Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus | Bildquelle: dpa

US-Angriff auf Krankenhaus in Kundus "Eine Folge menschlichen Versagens"

Stand: 25.11.2015 19:32 Uhr

Das US-Militär hat seinen Bericht zum Krankenhaus-Bombardement von Kundus vorgelegt. Ergebnis: Es gab kein Briefing, die Technik streikte - und als die Systeme ein freies Feld als Ziel anzeigten, nahm man einfach das nächstbeste Gebäude ins Visier.

Von Jan Bösche, ARD-Hörfunkstudio Washington

Die USA haben schwere Fehler beim Luftschlag gegen ein Krankenhaus der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus eingeräumt. Der Angriff sei "eine direkte Folge menschlichen Versagens" gewesen, sagte der Befehlshaber der US-Streitkräfte in Afghanistan, General John Campbell. Bei dem Bombardement im Oktober waren 31 Menschen ums Leben gekommen.

Der Untersuchungsbericht, den Campbell heute vorstellte, analysiert auf 3000 Seiten die Abläufe, die zu dem Luftschlag führten. Damals tobte um Kundus eine Schlacht zwischen afghanischen Truppen und dem US-Militär auf der einen Seite und den den Taliban auf der anderen. Das Krankenhaus wurde dabei fälschlich als Ziel identifiziert. Das US-Personal glaubte, ein anderes Gebäude anzugreifen, mehrere hundert Meter entfernt, wo sich Kämpfer aufhalten sollten", sagte Campbell. "Der Bericht legt auch dar, dass diejenigen, die den Angriff anordneten, und die, die ihn ausführten, nicht die angemessenen Schritte unternahmen um zu prüfen, ob das Gebäude ein angemessenes militärisches Ziel ist."

Dann halt das nächste große Gebäude

Campbell zitierte eine ganze Reihe von Fehlern, die zu dem Angriff geführt hatten. So habe die Flugzeugbesatzung kein reguläres Briefing für den Angriff erhalten. Während des Flugs seien zudem die Kommunikationssysteme der Maschine ausgefallen. So habe die Besatzung nur noch schwer mit den Kommandeuren im Kontakt stehen können.

Als die Besatzung die Koordinaten des Verwaltungsgebäudes eingab, das sie angreifen sollte, hätten ihre Systeme auf ein freies Feld gezielt, so Campbell. Darum hätten die Soldaten entschieden, das nächste große Gebäude anzugreifen. Das aber sei nicht das Verwaltungsgebäude gewesen, sondern das Krankenhaus der "Ärzte ohne Grenzen".

Laut Campbell konnte die Besatzung die entsprechenden Markierungen nicht sehen, weil es Nacht war. Schließlich hätte es kurz vor dem Angriff noch eine letzte Chance gegeben, aber auch die sei ungenutzt geblieben: "Eine Minute vor dem Abfeuern meldete die Crew an den Stab, dass sie das Gebäude angreifen werden, und übermittelte die Koordinaten des Krankenhauses als ihr Ziel. Der Stab kannte diese Koordinaten und hatte sie auf seiner Nicht-Angriffs-Liste stehen - aber er realisierte nicht, dass die Besatzung drauf und dran war, auf ein Krankenhaus zu schießen."

29 Minuten, in denen 211-mal gefeuert wurde

Der Angriff dauerte laut Untersuchungsbericht 29 Minuten, das Flugzeug schoss 211-mal auf das Krankenhaus. Auch ein Hilferuf der "Ärzte ohne Grenzen" konnte den Angriff nicht stoppen. General Campbell versicherte, man habe aus den Fehlern gelernt, Verfahren geändert. "Die Individuen, die am meisten mit dem Vorfall zu tun hatten, wurden von ihrem Dienst suspendiert. Verwaltungs- und disziplinarische Maßnahmen stehen noch aus."

Campbell versprach, die USA würden den "Ärzten ohne Grenzen" dabei helfen, das Krankenhaus wieder aufzubauen. Schließlich leisteten sie lebenswichtige Arbeit.

Mit Agenturen

Dieser Beitrag lief am 25. November 2015 um 06:41 Uhr auf WDR 5.

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