Flucht aus Kundus | Bildquelle: dpa

Nach Luftangriff auf Klinik Wer kann, der flieht aus Kundus

Stand: 05.10.2015 05:30 Uhr

Nach dem Luftangriff auf ihr Krankenhaus in Kundus zieht sich die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen aus der umkämpften Stadt zurück. Ärzte gibt es jetzt nicht mehr in Kundus. Zurück bleiben verzweifelte Menschen zwischen unsichtbaren Fronten.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Die Polizisten wollen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Sie verteilen Brot und Reis an die verängstigte Bevölkerung von Kundus. Doch die Angst sitzt tief, auch bei Mustafa. Der Junge ist vielleicht zehn Jahre alt. "In den vergangenen Tagen wurde hier heftig gekämpft, wir hatten alle Hunger", sagt Mustafa und beißt in ein Fladenbrot.

Die Straßen um ihn herum sind noch immer fast menschenleer. Es liegen Leichen herum. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (kurz MSF) hat sich nach dem tödlichen Luftangriff auf ihr Krankenhaus aus Kundus zurückgezogen. Mehr als 20 Patienten wurden sogar bis in das sieben Autostunden entfernte Kabul gebracht.

Sicherheitskräfte verteilen Brot an die Menschen in Kundus | Bildquelle: dpa
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Sicherheitskräfte verteilen Brot.

Kein Arzt mehr in Kundus

Die MSF-Klinik in Kundus war das einzige Notfallzentrum für mehr als vier Millionen Menschen in den Nordprovinzen Afghanistans. Jetzt ist das Krankenhaus ausgebrannt, und 22 Menschen sind tot: zwölf MSF-Mitarbeiter und zehn Patienten. Einige verbrannten in ihren Betten.

"Es gibt keinen Arzt mehr in Kundus", sagt Jamal Khan, ein Arzt aus dem staatlichen Regionalkrankenhaus in Kundus. Er hat sich mit seiner Familie in die Nachbarprovinz Takhar geflüchtet. "In Kundus sterben noch immer Menschen, und es gibt niemanden, der ihnen hilft", sagt Khan.  

Zwischen unsichtbaren Fronten

Ein paar Meter weiter fleht Bibi Jan um Hilfe und Schutz für sich und ihre Kinder. Auch sie hat es in ein Flüchtlingslager nach Takhar geschafft, doch sie hat ihren Mann verloren. Viele verzweifelte Familien stecken noch immer zwischen den unsichtbaren Fronten in Kundus fest. Sie haben Angst, ihre Häuser zu verlassen. Und jetzt haben sie auch noch die einzige medizinische Einrichtung verloren, die kriegschirurgische Notfallhilfe leisten konnte - bei Schusswunden, bei Schrappnellverletzungen.

Flucht aus Kundus | Bildquelle: dpa
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Wer kann, der flieht aus Kundus

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen verlangt eine unabhängige Untersuchung des Luftangriffs, der die Traumaklinik in Kundus am frühen Samstagmorgen um kurz nach zwei Uhr traf. Alle GPS-Daten seien bekannt gewesen, sagt MSF. Man habe verzweifelt um einen Stopp des Luftangriffs gebeten bei den Amerikanern und bei den Afghanen, doch der Angriff sei auch nach den telefonischen Hilferufen noch mehr als eine halbe Stunde lang weitergegangen.

Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus | Bildquelle: dpa
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Nach dem Luftangriff stand die Klinik in Flammen.

Obama spricht von "tragischem Vorfall"

Kann das wirklich ein versehentlicher Beschuss sein? MSF beschuldigt die Verantwortlichen eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens. US-Präsident Barack Obama sprach von einem "tragischen Vorfall". Er ordnete eine Untersuchung durch das Pentagon an. Sein Verteidigungsminister Ashton Carter sagte gestern vor Journalisten, dass jeder zur Verantwortung gezogen werde, der sich falsch verhalten habe. Man wisse jedoch noch nicht, wie es zu dem fatalen Luftangriff auf die Klinik gekommen sei.

Afghanische Offizielle aus dem Innen- und aus dem Verteidigungsministerium in Kabul beharren darauf, dass sich Taliban-Kämpfer in der Klinik verschanzt und auf afghanische und internationale Soldaten geschossen hätten. Ein Tathergang, den die Ärzte ohne Grenzen vehement bestreiten. Das humanitäre Völkerrecht verbietet den Beschuss von Kliniken.

"Das Versagen des Präsidentenpalastes ist für den Fall von Kundus verantwortlich", sagt Fatima Aziz. Die wütende Parlamentsabgeordnete aus Kundus demonstrierte gestern mit Flüchtlingen vor dem Parlament in Kabul. Sie verlangt, dass sich Präsident Ashraf Ghani bei der Bevölkerung für das Sterben in Kunduz entschuldigt. Für die Taliban ist der Fall von Kundus und der tödliche Luftangriff auf Zivilisten ein doppelter Propagandaerfolg. 

Nach Luftangriff in Kundus - "Ärzte ohne Grenzen" spricht von Kriegsverbrechen
Sandra Petersmann, ARD Neu-Delhi
05.10.2015 05:17 Uhr

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