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Zehntausende Flüchtlinge kommen jedes Jahr von Afrika auf die italienische Insel Lampedusa. Bislang wurden sie bei ihrer Ankunft von den "Ärzten ohne Grenzen" medizinisch versorgt. Doch die Helfer müssen nun abziehen. Das Innenministerium in Rom will es so.
Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom
[Bildunterschrift: Viele der Flüchtlinge sind verletzt und völlig entkräftet. Nicht alle überleben die Überfahrt. ]
Erste Hilfe, Überweisung von Patienten in schlechtem Zustand und Nachbetreuung der behandelten Personen im Aufnahmelager - Arbeit und Infrastruktur von "Ärzte ohne Grenzen" auf Lampedusa waren sehr professionell. Eine mobile Behandlungseinheit stand direkt am Hafen, Ärzte, Schwestern und Übersetzer waren rund um die Uhr verfügbar. Da die italienischen Gesundheitsbehörden keine Versorgung stellen konnten, sprang die Hilfsorganisation vor sechs Jahren ein - und wurde zur ständigen Einrichtung.
Jetzt lehnt es das italienische Innenministerium ab, eine neue Vereinbarung mit den - übrigens kostenlosen - Helfern zu unterschreiben. Der Generaldirektor von "Ärzte ohne Grenzen" in Italien, Konstantinos Moschochoritis: "Seit dem 30. Juni dieses Jahres ist unsere Einverständniserklärung mit dem Innenministerium abgelaufen und sie wurde nicht mehr erneuert. Wir haben oft nachgefragt und keine Antwort bekommen. Und deswegen mussten wir unsere Aktivitäten Ende Oktober einstellen, weil wir ohne diese Abmachung nicht auf Lampedusa arbeiten können."
[Bildunterschrift: Die Boote werden immer kleiner: Dieses Boot mit mehr als 30 illegalen Immigranten wurde Ende Juni von der italienischen Küstenwache abgefangen. ]
Dabei ist die Arbeit auf Lampedusa wichtig, sagt der Direktor von "Ärzte ohne Grenzen". Denn immer mehr Flüchtlinge landen an den Küsten, in diesem Jahr waren es nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks schon rund 30.000. Im gesamten letzten Jahr kamen 10.000 Flüchtlinge weniger. Denen, die jetzt ankommen, geht es immer schlechter, viele von ihnen sind unterkühlt, haben Verbrennungen oder sind wegen Wassermangels ausgetrocknet. Ein anderer Punkt: "Sie fahren jetzt in wesentlich kleineren Booten. Die Reise ist deswegen länger, anstrengender und gefährlicher. Außerdem ist auch die Zahl der schwangeren Frauen gestiegen, die sich auf die Überfahrt machen", so Moschochoritis. Genau 151 waren es bis Ende Oktober.
Qualifizierte Erstversorgung direkt am Hafen sei notwendig und sinnvoll, so Konstantinos Moschochoritis. Selbstverständlich wolle seine Organisation nur unterstützen und sich zurückziehen, wenn der italienische Staat eine ordentliche Versorgung sicherstelle. Nur sei das eben bis jetzt noch nicht geschehen: "Das Warum haben wir noch nicht verstanden. Es gab nie eine offizielle Antwort. Das einzige, was wir bekommen haben, waren Aussagen in der Presse oder im Fernsehen. Da hieß es, unsere Anwesenheit sei nicht mehr nötig, im Hafen gebe es genug Ärzte und wir könnten ja anderwo arbeiten."
[Bildunterschrift: Die medizinische Versorgung auf Lampedusa ist dürftig. Deshalb wurden die Flüchtlinge bislang von "Ärzte ohne Grenzen" behandelt. ]
Als unbezahlte freiwillige Helfer hätten sie aber keine Lust Befehle zu befolgen, so Moschochoritis. Aber der Hafen sei eben militärisches Sperrgebiet, ohne Erlaubnis komme man da nicht rein und auch wegen der medizinischen Behandlung sei eine schriftliche Abmachung einfach nötig. Abgesehen davon ist die medizinische Infrastruktur auf Lampedusa sehr dürftig. Es gibt kein Krankenhaus und die medizinische Ambulanz verfügt nicht mal über ein Röntgengerät. "Der Bürgermeister der Insel, de Rubeis, hat gesagt, dass unsere Anwesenheit absolut notwendig ist. Wer weiß wohl am besten, was man auf der Insel braucht, wenn nicht der Bürgermeister?", fragt sich Moschochoritis.
Trotzdem: Vorerst werden Flüchtlinge, die auf Lampedusa landen, entgegen den Gesetzen nicht adäquat medizinisch versorgt. Warum das italienische Innenministerium sich querstellt, können die Helfer nur vermuten. Vielleicht hat es mit der Medienberichterstattung zu tun oder mit der stark ablehnenden Haltung der Mitte-Rechts-Regierung Berlusconi. "Ärzte ohne Grenzen" jedenfalls fordert, Italien möge sich doch bitte so verhalten, wie es sich für ein G8-Land gehört.
[Bildunterschrift: Zwischen Sizilien und Nordafrika liegt die italienische Insel Lampedusa. ]
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