Zerstörter Tanklaster nach dem Luftangriff von Kundus | Bildquelle: picture alliance / dpa

Klage gegen NATO-Luftangriff in Kundus "Ich kann das einfach nicht vergessen"

Stand: 12.03.2015 02:57 Uhr

Fünfeinhalb Jahre liegt der tödliche NATO-Luftangriff im afghanischen Kundus zurück - den Befehl hatte ein deutscher Oberst gegeben. Jetzt verhandelt ein Kölner Gericht über Schadensersatzansprüche der Hinterbliebenen.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Längst ist die Bundeswehr abgezogen aus Kundus. Aber sie hat Spuren hinterlassen. Militärposten, eine Kaserne für Armee und Polizei - und Spuren in den Köpfen der Menschen. In einigen Fällen sind es keine guten Erinnerungen. Zum Beispiel im Fall von Abdul Hanan. Dass er der ARD überhaupt vor seinem ersten Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland ein Interview in seinem Heimatdorf gegeben hat, war damals nicht selbstverständlich. Abdul Hanan war wütend und misstrauisch, wegen des Luftangriffs von Kundus im Jahr 2009.

"Ich habe in dieser Nacht meine beiden ältesten Söhne und einen Neffen verloren. Ich kann das einfach nicht vergessen. Wir erinnern uns immer noch täglich daran, wie die Kinder gespielt haben, wie sie zur Schule gegangen sind. Sie haben uns bombardiert und unsere Kinder für ein paar Fässer Diesel getötet. Warum? Warum haben sie die Gegend nicht einfach mit Bodentruppen abgeriegelt? Wo war die afghanische Regierung?", fragt er.

Abdul Hanan ist ein Landwirt aus Kundus. Groß gewachsen, geprägt vom harten Landleben in Nordafghanistan. Seine Seele sei krank seit jener Nacht Anfang September 2009, als der deutsche Kommandeur Georg Klein einen Luftangriff auf zwei entführte Tanklastwagen anordnete, sagt er. Zu dem Zeitpunkt waren längst Zivilisten vor Ort, um sich Diesel abzuzapfen oder einfach nur zu schauen, was los ist. Nach dem Bombenangriff waren nach Angaben von Menschenrechtlern mehr als hundert Menschen tot.

"Warum lassen die Deutschen den Kommandeur laufen?"

"Ich wünsche mir, dass die deutsche Regierung ihrer Pflicht nachkommt", sagt Abdul Hanan. "Sie muss den verantwortlichen Kommandeur aushändigen. Wenn sie das nicht will, dann muss sie uns so entschädigen, dass wir langfristig abgesichert sind. Warum lassen die Deutschen den Kommandeur laufen? Warum steht er nicht vor Gericht? Er hat Bomben auf uns werfen lassen."

Abdul Hanan hat bisher, wie die anderen Opferfamilien, rund 5000 US-Dollar erhalten. Eine freiwillige Leistung der Bundesregierung, kein Schuldeingeständnis. Vor dem Landgericht Bonn wollten Hanans Anwälte rund 40.000 Euro erstreiten. Aber die Richter wiesen die Klage ab, mit der Begründung, die Bundesregierung habe ihre Amtspflicht nicht verletzt. Auch ein Strafverfahren gegen Georg Klein, den Kommandeur, wurde eingestellt.

Verständnis von Karsai

Nun soll, zumindest im Verfahren um mehr Schadenersatz, das Oberlandesgericht Köln entscheiden. Aus Kabul kommt unerwartete Unterstützung für die Bundesregierung - von Afghanistans Ex-Präsident Hamid Karsai. Der ist eigentlich für seine scharfe Kritik an den Luftschlägen der NATO bekannt, mehrfach redete er sich derart in Rage, dass sogar Tränen flossen. Gegenüber Deutschland zeigt er sich aber versöhnlich - auch, als es im ARD-Interview vor wenigen Wochen um den Angriff von Kundus ging. "Deutschland hat sehr gut reagiert. Der Verteidigungsminister kam sofort und er hat eingesehen, dass es ein Fehler war. Und es wurde versucht, den Familien auch finanziell zu helfen. Deutschland war immer ehrlich zu uns. Deutschland hat sofort reagiert auf unsere Sorgen in Sachen ziviler Opfer."

Abdul Hanan, der zwei Söhne verloren hat, sieht das anders. Er findet 5000 Dollar Entschädigung einen viel zu geringen Preis, den Deutschland zu zahlen hatte. Sein Verfahren in Bonn und jetzt in Köln dürfte wegweisend sein. Sollte er am Ende doch Recht bekommen, könnten weitere Klagen aus Kundus folgen.

Dieser Beitrag lief am 12. März 2015 um 06:51 Uhr bei Inforadio.

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