Ein YPG-Kämpfer bei Hassaka | Bildquelle: AFP

Berichte aus Nordsyrien Amnesty wirft Kurdenmiliz Kriegsverbrechen vor

Stand: 13.10.2015 13:18 Uhr

Im Kampf gegen den IS werden die Kurden in Syrien von den USA unterstützt. Nun wirft Amnesty International den kurdischen Truppen Vertreibungen der Zivilbevölkerung vor. Die Kurden sehen das ganz anders.

Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Vor einem Jahr waren sie noch die Helden von Kobane, die die Terroristen des IS zum Teufel jagten - und aus ihrer Stadt. Nun steht die Kurdenmiliz YPG im Verdacht, Zivilisten aus Dutzenden arabischen Dörfern vertrieben und deren Häuser zerstört zu haben. Diesen Vorwurf erhebt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die eines ihrer Teams in das von Kurden kontrollierte Gebiet schickte. Die Beobachter sahen verwüstete Ortschaften, trafen verstörte Menschen und haben alles dokumentiert.

"Die Milizionäre kamen in unser Haus, als ich gerade beim Kochen war", sagt eine von Amnesty befragte Frau aus dem Ort Suluk. "Sie forderten uns auf, sofort unser Dorf zu verlassen. Ich fragte: Aber wo sollen wir denn hin gehen? Sie antworteten: Haut einfach ab. Das hier ist jetzt Militärgebiet."

Von 225 Häusern stehen noch 14

Amnesty International spricht von einer regelrechten Vertreibungswelle vor allem in der Provinz Hassaka, wo neben Kurden und Christen auch sunnitische Araber leben. Satellitenbilder zeigen große Verwüstungen in der Ortschaft Husseiniya: Im Juni 2014 standen dort noch 225 Häuser, ein Jahr später waren es nur noch 14. Zeugen in den Dörfer berichteten, die Milizionäre hätten ihnen vorgeworfen, mit dem IS zu sympathisieren. Die Vertreibung war demnach so etwas wie eine Vergeltungsaktion.

Der Sprecher der kurdischen YPG, Redur Khalil, gibt freilich etwas ganz anderes zu Protokoll: "Hier ist nun einmal Krieg", sagt er gegenüber den Beobachtern von Amnesty International. Hier werde geschossen, bombardiert, es gebe Luftangriffe. "Da ist es doch das Beste, die Zivilisten aus der Frontlinie zu bringen, bis sich die Dinge wieder beruhigt haben." Das habe nichts mit Vertreibung zu tun.

US-Bündnispartner im Kampf gegen IS

Die Vorwürfe kommen ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die nordsyrische Kurdenmiliz von den USA zum Bündnispartner gegen den IS befördert wurde. Lange hatte der Westen gezögert: Schließlich ist die YPG so etwas wie der verlängerte Arm der kurdischen PKK in Nordsyrien; und die PKK wird im Westen noch immer als Terrororganisation eingestuft.

Doch angesichts der massiven russischen Einmischung in Syrien suchen die USA derzeit verzweifelt nach einer Strategie, die es ermöglicht, nicht völlig den Einfluss auf den Kriegsverlauf zu verlieren. Bislang sind sämtliche Allianzen, Koalitionen und Programme gescheitert. Vor wenigen Tagen erst gestand das US-Verteidigungsministerium ein, auch das 500-Millionen-Dollar-Projekt zur Ausbildung syrischer Rebelleneinheiten sei ein Fehlschlag gewesen.

Gestern nun wurde die Gründung eines Bündnisses angekündigt, das mit amerikanischer Unterstützung den IS in Syrien zurückdrängen soll: Dazu zählen etwa 5000 Kämpfer aus Milizen der Freien Syrischen Armee. Die Schlüsselrolle im Kampf gegen das sogenannte IS-Kalifat soll aber die schlagkräftige Kurdenmiliz YPG mit 20.000 Mann übernehmen. Ziel, so hieß es gestern, sei der Durchmarsch bis zur IS-Hochburg Rakka. Aber so wie es aussieht, wurden fürs erste nur unschuldige Zivilisten vertrieben.

Schwere Vorwürfe gegen Kurdenmiliz
M. Durm, SWR
13.10.2015 14:41 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 13. Oktober 2015 um 12:41 Uhr im Deutschlandfunk.

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