Afghanische Sicherheitskräfte bei einer Aktion gegen IS- und Taliban-Kämpfer in der Provinz Nangarhar | Bildquelle: dpa

Islamisten auf dem Vormarsch EU warnt vor IS in Afghanistan

Stand: 30.09.2015 07:28 Uhr

In Afghanistan sind die Islamisten auf dem Vormarsch - und zwar nicht nur die Taliban, die zur Stunde versuchen, den Flughafen von Kundus zu erobern. Sondern auch die Terrormiliz IS. Denn die mache sich am Hindukusch zunehmend breit, warnt die EU.

Der EU-Sonderbeauftragte für Afghanistan warnt vor einem Erstarken der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Windschatten der Taliban. "In den vergangenen Wochen hat sich der IS in Afghanistan neu formiert, Orte in Nangarhar verwüstet, Stammesführer brutal ermordet, Kämpfe mit den Taliban geführt, ganze Familien gefangen genommen und rigorose Regeln für Frauen verhängt", so Franz-Michael Mellbin in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung "Die Welt". "Die afghanischen Sicherheitskräfte reagieren, aber sie sind überdehnt wegen der Operationen gegen starke Taliban-Offensiven an anderen Orten."

Die Hoffnung, der IS werde in Afghanistan ein Randphänomen bleiben, habe sich als unrichtig erwiesen. "Der Optimismus war verfrüht", erklärte Mellbin. Auch in Syrien sei der IS zunächst unterschätzt worden. Deswegen müsse die Miliz in Afghanistan jetzt schnell gestoppt werden.

Taliban überrennen Kundus

In Kundus rückten die Taliban derweil Richtung Flughafen vor - trotz der angekündigten Gegenoffensive der afghanischen Armee. Aus Sicherheitskreisen hieß es zwischenzeitlich, dass der Airport bereits größtenteils von den Aufständischen kontrolliert werde. Allerdings dauern die Kämpfe offenbar weiter an. ARD-Korrespondent Gabor Halasz twitterte am frühen Morgen deutscher Zeit, amerikanische Luftschläge hätten den Angriff der Taliban auf den Flughafen zunächst einmal gestoppt.

gabor halasz @gaborhalasz1
#Kundus: Kämpfe auch in der Nacht. Angriff der #Taliban auf Flughafen durch US-Luftschläge gestoppt.

Die Taliban hatten die Provinzhauptstadt am Montag überraschend überrannt. Am Dienstag startete die Armee mit Unterstützung der US-Luftwaffe einen Versuch zur Rückeroberung des früheren Bundeswehr-Standorts. US-Kampfjets bombardierten Stellungen der radikalen Islamisten, und die afghanische Armee versuchte, wieder in die Stadt vorzudringen. Doch scheiterte dies vorerst. Die Taliban bauten Kontrollpunkte und Straßenblockaden auf und schlugen die Truppen in Gefechten zurück.

Bundeswehrangehörige flogen nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums als Teil einer internationalen Gruppe nach Kundus, um sich dort über die Lage zu informieren. Ob sie in die Kampfhandlungen verwickelt sind, ist nicht bekannt. Die Bundeswehr ist mit bis zu 850 Soldaten in Masar-i-Scharif und Kabul präsent.

Weitere Luftangriffe unwahrscheinlich

Offenbar gehen NATO-Vertreter davon aus, dass weitere Luftangriffe unwahrscheinlich sind, weil zwar die Taliban, aber auch die Bevölkerung in der Stadt seien. Beobachter schlossen daraus, dass Regierungstruppen die Stadt bestenfalls im Straßenkampf zurückerobern könnten. Nur so könnten sich zivile Opfer weitgehend vermeiden lassen.

Wie viele Opfer es genau bei den jüngsten Kämpfen gab, ist unklar. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Wahidullah Majar, teilte über Twitter mit, in Krankenhäuser in Kundus seien 172 Verletzte und 16 Leichen gebracht worden. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen sprach von 129 Verwundeten, von denen neun gestorben seien.

Den Taliban nicht trauen

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani versuchte, in einer Rede an die Nation trotz allem Optimismus zu verbreiten. Sicherheitskräfte seien dabei, die von den Taliban besetzten Regierungsgebäude zurückzuerobern, sagte er. Der Feind habe erhebliche Verluste erlitten. Die ganze Stadt mit ihren knapp 300.000 Einwohnern werde zurückgewonnen. Die Bevölkerung solle den Taliban nicht trauen.

Aliullah bangt um seine Angehörigen in Kundus
tagesthemen 22:35 Uhr, 29.09.2015, Gabor Halasz, ARD Neu-Delhi

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