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Flüchtlingsdrama im Mittelmeer
"Fünf Prozent kommen nie an"
Erneut haben Flüchtlinge die Überfahrt von Nordafrika zu der italienischen Insel Lampedusa nicht überlebt. Nach Angaben von geretteten Migranten starben in den Tagen nach dem Ablegen ihres Schlauchboots zehn Menschen an Bord. Abermals diskutiert die Insel nun ihr Flüchtlingsproblem.
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
Am Freitagabend machten sich knapp 60 Afrikaner in einem großen Schlauchboot von der libyschen Küste auf den Weg nach Europa, in der Hoffnung auf ruhige See. Es ist Frühling, da wird das Mittelmeer nicht mehr von den Winterstürmen aufgepeitscht.
Doch die Ruhe erwies sich als trügerisch: Zehn Menschen - sechs Flüchtlinge aus Somalia und vier aus Eritrea - stürzten bereits wenige Stunden nach der Abfahrt ins Meer und ertranken. So erzählen es die Überlebenden, die am Montagnachmittag von der italienischen Küstenwache gerettet wurden, nachdem ihr Boot bei Windstärke vier bis fünf zu kentern drohte. Es war der zweite schwere Zwischenfall in diesem Jahr: Bereits vor zwei Wochen starben fünf Flüchtlinge während der Überfahrt.
Bewohner Lampedusas rechnen mit erneuter Flüchtlingswelle
T. Kleinjung, ARD Rom
03.04.2012 20:42 Uhr
Küstenwache reagiert schwerfällig
Laura Boldrini, Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks in Italien, gibt sich beunruhigt von der jüngsten Entwicklung: "Die fünf Menschen, die bei der letzten Landung gestorben sind, waren zu lange an Bord und mussten deshalb sterben."
Das bedeutet, dass die Hilfe für die Boatpeople zu spät kommt. Gestern hatten die Flüchtlinge per Satellitentelefon Angehörige in Italien alarmiert. Erst dann machten sich italienische Küstenwache und Marine auf den Weg, um den völlig entkräfteten Menschen zu helfen.
Ob eine eigene Funkfrequenz hilft?
Christopher Hein, Präsident des italienischen Flüchtlingsrats, fordert in Radio Vatikan ein Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik: "Es muss mindestens ein Funkkanal geöffnet werden, damit eine gewisse Anzahl von Menschen, die wirklich den Schutz Europas brauchen, regulär und geschützt hier landen können." Schließlich wisse man aus den Statistiken des letzten Jahres, "dass fünf Prozent derjenigen, die Libyen verlassen haben, um nach Lampedusa oder Sizilien zu kommen, nie ankamen. Sie haben Schiffbruch erlitten und sind im Meer verschollen."
Zehntausende wollen über Lampedusa nach Europa
Mit den Flüchtlingsbooten kommt der Tod zurück auf die Insel Lampedusa, die im vergangenen Jahr zum Fluchtziel von 60.000 Menschen - vor allem aus Nordafrika - wurde. In diesem Jahr landeten bereits etwa 600 Menschen auf Lampedusa, sie stammen zumeist aus Afrika südlich der Sahara, Somalia, Eritrea, Äthiopien.
Die libyschen Küsten sind der Ausgangspunkt ihrer gefährlichen Reise übers Mittelmeer. Tunesien scheint nach den Revolutionswirren des vergangenen Jahres seinen Küstenabschnitt wieder schärfer zu kontrollieren. Dennoch haben die Menschen auf Lampedusa Angst, dass sich die Szenen des letzten Jahres wiederholen, als ihre Insel von tausenden Flüchtlingen bevölkert und übervölkert wurde und die Regierung Berlusconi tatenlos der Katastrophe zusah.
Lokale Geschäfte leiden
Angelo Mandracchia ist Reiseunternehmer auf Lampedusa, er hat vor allem Angst ums Geschäft: "Unsere Sorge ist, dass es wieder so wird wie letztes Jahr, dann haben wir wieder keine Buchungen. Die Leute stornieren, aber wir können uns kein weiteres Krisenjahr leisten."
Diese Botschaft scheint in Rom angekommen zu sein: Die Flüchtlinge, die jetzt auf Lampedusa landeten, wurden auf der Insel erstversorgt und dann gleich nach Sizilien weitertransportiert, weil es auf der kleinen Mittelmeerinsel kein Aufnahmezentrum mehr gibt. Tunesische Flüchtlinge hatten das alte Zentrum im vergangenen September angezündet und zerstört.
Wenig direkte Hilfe aus Rom
Bürgermeister Bernardino de Rubeis bringt die Interessen seiner Wähler auf den Punkt: "Wir müssen zum Modell Lampedusa zurückkehren: Ankommen und dann gleich wieder weg. Das heißt, die Flüchtlinge müssen hier die erste Versorgung bekommen, etwa Kleidung, und dann müssen Sie in andere Zentren gebracht werden. Wir wollen hier vom Tourismus leben, aber natürlich schlagen wir diesen armen Leuten auch nicht die Tür vor der Nase zu."
Die italienische Innenministerin hat zugesagt, die Flüchtlingsunterkünfte wieder zu renovieren, allerdings erst im Oktober. Bis dahin werden noch viele hundert Flüchtlinge auf Lampedusa landen, so viel scheint heute schon sicher.
Stand: 03.04.2012 21:07 Uhr
