Blick auf eine Gracht in Leeuwarden | Bildquelle: picture alliance / Arco Images G

Kulturhauptstadt Leeuwarden Den Metropolen etwas entgegensetzen

Stand: 13.06.2017 02:07 Uhr

Das EU-Parlament entscheidet heute über die Zukunft der Europäischen Kulturhauptstädte. Kritisiert wird zum Beispiel, dass die ausgewählten Städte provinzieller würden. Leeuwarden, das nächstes Jahr dran ist, will die Provinz konkurrenzfähig machen.

Von Sebastian Schöbel, ARD-Studio Brüssel

Es gibt Kritiker, die sagen: Nur wer in Sachen Kultur auf Weltniveau mitspielt, sollte sich "Europäische Kulturhauptstadt" nennen dürfen. Oeds Westerhof hat dazu eine klare Meinung: "Das ist natürlich Quatsch."

Denn Westerhof hat mit seinem Team den Titel "Europäische Kulturhaupstadt" 2018 nach Leeuwarden geholt. Eine typisch holländische Postkarten-Stadt aus bräunlich-roten Backsteinhäuschen, von Grachten durchzogen, mitten in der Urlaubsregion Friesland. "Wie Amsterdam", möchte man rufen - wenn es für das kleine Leeuwarden nicht so einen bitteren Beigeschmack hätte.

Eine Zukunft für die kleinen Städte

"In Europa sind wir sehr auf die großen Städte orientiert. Aber die Hälfte Europas besteht aus Städten wie Leeuwarden. Für die suchen wir eine Zukunft." Es ist eine Zukunft, die durch die Anziehungskraft der Metropolen gefährdet sei, so Westerhof. Denn die ziehen eben neben jungen, berufstätigen Menschen und erfolgreichen Unternehmen auch Kulturereignisse an.

"Die Probleme, mit denen wir hier zu tun haben, sind ähnlich wie die anderer Städte in ganz Europa", sagt Westerhof. Das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt will Leeuwarden nutzen, um eine Lösung vorzustellen: Eine von Bürgern organisierte Gemeinschaft, dezentral, von unten nach oben, offen für Einflüsse von außen, aber gleichzeitig selbstbewusst genug, sich selbst zu helfen.

Das sei etwas, was die Friesen in den Niederlanden schon immer gut gekonnt hätten, erklärt Westerhof. So gut, dass sie ein eigenes Wort dafür hätten: "Mienskip". "Eigentlich geht es um die Revitalisierung unserer Geschichte."

Der einfache Bürger im Mittelpunkt

Das Konzept überzeugte die Kulturhauptstadt-Jury am Ende mehr als die Vorschläge der größeren Mitbewerber wie Utrecht, Maastricht und Eindhoven.

Bürgermeister Ferd Crone | Bildquelle: Sebastian Schoebel
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Bürgermeister Crone will seinen Bürgern etwas bieten, damit sie bleiben.

Leeuwardens Bürgermeister Ferd Crone hat dafür eine einfache Erklärung: "Deren Ansatz war traditioneller, mit Fokus auf Eliten, auf Hochkultur. Wir konzentrieren uns auf die einfachen Bürger, die Alten, die Jungen, Menschen aller Hautfarben. Wir stellen uns Problemen, die viele andere Regionen Europas ebenfalls kennen."

Demografischer Wandel, Ressourcenknappheit, Nachhaltigkeit, Metropole gegen ländlicher Raum: All das und mehr will Leeuwarden über Kunstprojekte zur Debatte stellen in einer Art Kultur-Labor für die Entwicklung von Europas vergessenen Klein- und Mittelstädten: Mit Theaterstücken in Gewächshäusern über polnische Gastarbeiter, einer Kunstinstallationen im Wattenmeer, Poesieevents auf Segelschiffen, Keramik als Migrationsforschung oder einem von jungen Friesen wiederbelebten "Do-it-yourself"-Musikfestival. Dies soll vor allem aber in hunderten kleinen lokalen Projekten in Leeuwarden und ganz Friesland stattfinden.

Leeuwarden soll Gewinn machen

Ganz auf Hochkultur verzichten will man freilich nicht - schon um zu zeigen, dass man es kann. Die berühmteste Tochter der Stadt, die legendäre Spionin Mata Hari, bekommt genauso eine große Ausstellung wie der berühmteste Sohn der Stadt, Zeichner MC Escher. Dessen Oeuvre sollen unter anderem Computerspieleentwickler auseinandernehmen.

Etwas mehr als 70 Millionen Euro Budget hat Leeuwarden dafür. Weniger als zwei Millionen kommen von der EU, der Großteil wurde durch die Stadt und die Provinz aufgebracht oder bei Sponsoren eingesammelt.

Käse liegt in einem Korb | Bildquelle: Sebastian Schoebel
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Neben Hochkultur soll die Alltagskultur einen wichtigen Raum einnehmen.

Klares Ziel sei es, den Betrag zu vermehren, sagt John Bonnema, der Schatzmeister des Programms. "Die bisher wirtschaftlich erfolgreichste Kulturhauptstadt war Liverpool, die achtmal mehr einnahm, als sie ausgab. Wir schätzen, jeden ausgegeben Euro mindestens doppelt wieder reinzuholen, vielleicht auch vierfach."

 Ein "Klein Amsterdam"?

Für Bürgermeister Ferd Crone ist der Titel "Europäische Kulturhauptstadt" vor allem ein Signal an die jungen Bewohner seiner Stadt: Dass Leeuwarden bereit ist, ihnen etwas zu bieten, um sie zum Bleiben zu überreden, indem man kulturelles Kapital schafft und nutzt.

"Wir müssen uns neu erfinden. Das ist für uns die Grundidee der Kulturhauptstadt. Denn viele junge Menschen wollen ja gar nicht weg, sie wollen in ihrer Heimat bleiben. Also werden wir jetzt "Klein Amsterdam". Und die Menschen sind gerne hier."

Wie genau das gehen wird, wird sich schon im Herbst zeigen. Dann stellt Leeuwarden sein endgültiges Programm für das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt vor.

Wie "Klein Amsterdam" als EU-Kulturhauptstadt groß herauskommen will
S. Schöbel, ARD Brüssel, zzt. Leeuwarden
12.06.2017 20:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. Juni 2017 um 07:50 Uhr.

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