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Der Luftangriff von Kundus war die verheerendste Aktion, die je von einem Bundeswehr-Oberst angeordnet wurde. Bis zu 142 Menschen starben, die meisten waren Zivilisten. Auch ein Jahr danach ist die Katastrophe in der Region allgegenwärtig. Die Bundesregierung hält den Vorfall weitestgehend für aufgeklärt. "Was von Seiten der Regierung getan werden kann, ist auch von der Regierung getan worden", sagte Regierungssprecher Steegmanns.
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Einfach nur vergessen - viele Bewohner der nordafghansichen Provinz Kundus mögen sich zwar wünschen, sie könnten das. Aber wenn sie an die Nacht auf den 4. September 2009 zurückdenken, dann funktioniert das nicht so richtig. Es komme ihm vor, als sei das gestern passiert, bekundet ein Bewohner des Unruhedistrikts Char Darah - so deutlich erinnere er sich.
[Bildunterschrift: Taliban sollten getroffen werden - doch die meisten Opfer von Kundus waren Zivilisten. Der Luftangriff im September 2009 war vom deutschen Oberst Klein angeordnet worden - die politischen Schockwellen erreichten auch Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg. ]
Ganz in der Nähe seines Dorfes explodierten vor einem Jahr die zwei entführten Treibstofflaster. "Die Sache war so groß", berichtet Ajmal Khan, "noch heute ist es so, dass ich an diesen Tag denken muss, wann immer ich irgendwo ein lautes Geräusch höre oder wenn ich irgendwo Rauch sehe. Ich muss dann an die Toten denken und an all die Kinder, die allein zurück geblieben sind."
Wer von den - nach NATO-Angaben bis zu 142 - Toten Taliban war, wer Mitläufer, wer schlicht Unbeteiligter, wird sich nie ermitteln lassen. Fest steht aber wohl: Es starben mehr Dorfbewohner, die sich Benzin abzapfen wollten, als Kämpfer der Extremisten.
Diese Nacht, so sieht es auch ein anderer Einwohner Char Darahs, war diejenige, in der die Deutschen durchaus ein Stück ihrer Unschuld verloren. "Am Anfang dachten wir: Die Deutschen sind die einzigen ausländischen Soldaten, die sehr vorsichtig bei ihren Operationen sind. Aber dann haben wir überlegt, warum das passiert war, und danach haben wir unsere Meinung über sie geändert."
Es war ein deutscher Oberst, der den Befehl zum Bombardement gab. Ausgerechnet die bislang als so behutsam geltenden Deutschen. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als der damalige Kommandeur der Afghanistan-Schutztruppe die Devise ausgegeben hatte, zur Schonung von Zivilisten doch möglichst auf Luftangriffe zu verzichten.
Ein weiterer Afghane beschwichtigt etwas. Zunächst hätten sie sehr negativ über die Deutschen gedacht. "Aber als sie den Vorfall zu untersuchen versuchten und viel darüber geredet wurde und die deutsche Führung wiederholt betont hat, dass das ein Fehler war, haben die Leute ihre Meinung wieder etwas geändert."
Schon früh gab es neben der Ansicht, dass die Deutschen mit den Tanklastern ihr Ansehen in Afghanistan gleich mitzerstört hätten, auch eine andere. Kurz nach dem Luftangriff sagten einige: Endlich einmal hätten die sonst so vorsichtigen Deutschen gegenüber den Taliban Stärke gezeigt.
Der Distrikt Char Darah jedoch, in dem die Tanklaster in die Luft flogen, ist heute unsicherer denn je. Allen sei klar, dass zum Zeitpinkt des Angriffs Taliban zugegen waren, sagt ein Dorfbewohner. "Aber die meisten waren Zivilisten. Die Taliban haben den Vorfall zu ihrem Vorteil genutzt. Sie haben das für ihre Propaganda ausgeschlachtet und haben neue Leute für sich gewonnen." Der Vorfall, fügt er noch an, habe aus seiner Sicht den Taliban mehr genützt als geschadet.
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