch zu schlagen, hat Tausende zivile Opfer gefordert und die Infrastruktur des Landes weitgehend zerstört. Der Jemen erlebt laut den Vereinten Nationen mit mehr als sieben Millionen vom Hunger bedrohten Menschen die schlimmste humanitäre Katastrophe der Gegenwart. Die Versuche des saudischen Königshauses, Teherans Einfluss in der Region einzudämmen, sind laut Heiko Wimmen von der "International Crisis Group" in Beirut allesamt gescheitert - und haben zumeist genau das Gegenteil bewirkt: mehr Einfluss für den Iran.

Die jüngste Eskalation auf dem Rücken Libanons ist laut Wimmen der Versuch des saudischen Kronprinzen bin Salman, von seinem verheerenden Waffengang im Jemen und seiner gescheiterten Blockadepolitik gegen dem Golfstaat Katar abzulenken. "Für den Kronprinzen geht es vor allem darum, seine innersaudische Macht zu festigen", so Wimmen. Dazu gehören ganz offensichtlich auch außenpolitische Abenteuer und Waffengänge.

Eine militärische Eskalation im Libanon selbst hält Wimmen für weitgehend ausgeschlossen, weil die vom Iran unterstützte Hisbollah militärisch zu stark sei und von keiner halbwegs ebenbürtigen Macht herausgefordert werden könne.

Hariri-Rücktritt abgesprochen?

Die rasche Unterstützung Saudi-Arabiens durch US-Präsident Trump legt die Vermutung nahe, dass die Saudis al-Hariri in Absprache mit Washington zum Rücktritt als Libanons Regierungschef bewogen haben könnten. Eine neue Regierung kann in der libanesischen Hauptstadt Beirut unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen kaum gebildet werden. Laut Verfassung muss der Ministerpräsident ein Sunnit sein. Ein geeigneter Kandidat ist dafür momentan nicht in Sicht. Hariri hatte sich mit dem Machtfaktor Hisbollah lange Zeit arrangiert. Für Mai 2018 sind Wahlen angesetzt, deren Durchführung nach den jüngsten Ereignissen aber infrage steht.

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi mahnte Saudi-Arabien zur Mäßigung. In der Region sollten keine neuen Spannungen aufgebaut werden, erklärte er in Kairo. Die Vereinten Nationen riefen die saudische Führung eindringlich dazu auf, die am Montag von Riad verhängte Blockade Jemens zu Land, zur See und in der Luft sofort aufzuheben, damit Hilfsgüter in das vom Bürgerkrieg zerrissene Land gelangen können. Riad will mit der Blockade eigenem Bekunden nach Waffenlieferungen aus dem Iran verhindern.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. November 2017 um 22:18 Uhr.

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