Helfer auf Lesbos

Flüchtlingsdrama in Ägäis Die traurige Routine von Lesbos

Stand: 30.01.2016 18:37 Uhr

Vor der griechischen Insel Lesbos geraten fast täglich Flüchtlingsboote in Seenot. Manchmal geht alles gut, gerade im Winter aber sterben auch viele Flüchtlinge. Wolfgang Landmesser hat Helfer bei ihrer traurigen Routine begleitet.

Von Wolfgang Landmesser, ARD-Studio Athen, zzt. Lesbos

Gerade hat der Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR die Meldung bekommen, dass sich wieder ein Boot der Südküste von Lesbos nähert. Die Helfer, die auf dem Ausblickpunkt von Katia gewartet haben, springen in ihre Autos und rasen los. Das passiert oft an einem normalen Tag auf Lesbos.

Es sind etwa zehn Kilometer von Katia bis zur Stelle, wo das Boot gelandet ist - kein Schlauchboot wie üblich, sondern eine Art Ausflugsschiff, das auf Grund gelaufen ist, überladen mit rund 220 Menschen. Andere Helfer haben den Flüchtlingen bereits aus dem Boot und die Böschung hinaufgeholfen.

Die freiwillige Helferin Astrid aus Rumänien war dabei. "Sehen sie, wie schlecht sie gelandet sind. Alle sind hier und da über die Felsen geklettert. Sie waren erschöpft und durchnässt, aber guter Stimmung. Vor allem wir Freiwilligen waren besorgt."

Helfer auf Lesbos
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Helfer am Strand von Lesbos sortieren Schwimmwesten und Kleidungsstücke.

Viele Tote bei Unglück von Lesbos

Eine andere Überfahrt Richtung Lesbos endete am Morgen mit einer Katastrophe. Mindestens 33 Menschen starben, als ihr Boot vor der türkischen Küste kenterte, unter den Toten sollen fünf Kinder sein. Außer dem Ausflugsschiff sind im Laufe des Tages mindestens sechs weitere Boote mit Flüchtlingen an der Südküste angekommen und einige im Norden.

Die Aufnahmekapazität der Insel ist an ihre Grenzen geraten. Das liegt auch daran, dass die griechischen Fähren im Streik sind. Die Flüchtlinge müssen warten, bis sie nach Piräus fahren können, und in den Übergangslagern wird es langsam eng.

"Es war furchtbar und sehr gefährlich"

Täglich wagen Hunderte Flüchtlinge die gefährliche Reise, und oft entgehen sie dem Schlimmsten nur knapp, wie eine Frau aus Damaskus beschreibt. "Die türkische Küstenwache hat versucht uns zu stoppen. Sie haben uns umkreist und Wellen gemacht. Wir haben uns entschieden weiter zu fahren und sind angekommen, aber es war furchtbar und sehr gefährlich."

Sie ist mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern geflohen. 1800 Euro verlangten die Schlepper pro Person. Und überließen die Flüchtlinge dann ihrem Schicksal. Die Ankunft in Lesbos sei überwältigend gewesen, erzählt sie. "Ich musste aus tiefstem Herzen weinen, als ich die Küste gesehen habe, mein Mann genauso, nicht aus Freude, sondern weil wir traurig sind, dass wir unser Haus, unsere Stadt, unser Leben zurück lassen mussten."

Flüchtlinge auf Lesbos
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Diese Familie hat es bis nach Lesbos geschafft - viele andere ertrinken jedoch im Meer.

"Menschenleben sind Schmugglern komplett egal"

Und das ist noch nicht die schlimmste Schlepper-Geschichte. Vor zehn Tagen, als es besonders kalt und stürmisch war, seien die Plätze in den überfüllten Booten zum Schnäppchenpreis verkauft worden, sagt Boris Chershirkov, Sprecher des UNHCR auf Lesbos. "Familien haben uns berichtet, dass sie einen 50-Prozent-Rabatt bekommen hätten. Das zeigt, dass den Schmugglern Menschenleben komplett egal sind. Sie sind bereit, sie zu opfern, und nur an ihrem Profit interessiert."

Über 30.000 Menschen sind seit Anfang Januar auf Lesbos angekommen. Zum Vergleich: Nur rund 720 Flüchtlinge waren es im Januar 2015. Die Hilfsorganisationen haben auf der Insel inzwischen eine Infrastruktur geschaffen, die ausreicht für die aktuellen Flüchtlingszahlen. Aber es ist damit zu rechnen, dass noch viel mehr Boote kommen, wenn es in ein paar Wochen Frühling wird.

Das tägliche Drama auf Lesbos
W. Landmesser, SWR, zzt. Lesbos
30.01.2016 17:56 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 30. Januar 2016 um 18:19 Uhr im Deutschlandfunk.

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