Interview

Tanja Kuchenbecker mit dem Buch "Marine Le Pen"

Interview über Front-National-Chefin "Le Pen gefällt sich als Populistin"

Stand: 21.02.2017 20:59 Uhr

Marine Le Pen will nicht rechtsextrem sein, gegen die Bezeichnung als Populistin hat sie aber nichts, sagt die Journalistin Kuchenbecker, die die erste deutschsprachige Biografie über Le Pen geschrieben hat. Verharmlosen dürfe man die Front-National-Chefin aber nicht. Ein Interview.

tagesschau.de: In Deutschland sagen viele, der Front National sei eine populistische Partei. Was ist an der Partei populistisch und was nicht?

Tanja Kuchenbecker: Die Strategie der Volksverführung ist populistisch. Es werden Ängste geschürt. Das ist auf jeden Fall das populistische Element. Das rechtsextreme Element sind eher ihre Ideen und ihr nationalistisches Gedankengut.

alt Tanja Kuchenbecker | Bildquelle: Tanja Kuchenbecker

Zur Person

Die Journalistin Tanja Kuchenbecker lebt seit 1991 in Paris, sie schreibt unter anderem für "Focus", "Handelsblatt", "Tagesspiegel" und "NZZ" und kommentiert Ereignisse aus Frankreich für N24. Sie berichtet über Politik, Wirtschaft und soziale Themen. Die Mutter zweier Kinder kam nach der Journalistenschule des Axel Springer Verlags nach Paris. Ihr Buch "Marine Le Pen. Tochter des Teufels" ist die erste deutschsprachige Biografie über die Chefin des Front National.

tagesschau.de: Sie schreiben, Marine Le Pen höre gar nicht so ungern, sie sei eine Populistin. Warum?

Kuchenbecker: Weil sie sich immer dagegen gewehrt hat, rechtsextrem zu sein. Und populistisch klingt einfach ein wenig harmloser. Wir haben Populisten überall in Europa und plötzlich ist sie in einem Mainstream von Populisten. Das macht sie harmloser und macht auch ihr Image etwas dezenter, als es vorher gewesen ist. Also kann ihr das nur gefallen.

Rassismus, Nationalismus, aber kein Antisemitismus

tagesschau.de: Haben sich denn die Kernziele des Front National unter Marine Le Pen verändert?

Kuchenbecker: Sie tritt sanfter auf als ihr Vater. Die Kernziele haben sich aber nicht wesentlich verändert. Es sind weiterhin rassistische Elemente dabei, es geht weiterhin um Nationalismus. Nur beim Antisemitismus hat sie ganz klar einen Schnitt gesetzt. Da grenzte sie sich deutlich von ihrem Vater ab, der ja unter anderem die Gaskammern der Nationalsozialisten als Detail der Geschichte bezeichnet hatte. Doch Marine Le Pen will neue Wählerschichten, unter anderem jüdische Wähler, an sich binden.

tagesschau.de: An die Stelle des Antisemitismus tritt nun eine anti-muslimische Politik des Front National?

Kuchenbecker: Diesen Aspekt hat Le Pen noch verstärkt - auch weil Antisemitismus in Europa nicht mehr en vogue ist und sie damit nicht weiterkommen würde, während in vielen Bevölkerungsschichten eine große Angst herrscht vor zu viel, vor allem muslimischer, Einwanderung. Damit kommt sie besser an.

Marine Le Pen | Bildquelle: AP
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Marine Le Pen will Frankreichs Präsidentin werden.

Anders als ihr Vater will Marine Le Pen an die Macht

tagesschau.de: Sie hat viele von den radikalen Kräften aus der Partei gedrängt. Ist das nicht ein Signal dafür, dass sie wirklich mit den Rechtsextremen aufräumen will?

Kuchenbecker: Auf jeden Fall, denn das waren Kräfte, die wirklich für Antisemitismus stehen. Aber es sind immer noch einige Vertreter dabei, die zur alten Garde ihres Vaters gehören. Denn sie muss natürlich auch aufpassen, dass sie die Wählerschicht, die den alten Ideen des Vaters anhängen, nicht verliert, im gleichen Moment, in dem sie versucht, sich etwas mehr der Mitte anzunähern und neue Wählerschichten zu gewinnen. Denn anders als ihr Vater, der sich gut in der Position der Opposition gefiel, hat sie ganz klar ein Machtstreben: Sie will den Front National zur stärksten Partei Frankreichs machen und selbst Präsidentin werden.

tagesschau.de: Was will sie als Präsidentin konkret verändern?

Kuchenbecker: Sie sagt, sie will Frankreich in fünf Jahren "in Ordnung" bringen. Mehr Sicherheit, mehr Polizei - und sie will eine alte Art von Ordnung, die ein wenig nostalgisch klingen mag. Und dass Frankreich wieder mehr den Franzosen gehören soll. Diese Ideen, die US-Präsident Donald Trump auch vertritt - Stichwort: America first - finden sich ganz klar auch bei ihr im Ausspruch "Frankreich zuerst". Nur hatte sie diese Ideen eigentlich schon lange vor Trump.

tagesschau.de: Der Front National ist in einigen Gemeinden in politischer Verantwortung. Was macht er, wenn er an der Macht ist?

Kuchenbecker: Das sieht man recht klar in bestimmten Gebieten in Südfrankreich und auch in Henin Beaumont, in Nordfrankreich, was ja das Gebiet war, von dem aus Marine Le Pen Frankreich erobert hat. Da werden teilweise Presserechte beschränkt, wie etwa der Zugang zu Pressekonferenzen. Bestimmte Organisationen oder Stiftungen, die nicht genehm sind, wird das Geld gekürzt. Man versucht, so eine Ordnung herzustellen, in die alles passt, was der eigenen Partei in irgendeiner Form genehm ist. Man subventioniert, was genehm ist.

Die Hoffnung, dass es mit Le Pen doch nicht "so schlimm" wird

tagesschau.de: Manche hoffen, wenn Le Pen einmal an der Macht wäre, dann wäre sie wahrscheinlich gar nicht mehr so schlimm ...

Kuchenbecker: Ich glaube, das ist Hoffnungsdenken. Es würde sich doch einiges verändern, und man darf das nicht so locker sehen und hoffen, dass es nicht so schlimm wird. Denn ihre Ideen zu Frankreich, zu Immigration, zu Europa könnten tatsächlich auch der Anfang vom Ende von Europa sein und der Anfang vom Ende von einer Freiheit und Freizügigkeit, die in den vergangenen Jahrzehnten auch durch Europa gewachsen ist.

tagesschau.de: Marine Le Pen grenzt sich gegen die regierende Elite ab. Steht sie tatsächlich gegen das "Establishment"?

Kuchenbecker: Das ist eine Beschönigung, um den "kleinen Mann" aus dem Volk für sich zu gewinnen. Tatsächlich ist sie jemand, der in dieser Elite groß geworden ist. Sie gehört einer Familiendynastie an. Und sie besuchte eine der Pariser Eliteuniversitäten für Jura. Nein, man kann kaum davon sprechen, dass sie nicht zur Elite dazu gehört, auch wenn sie sich immer gegen diese Elite stellt.

tagesschau.de: Sie werfen den Le Pens Vetternwirtschaft in der Politik vor. Wie kommen Sie darauf?

Kuchenbecker: Wenn man sich diese Partei anschaut, haben wir erst den alten Le Pen, dann haben wir Marine Le Pen und auch ihre Nichte Marion Maréchal Le Pen sitzt im Parlament. Da werden ganz klar Pfründe weitergegeben, und damit hört es nicht auf. Denn auch die älteste Tochter Marie Caroline war in der Politik und sollte eigentlich die Nachfolgerin ihres Vaters werden. Man sieht, dass die ganzen Frauen und die Töchter von Le Pen alle mit Mitgliedern aus dem FN zusammen waren, verheiratet waren oder jetzt noch befreundet sind. Also es ist wirklich ein - wie einmal ein französischer Politiker gesagt hat - Front familial.

Das Interview führte Mathias Werth, ARD-Studio Paris

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